Abgeschossen statt angeschossen

Kurioser Prozess am Amtsgericht: Betrunkener Obdachloser täuscht Schussverletzung vor

Im Dezember 2019 hatte der Angeklagte die Polizei gerufen und behauptet, er sei am Bahnhof in Langen angeschossen worden. (Symbolbild)
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Im Dezember 2019 hatte der Angeklagte die Polizei gerufen und behauptet, er sei am Bahnhof in Langen angeschossen worden. (Symbolbild)

Es ist nie zu spät für ein Adieu von schlechten Gewohnheiten. Diese Erfahrung durfte nun ein 32-Jähriger vor dem Amtsgericht Langen machen.

Langen – Trotz 15 Einträgen im Strafregister stellte Richter Volker Horn ein Verfahren gegen den justizbekannten Arbeitslosen ein. Der Grund: Seit dem Tod seines Vaters konnte der alkoholkranke Mann mit einer glaubwürdige Läuterung überzeugen. „Ich bin mit der Vorstellung hier herein gekommen, dass heute eigentlich eine Freiheitsstrafe dran wäre“, erklärt Horn am Ende der Sitzung, und fügt hinzu: „Ich würde sie hier gerne nicht mehr sehen!“

Sachbeschädigung, Körperverletzung, Trunkenheit im Straßenverkehr, Leistungserschleichung, Beleidigung, Bedrohung, Diebstahl, Widerstand gegen die Staatsgewalt und immer wieder Fahren ohne Fahrschein. Die Liste ist eigentlich schon bunt genug, als der Angeklagte am 12. Dezember 2019 noch für eine neue Komponente sorgt: die Vortäuschung einer Straftat mittels Notruf bei der Polizei. Volltrunken behauptet der Obdachlose gegen 4.30 Uhr, er sei am Langener Bahnhof aus einem Auto heraus in die rechte Schulter geschossen worden: „Meine rechte Hand ist schon voller Blut!“ Zwei Streifen fahren sofort los, können vor Ort aber keinen Verletzten ausmachen.

Trotz eines Pegels jenseits der zwei Promille kann sich der Missetäter vor Gericht noch ziemlich genau erinnern. „Das mit der Polizei, das ist richtig dumm gelaufen. Ich wollte eigentlich nicht angeschossen sagen, sondern abgeschossen – ich hab’ mich mit Alkohol abgeschossen. Und ich wollte den Krankenwagen rufen, nicht die Polizei.“ Das ist wohl gründlich schief gegangen. Auch der Bahnhof – er besteht weiterhin darauf, dort gewesen zu sein – ist fraglich. Man hörte durchs Telefon nämlich die Ansage „Zug nach Dieburg“, der von Langen aber gar nicht fährt.

„Ich bin von da weiter nach Egelsbach gelaufen, wollte meine Mutter auf dem Friedhof besuchen. Bin dann irgendwo im Wald aufgewacht“, behauptet der junge Mann. Ein Freund, ebenfalls polizeibekannt, habe ihn an dem Abend zum Saufen überredet. „Ich wollte erst gar nicht, dann aber bekam ich den Anruf, dass mein Vater Krebs hat. Da hab ich dann auch zu Wodka und Bier gegriffen.“ Der Freund habe ihn irgendwann gedrängt, bei der Polizei anzurufen. Später habe er sich bei den Beamten entschuldigt.

Der in der Nacht diensthabende Polizeioberkommissar kennt seine „Kunden“ bestens: „Der Freund ist bekannt für regelmäßige nächtliche Beleidigungen am Reviertelefon. Bei Aufleuchten seiner Nummer gehen wir gar nicht mehr dran. Der Angeklagte ist sonst eigentlich friedlich, hat uns nur einmal mit Schreckschusspistole die Tür geöffnet. Meist wird er als hilflose Person aufgegriffen.“

Auch den zweiten Tatkomplex gibt der Mann ohne Ausrede zu. Drei Freifahrten mit dem ICE, aufgeflogen in Mainz, Düsseldorf und Frankfurt. „Ich bekam Drohanrufe. Da habe ich Angst bekommen und bin abgehauen.“ Der Richter bohrt nach: „Warum haben Sie denn nicht die Polizei gerufen, statt in den nächsten Zug zu springen?“ – „Weil ich betrunken war.“

Der Alkohol hat das Leben des Mannes seit dem Tod der Mutter 2007 fest im Griff. Acht bis zehn Flaschen Bier am Tag waren die Regel. Mehrere Entgiftungen und Therapien brachten keinen Durchbruch. Nun ist er seit drei Wochen trocken, ohne fremde Hilfe. Anwältin Judith Bernhard und besonders die Bewährungshelferin lernten einen neuen Menschen kennen: „Es ist ein Unterschied wie Tag und Nacht. Ich erkenne ihn kaum wieder. Er bemüht sich sehr, ist zugewandt und kooperativ.“ Auch seinem mittlerweile verstorbenen Vater zuliebe: „Ich glaube daran, das er mich sehen kann. Ich will ihm zeigen, dass ich es schaffe“, sagt der Obdachlose. (Von Silke Gelhausen)

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