Langens neuer Bürgermeister über den ungewöhnlichen Start ins Amt und große Pläne

Jan Werner: Krise als spannende Herausforderung

Seit genau einem Monat im Amt: Jan Werner hat viel vor – und möchte „Bürgermeister für alle“ sein.
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Seit genau einem Monat im Amt: Jan Werner hat viel vor – und möchte „Bürgermeister für alle“ sein.

Einen Monat ist der neue Langener Bürgermeister Jan Werner nun bereits im Amt. Im Interview spricht er über den ungewöhnlichen Start während der Pandemie, die größten Herausforderungen der nächsten sechs Jahre und darüber, welche Pläne er trotz Krise durchsetzen möchte.

Sie wollten das schon lange, sind dreimal angetreten. Wie fühlt es sich an, nun im Bürgermeistersessel zu sitzen?

Ich freue mich natürlich sehr, dass das jetzt geklappt hat. Aller guten Dinge sind drei und dass das Ergebnis am Ende so eindeutig war – dass ich ein Bürgermeister für alle sein kann, alle Wahlbezirke gewonnen habe – das hat mich schon sehr stolz gemacht. Man gewinnt eine Wahl, indem man seine Themen setzt. Und in dem Moment, in dem Wirtschaftsförderung und Kita die Hauptthemen im Wahlkampf waren, war ich mir sicher, dass ich diesmal gewinnen kann. Aber ich sehe das auch als große Verantwortung, in diesen schwierigen Zeiten die Stadt mit dem Stadtparlament und der Stadtgesellschaft ruhig durch diese Krise zu führen.

Es ist ja eine sehr außergewöhnliche Situation, in der Sie ihr Amt antreten. Haben Sie sich besonders vorbereitet?

Das ging leider nicht. Normalerweise werden vom Hessischen Städte- und Gemeindebund Schulungen für die neu gewählten Bürgermeister angeboten. Aber die fielen natürlich aus. Deshalb war das kein normaler Übergang. Die Vorbereitung war sehr schwierig. In den ersten Wochen konnte ich auch das Rathaus gar nicht betreten wegen Corona. Ich bin ja Mitte März gewählt worden und letztendlich war es Mitte Mai, bis ich erstmals bei einem Gespräch dabei war. Das hätte ich mir natürlich anders gewünscht. Aber wir haben es doch recht gut hinbekommen.

Wie war es vom Zwischenmenschlichen her? Viele Mitarbeiter waren ja sicher im Homeoffice, Händeschütteln ist tabu...

Auch das ist besonders: Wenn Sie 600 Kolleginnen und Kollegen haben, wie wollen Sie sich denen in Zeiten von Corona vorstellen? Deswegen habe ich noch ein weiteres Video gedreht, das nur hausintern veröffentlicht wurde. Ich bin an meinem ersten Arbeitstag ins Rathaus gekommen und habe um kurz nach acht einen USB-Stick übergeben mit einem Video, das ich am Wochenende davor privat gedreht habe. Darin stelle ich mich allen Mitarbeitern kurz vor. Mir war wichtig, dass ich gleich morgens allen einen guten Tag wünschen und ihnen sagen kann, wie sehr ich mich auf die gemeinsame Zusammenarbeit freue.

Dann kamen Sie ja in ein recht leeres Rathaus, oder?

Wir haben alle Mitarbeiter, die zu Risikogruppen gehören, ins Homeoffice geschickt. Teilweise haben wir die Leute auch in Kurzarbeit geschickt, zudem ist Urlaubszeit. Am 1. Juli habe ich meinen ersten Tag gehabt. Und einen Tag später ist der Erste Stadtrat Stefan Löbig für zwei Wochen in den Urlaub gegangen. Das war noch mal eine besondere Sache, direkt alle vier Dezernate zu führen und nicht nur die zwei.

Ein einsamer Start also...?

Nein, aber es ist eine besondere Situation. Ich glaube, in jeder Krise liegt eine Chance. Ich sehe das positiv. Es ist eine Herausforderung, aber spannender geht’s für mich nicht! Auch wenn die finanziellen Auswirkungen mir natürlich Sorgen bereiten.

Apropos Herausforderungen. Was sehen Sie als größte für die kommenden sechs Jahre an?

Ich sehe drei große Herausforderungen. Zum einen die Kita-Warteliste. Zweitens, die Verwaltung in Zeiten von Corona weiterhin handlungsfähig zu halten und gleichzeitig einen maximalen Bürgerservice zu bieten. Natürlich im Rahmen des Möglichen: Denn die Gesundheit und die Bekämpfung von Corona haben oberste Priorität. Der eine oder andere beschwert sich, warum bestimmte Bereiche der Verwaltung nicht offen haben, aber wir müssen handlungsfähig sein. Wenn es eine zweite Infektionswelle gibt, müssen wir mit allen Mitteln verhindern, dass die Verwaltung lahmgelegt wird. Die dritte Herausforderung ist, dass wir Langen im Bereich der Gewerbesteuer wieder an frühere, gute Zeiten heranführen müssen. Aber das ist ein Marathon.

