Betreutes Wohnen

Streit um Versprechen: Senioren sauer über fehlende Leistungen – DRK wehrt sich

Die Unterkünfte des betreuten Wohnens in der Frankfurter Straße 58.
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Resignation und Wut machen sich bei den Bewohnerinnen und Bewohnern der Frankfurter Straße 58 in Langen breit.

„Betreutes Wohnen Plus“ gegen die Vereinsamung im Alter wurde ihnen einst versprochen. Zum Ärger der Bewohner in Langen ist davon jedoch wenig zu spüren.

Langen – Ein Leuchtturmprojekt für die gesamte Region sollte in der Frankfurter Straße 58 entstehen. Zumindest wurde es vom Investor, der Domizilium-Unternehmensgruppe aus dem bayerischen Altenstadt, damals euphorisch als solches angekündigt.

Keine zwei Jahre nach Fertigstellung der Einrichtung ist bei den Bewohnern von der anfänglichen Euphorie über das angebotene „Betreute Wohnen Plus“ allerdings keine Spur mehr auszumachen. Stattdessen trifft man auf Enttäuschung, Resignation – und auch Wut. Ende 2019, als die ersten Mietverträge für die insgesamt 57 barrierefreien und rollstuhlgerechten Wohnungen in unmittelbarer Umgebung des DRK-Seniorenzentrums unterzeichnet wurden, sah das noch anders aus.

Betreutes Wohnen in Langen (Kreis Offenbach): Unterschied zwischen Versprechen und Wirklichkeit

Für viele der künftigen Bewohnerinnen und Bewohner klang das versprochene Konzept zur Vermeidung von Einsamkeit im Alter verlockend. Von Kunst, Handwerk und Kochtherapie war da die Rede, genauso wie von möglichen Räumen für Ärzte, Therapeuten oder weitere Gesellschaftsaktivitäten. Bei dem mittelständischen Familienunternehmen Witron aus dem bayerischen Parkstein unterschrieben die Interessenten einen Mietvertrag für die Wohnräume. Mit dem DRK-Kreisverband Offenbach schlossen sie einen weiteren Vertrag über sogenannte Grundleistungen des betreuten Wohnens ab, zu einem monatlichen Entgelt von 120 Euro.

Fragt man im Herbst 2021 bei den verbliebenen 35 Bewohnern nach, wie es um das einst versprochene Angebot bestellt ist, tritt ein großer Unterschied zwischen Anspruch und Wirklichkeit zutage. Mitnichten handele es sich bei ihrem derzeitigen Leben um eine Form des betreuten Wohnens, lautet unisono die ernüchternde Antwort. Vielmehr sei, so eine der Bewohnerinnen, „alles, was wir jetzt hier haben, nur eine überteuerte Mietwohnung“.

Betreutes Wohnen im Kreis Offenbach: Geld trotz Ausfällen durch Corona abgebucht

Denn mit Beginn der Corona-Pandemie sei ein Großteil der Leistungen, von etwaigen Gemeinschaftsaktivitäten bis hin zur Rezeptionistin, ersatzlos gestrichen worden. Der Betrag von 120 Euro sei den Bewohnerinnen und Bewohnern dennoch für fast ein halbes Jahr weiterhin vom Konto abgezogen worden. Kontaktaufnahmen zu Verantwortlichen des DRK zur Klärung der Situation seien ein ums andere Mal im Leeren verlaufen. Schriftlich habe man sich ihnen gegenüber überhaupt nicht erklären wollen, in Gesprächen habe man lediglich ausweichende Antworten erhalten, so erzählen es die Bewohnerinnen und Bewohner.

Und so sehr sie auch Verständnis dafür aufbringen, dass aufgrund der Corona-Beschränkungen längst nicht alle Leistungen des betreuten Wohnens angeboten werden konnten, so wenig verstehen sie, warum diese auch nach den erfolgten Lockerungen nicht wieder aufgenommen wurden.

