Freiwilligendienst im Ausland

Ausnahmezustand im Regenwald: Corona-Pandemie bringt Leben einer Langenerin in Peru durcheinander

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Klimademo in Peru: Umweltbildung gehörte zu den Aufgaben von Lorena Möller Palza (vorne rechts mit Weltplakat). Sie ist auch mit Einheimischen und anderen Engagierten auf die Straße gegangen, um Klimaschutz zu fordern.

Eigentlich ist es die Klimakrise, die die Langenerin Lorena Möller Palza während ihres Freiwilligendiensts in Peru beschäftigt. Doch dann kommt Corona und das Land erlebt eine andere Krise. Mittendrin: die 18-Jährige – denn es dauert drei Wochen, bis sie nach Hause zurückkann.

  • Lorena Möller Palza aus Langen reiste zum Freiwilligendienst nach Peru
  • In Peru traf sie die Nachricht von der Corona-Pandemie
  • Wochenlang muss sie auf ihre Rückkehr nach Langen warten

Langen – Sie habe sich schon immer für Umweltthemen interessiert, sagt Lorena Möller Palza. „Und der Amazonas-Regenwald ist für das Weltklima eben besonders wichtig“, so die 18-Jährige. Da sich große Teile davon in Peru befinden und sie familiäre Bindungen ins südamerikanische Land hat, lag es nahe, dass Möller Palza ihren Freiwilligendienst dort verrichtet. 

Die Tochter einer Peruanerin war schon mehrfach zu Besuch, meist in der Hauptstadt. Aber sie ist sicher, dass es noch mehr zu entdecken gibt. Während ihres Abiturs an der Dreieichschule bewirbt sich die junge Frau. Im August vergangenen Jahres beginnt dann ihr Jahr als Freiwillige in Moyobamba, San Martín, im peruanischen Regenwaldgebiet bei einer lokalen Nicht-Regierungs-Organisation. Dass eine andere weltweite Krise ihren Aufenthalt um Monate verkürzen würde, kann sie nicht ahnen.

Mitten in peruanischen Regenwald kommt die Nachricht von Corona

Die 18-Jährige ist gerade für einen Workshop in einem sehr kleinen, schwer erreichbaren Örtchen im Regenwaldgebiet, als die alles verändernde Nachricht eintrifft: Sie zeigt den Landwirten dort, wie aus den Schalen der Kakaobohne, einem Abfallprodukt, Mehl gewonnen wird, um ihnen dies als Einnahmequelle schmackhaft zu machen – als Alternative zur Rodung des Regenwalds für Viehzucht und Reisanbau. Dann dringt die Neuigkeit ins Dorf, dass Staatspräsident Martín Vizcarra den nationalen Notstand ausgerufen hat. „Davor hatten wir zwar von der Pandemie gehört, sie war aber ganz weit weg“, erinnert sich die Langenerin.

Dann geht alles ganz schnell: Nur ein Tag Zeit bleibt den Peruanern, um von ihrem aktuellen Aufenthaltsort zu ihrem Wohnsitz zurückzukehren. „Hätten wir es nicht direkt erfahren, hätten wir nicht mehr zurückgekonnt“, meint Möller Palza, die während des Diensts in einer WG mit Peruanern und anderen Freiwilligen aus Deutschland zusammenlebt. Das Team bricht den Einsatz ab und macht sich auf den Rückweg. „Da habe ich gespürt, dass das Virus auch hier angekommen ist. Und ganz schnell schlimme Folgen haben kann“, sagt die Deutsche. In dem Dorf etwa gibt es weder Toiletten noch fließendes Wasser, die Hygienevorgaben sind nicht einhaltbar. Die Rückkehr nach Moyobamba ist stressig. Wegen der kurzen Frist ist das halbe Land auf den Beinen. „Es war die Hölle los“, erinnert sich Möller Palza.

Freiwilligendienst in Peru endet wegen Corona fünf Monate früher

Schon am nächsten Tag erklärt das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung ihren Freiwilligendienst – fünf Monate zu früh – für beendet. Die Regierung beginnt, Deutsche aus dem Ausland zurückzuholen. „Doch in Peru wurden alle Flughäfen geschlossen, Ausgangssperren erlassen, privater Reiseverkehr verboten“, erzählt Möller Palza. Sie kann nur an Ort und Stelle bleiben.