Auf das Thema Gewerbesteuer haben Sie auch im Wahlkampf einen Fokus gelegt. Doch die Coronakrise sorgt hier für einen drastischen Einbruch. Was ist von Ihren Ideen überhaupt noch umsetzbar?

Das eine ist, dass ich immer wieder die Langener animiere, lokal einzukaufen und vor allem unsere Gaststätten zu unterstützen. Denn um die mache ich mir unter allen Unternehmen am meisten Sorgen, denn sie sind doppelt getroffen: einmal, weil sie im Sommer draußen nicht mehr so viele Kapazitäten an Tischen haben und zweitens, weil viele Menschen wegen Kurzarbeit nicht mehr so viel ausgeben können. Deshalb sage ich immer: Wer kann, sollte die Restaurants und Cafés unterstützen, damit wir kein Gastronomensterben im Herbst haben. Ich versuche, wo ich kann, Gastronomen bei der Erweiterung der Außenflächen zu unterstützen.

Was halten Sie davon, dass sich große internationale Unternehmen in Langen ansiedeln, wie etwa am Kronenhof, die aber eventuell keine Gewerbesteuer zahlen? Oder das Paul-Ehrlich-Institut, das ja als Bundesbehörde Renommee bringt, aber keine Gewerbesteuer...

Wissen Sie, Neu-Isenburg hat 70 Millionen Gewerbesteuereinnahmen, wir 18. Jetzt sind wir auf elf Millionen runtergefallen. Ich würde mich freuen, wenn wir irgendwann wieder eine Zwei vorne stehen haben. Und das bedeutet aber, von heute gesehen, fast 100 Prozent mehr. Beim PEI ist es so, dass viele Mitarbeiter in Langen wohnen und hier Kaufkraft generieren. Aber natürlich möchte ich mich darum bemühen, für Unternehmen jederzeit zur Verfügung zu stehen, die sich dann hier ansiedeln. Dasselbe mit Ärzten: So habe ich einem Allgemeinmediziner aus dem Rheinland geholfen, hier in Langen Praxisräume zu finden. Ich war mit ihm permanent im Austausch, ebenso wie die Wirtschaftsförderung. Wir haben ihn wirklich begleitet und kürzlich hat er dann seinen Mietvertrag unterschrieben. Darüber bin ich sehr glücklich, denn Ärzte sind für uns in einer wachsenden Stadt genauso wichtig wie Erzieherinnen und Sporthallen.

Erzieherinnen ist ein gutes Stichwort. Viele Eltern setzen große Hoffnung in Sie, was die Verbesserung der Kita-Situation und den Abbau der Warteliste angeht. Das haben Sie sich im Wahlkampf auf die Fahnen geschrieben und in Ihrem ersten Video an die Bürger erwähnt. Was können Sie Eltern, die dringend einen Betreuungsplatz brauchen, sagen?

Das erste, was ich mache: Ich rede mit den Eltern. Ich habe bis zu meinem Amtsantritt rund 140 Gespräche mit Eltern gehabt. Die sind teilweise mit ihren Kindern zu mir nach Hause gekommen. Ich führe pro Tag zwei bis drei Gespräche mit Leuten, die mir ihre Situation schildern und telefoniere mit allen persönlich. Das unterscheidet mich, glaube ich, von anderen. Ich gehe mit diesem Thema sehr offen und transparent um. Vielen Langenern war die hohe Wartelistenzahl gar nicht bewusst. Aber ganz konkret: Ich werde zur Haushaltsberatung Konzepte vorlegen. Doch das alles kostet Geld. Ich halte diese Investition in unsere Kinder für gut angelegt, aber der Bürgermeister entscheidet nicht über diese Summen. Da kann das Stadtparlament Farbe bekennen. Ich sage auch: Wir haben während Corona Millionendefizite in diesem Jahr, wir werden auch im nächsten Jahr die wirtschaftlichen Verwerfungen bei der Gewerbesteuer spüren.

Gleichzeitig muss jedem klar sein, wenn ich eine Kita baue, kostet die etwa vier Millionen für zwei U3- und drei U3-Gruppen. Aber dazu kommen die Betriebskosten, das ist noch einmal eine Million Euro jedes Jahr. Diese Summe kriege ich nicht durch Haushaltsumschichtungen finanziert, auch nicht durch schnelle Gewerbesteuererhöhungen in diesen Zeiten, sondern nur über eine Grundsteuererhöhung. Ich bin der festen Überzeugung, dass wir als Stadtgesellschaft das den Eltern schuldig sind. Gerade, wenn wir von Vereinbarkeit von Beruf und Familie – insbesondere für Frauen – reden. Aber da muss das Stadtparlament entscheiden, ob es das mitträgt. Die Kita-Warteliste, die wir in Langen haben, wurde über Jahre aufgebaut, die können wir nicht so schnell abarbeiten. Aber: Es wird Ende des Jahres im Stadtparlament ein bis zwei Projekte geben. Wir müssen schnell handeln, deshalb will ich im Zweifelsfall auch private Träger stärken.