Betreutes Wohnen in Langen: Klingelanlage defekt, Keller vollgelaufen

Hinzu kommt, dass einige der Bewohnerinnen und Bewohner auch noch mit einer zweiten Baustelle zu kämpfen hatten. So berichten die einen von einer monatelang defekten Klingelanlage, die anderen von vollgelaufenen Kellern oder Tiefgaragen. Auch hier habe sich der Vermieter durch wenig Transparenz hervorgetan, die einzige Form der Kommunikation habe „in einem Aushang am schwarzen Brett bestanden, in dem die Rede von Gewährleistungsmängeln war“, erinnert sich einer von ihnen.

„Corona hat unsere Pläne ziemlich durcheinandergebracht“, sagt Ilija Ohm. Er ist Leiter des DRK-Seniorenzentrums in der Frankfurter Straße und beteuert, „dass wir dabei waren, alles umzusetzen“, bevor dann die Pandemie kam. Regelmäßige Besuche bei den Bewohnern hätten jedoch die gesamte Zeit lang genauso stattgefunden wie die telefonische Beratung. Nur eben die Gruppenangebote nicht. Da sich das DRK „an niemandem bereichern will“, habe man für den Ausfall einiger Leistungen zudem die Zahlung für die Grundleistungen der vergangenen zwei Monate erlassen. Auch sei im Oktober mit einer Wiederaufnahme von Angeboten zu rechnen, etwa mit Seniorengymnastik. Eine neue Hauswirtschaftsleitung werde sich künftig „noch intensiver um die Gemeinschaftsaktivitäten kümmern“. Er räumt zwar ein, dass man hinsichtlich der Kommunikation „immer etwas besser machen kann“. Mittlerweile hätten jedoch mit sämtlichen Bewohnerinnen und Bewohnern Gespräche stattgefunden, zudem sei eine Mieterversammlung in Planung.

Betreutes Wohnen in Langen (Kreis Offenbach): Leiter gesteht Fehler ein

Er betont aber auch, dass es im Vorfeld hätte deutlicher sein können, was genau das Konzept des betreuten Wohnens an dem Standort beinhalte. „Das kann passieren, wenn die Vermarktung von jemandem gemacht wird, der sich in dem Bereich Pflege nicht so gut auskennt“, so Ohm. Dennoch betont er: „Wenn wir jemanden verärgert haben, entschuldige ich mich bei allen und möchte einen Neustart beginnen.“

Bezüglich der baulichen Mängel teilt Annett Kamm von der Firma Witron mit, dass „trotz Corona-Pandemie und den damit verbundenen Lieferengpässen und erschwerten Umständen“ bei den Reparaturen mittlerweile erreicht wurde, „dass sämtliche Mängel zwischenzeitlich entweder beseitigt sind oder sich in der Beseitigung befinden“. Die Betreuungssituation vor Ort liege ihr zufolge eindeutig in den Händen des DRK: „Für uns als Vermieter ist es wichtig, dass für sämtliche Pflege-Dienstleistungen ein starker Partner zur Verfügung steht, da wir als Industrieunternehmen keinerlei Expertise im Bereich soziale Dienste haben“. Abschließend kündigt sie an, dass in den kommenden Wochen eine Reihe von persönlichen Gesprächen mit den Mietern stattfinden. „Um eventuell vorhandene Unsicherheiten aus dem Weg zu räumen“, wie Kamm sagt.

Währenddessen hat sich die Stimmung bei den Bewohnerinnen und Bewohnern trotz der Beteuerungen seitens der Verantwortlichen nicht wirklich gebessert. Einer von ihnen teilt mit: „Wir sitzen jetzt hier ziemlich blöd rum, da sich ja Witron und DRK immer wieder den Ball zuschieben und keiner zu einer Entscheidung kommt.“ (Joel Schmidt)

Das DRK-Seniorenheim in Langen war Anfang des Jahres 2021 auch von einem Corona-Ausbruch betroffen.

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