Grüne Lunge: Fünf Monate zu früh musste die Langenerin ihren Freiwilligendienst in Moyobamba im Regenwaldgebiet beenden – wegen Corona.

Die Vorschriften sind streng. Militärtrupps marschieren auf den Straßen, nur für Erledigungen darf man die Wohnung verlassen. „An den Straßenecken wurden plötzlich statt gegrillter Kochbananen und Fleischspießen selbst genähte Schutzmasken, Desinfektionsmittel und Handschuhe verkauft“, berichtet Möller Palza. Drei nervenaufreibende Wochen verbringt sie nach Ausruf des Notstands in Moyobamba. „In dieser Zeit habe ich die wirtschaftlichen Folgen für Land und Leute direkt gespürt, – seien es Tagelöhner oder Lehrer, die kein Einkommen mehr erhalten und oft über keine Ersparnisse verfügen“, sagt die Langenerin. Immer öfter fällt die Strom- und Wasserversorgung aus. Der Markt hat nur von vormittags geöffnet, dementsprechend drängen sich die Menschen. Doch sie wird als „Gringa“ (Umgangssprache für weiße Ausländerin) mit extra großem Abstand umgangen, sagt Möller Palza. „Viele Peruaner werfen Europäern vor, das Virus eingeschleppt zu haben.“

Peru befindet sich wegen der Corona-Pandemie im Ausnahmezustand

Die Maßnahmen im Andenstaat werden verschärft, die wirtschaftliche Not ist groß. „Die Kriminalitätsrate steigt, vor allem Lebensmittelläden werden überfallen“, berichtet die Freiwillige. Dabei liege ihre Wohnung in einer sonst sehr ruhigen Gegend. Die Ausgangssperre wird verlängert. „An Ostern durfte niemand auf die Straße“, sagt Möller Palza. Zwischenzeitlich dürfen Männer und Frauen nur getrennt raus – jeweils an bestimmten Wochentagen.

Warten mit Sicherheitsabstand: Während links im Hintergrund Militär patrouilliert, warten die Ausländer vor dem Flughafen, dass sie endlich aus dem Land kommen.

Währenddessen wartet die Deutsche immer noch auf ihre Rückholung. „Peru war ein Spezialfall, weil es schon so früh so drastische Maßnahmen verhängt hat*“, meint sie. Die Langenerin steht in Kontakt mit der Organisation Ecoselva, die den Einsatz in Peru koordinierte, und anderen Freiwilligen: Sie kommen etwa aus der Dominikanischen Republik oder Indien problemlos nach Hause.

Lorena Möller Plaza aus Langen: „Corona und Klimawandel sind beides Krisen“

Dann ist es so weit: Nach einer zweistündigen Busfahrt und stundenlanger Warterei vor dem Flughafen sitzt sie in einem Flieger, der sie über Chile nach Hause bringt. Der Abschied ist emotional. Doch trotz des frühzeitigen Endes ihres Aufenthalts hat sie – auch durch diese Ausnahmesituation – viel gelernt, sagt Möller Palza. „Corona und der Klimawandel sind beides Krisen – nur letztere haben viele Menschen nicht so vor Augen“, sagt die junge Frau. 

Dabei zeige die aktuelle Situation, dass es möglich sei, „richtige, aber harte Maßnahmen“ zu befolgen. „Die Klimakrise setzt während der Pandemie nicht aus“, appelliert Möller Palza, die sich in Deutschland bei Fridays for future beteiligt und auch in Peru an Klimademos teilnahm. Die Zeit im Regenwaldgebiet habe ihr verdeutlicht, wie groß der Handlungsbedarf ist und dass die Politik dringend global handeln müsse, sagt die Langenerin, die sich gut vorstellen kann, beruflich in die Richtung Umweltwissenschaft und Entwicklungsarbeit zu gehen. „Der Wiederaufbau nach der Corona-Krise muss aber unbedingt nachhaltig gestaltet werden. Sonst steht die nächste Krise vor der Tür“, meint sie.

Nach der Kfz-Zulassungsstelle und dem Wertstoffhof wird jetzt auch das städtische Bürgerbüro im Rathaus in Langen wieder geöffnet, das seit Mitte März aufgrund der Corona-Krise für den Publikumsbetrieb geschlossen war.

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