Welche anderen Themen stehen noch oben auf Ihrer Agenda?

Zum Beispiel die Dreieichschule. Ich habe schon vor meinem Amtsantritt kurz mit deren Leitung zusammengesessen, denn ich möchte, dass auch diese weiterführende Schule Kapazitäten zum Erweitern bekommt. Das wäre durch den Stadtgarten möglich. Denn Schulen gehören zur sozialen Infrastruktur.

Stichwort Interkommunale Zusammenarbeit. Die funktioniert ja in vielen Bereichen schon gut...

Ja, mit Tobias Wilbrand aus Egelsbach verbindet mich noch die gemeinsame Zeit im Langener Stadtparlament. Auch wenn er das grüne Parteibuch hat, werden wir uns gut verstehen, da bin ich mir sicher. Aber ich werde künftig verstärkt nach Dreieich schauen. Das ist meiner Meinung nach nicht so betrieben, wie’s sein sollte. Ich hatte schon meinen Antrittsbesuch beim dortigen Bürgermeister Martin Burlon und habe mich vorgestellt. Das war ein sehr schönes Gespräch und da gibt es schon einige Pläne, die aber noch nicht spruchreif sind.

Zur Person

Jan Werner (43) ist seit 1. Juli Bürgermeister der Stadt Langen und beerbte Frieder Gebhardt (SPD). Er setzte sich in der Stichwahl am 15. März mit 58,85 Prozent der Stimmen gegen Stefan Löbig (Grüne) durch. Er war bereits 2008 und 2014 angetreten. Werner ist verheiratet und hat zwei Kinder (drei und fünf Jahre). Der promovierte Volkswirt mit Schwerpunkt Gemeindefinanzen war zuvor Professor für Volkswirtschaft in Köln. Er hat das CDU-Parteibuch, ist aber als unabhängiger Bürgermeister angetreten. Von 2001 bis 2006 war er Mitglied des Langener Stadtparlaments. jrd

Wie ist es mit dem Kontakt zu den Bürgern, ist das gerade nicht schwierig?

Also von A wie Awo bis Z wie ZenJA habe ich in den ersten zwei Wochen hier 70-Stunden-Wochen gemacht und so viel wie möglich versucht, mit Leuten zu kommunizieren. Man muss halt rausgehen! Das Allererste, das ich unterschrieben habe, war übrigens ein Tischtennisschläger. Denn zum Abschied von Gerhard Armer, der nach Jahrzehnten den Vorsitz des TTC Langen niedergelegt hat, habe ich auf das Holz geschrieben und ihm für die tolle Arbeit für das Vereinsleben im Namen der Stadt gedankt.

Sie sind ja auch in vielen Vereinen der Stadt Mitglied und haben im Wahlkampf versprochen, die Vereinslandschaft zu fördern. Vielen Vereinen geht es durch die Krise schlecht. Was können Sie Vorständen sagen, um ihnen Hoffnung zu machen?

Die Vereine sind schon massiv bei mir gewesen. Wir haben einerseits die Situation, dass wir eine sehr gute Vereinsförderung haben. Normalerweise bezuschussen wir unter anderem für Hochleistungssport sogenannte Schieds- und Meldegelder mit. In dem Moment, wo keine Wettkämpfe stattfinden, haben wir dadurch wieder mehr Geld für die Vereine an anderer Stelle übrig. Wir widmen gerade Ausgaben um, um Vereine zu unterstützen – wie etwa den FCL mit seinen neuen Wasserleitungen.

Zum Abschluss noch etwas Persönliches: Gab es jetzt in Ihren ersten Wochen im Amt schon ein besonders schönes Erlebnis?

Also ich finde jeden Tag extrem spannend, weil ich unheimlich viel mit Menschen zusammenkomme und wir gemeinsam im Team arbeiten. Das ist eigentlich das Tolle: Dass jeder Tag anders ist als der vorherige, die Termine abwechslungsreich sind. Und meine Lernkurve ist extrem hoch.

Und wenn Sie es sich wünschen könnten: Wie sollen die Langener Sie als Bürgermeister nach Ihrer Amtszeit in Erinnerung behalten?

Als Teamplayer und als Bürgermeister für alle, der mit den Problemen offen und transparent umgeht.

Das Gespräch führten Julia Radgen und Manuel Schubert.

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