Böse Worte, Faustschläge und Tritte

Anderthalb Jahre Haft wegen Körperverletzung und antisemitischer Beleidigung

Am Amtsgericht Darmstadt wurde das Urteil gegen einen 28-jährigen aus Langen wegen Körperverletzung und antisemitischer Beleidigung gesprochen.
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Am Amtsgericht Darmstadt wurde das Urteil gegen einen 28-jährigen aus Langen wegen Körperverletzung und antisemitischer Beleidigung gesprochen.

Im Januar 2019 wird ein Mann am Langener Bahnhof brutal angegriffen, nachdem er Zivilcourage gezeigt hat. Nun wurde am Amtsgericht Darmstadt das Urteil gegen den Angreifer, einen 28-jährigen Langener mit kamerunischen Wurzeln, gesprochen.

Langen – Der Amtsrichter verurteilte den Täter wegen gefährlicher Körperverletzung zu anderthalb Jahren Freiheitsstrafe. Zu der eigentlichen Straftat hinzu kommt der Umstand, dass sie einen antisemitischen Hintergrund hat.

Da der Angeklagte zum ursprünglich für Anfang Januar anberaumten Gerichtstermin nicht erschienen war, hatte Amtsrichter Mathias Siebertz einen zwischenzeitlich außer Vollzug gesetzten Haftbefehl reaktiviert, sodass der 28-Jährige diesmal im Gerichtssaal sitzt. Die Verhandlung arbeitet seine Auseinandersetzung mit dem heute 49-jährigen Geschädigten auf. Ausgangspunkt ist laut Anklageschrift ein antisemitischer Angriff: Der 28-Jährige – stark alkoholisiert und unter Drogeneinfluss stehend – soll zunächst einen älteren Mann angepöbelt haben. Dieses bis heute unbekannte Opfer soll nach dem äußeren Erscheinungsbild als gläubiger Jude oder Rabbi erkennbar gewesen sein. Der Angeklagte habe den Mann als „Scheiß Jude“ und „Hurensohn“ beleidigt. Nachdem mehrere Zeugen dem älteren Mann zu Hilfe kommen, lässt der Angeklagte von dem Fremden ab – jener zieht unerkannt seiner Wege.

In der Verhandlung relativiert der 28-Jährige den Vorfall und erklärt, er habe mit dem vermeintlichen Rabbi diskutiert. An das Thema könne er sich nicht mehr genau erinnern, die beiden hätten „über Gott und die Welt“ gesprochen. „Dann ist das Gespräch ein bisschen ausgeartet“, so der Beschuldigte.

Der 49-jährige Zeuge, der in der Verhandlung als Nebenkläger auftritt, mischt sich in den Vorfall ein, fotografiert den Angeklagten und ruft per Handy die Polizei herbei. Daraufhin gerät er ins Visier des Angeklagten und mit diesem aneinander. Der Nebenkläger räumt ein, zu dem dunkelhäutigen Täter gesagt zu haben, jener solle „dort hingehen, wo er herkommt“. Als er einen weiteren Anruf tätigen will, greift der Angeklagte ihn mit einem Schlag auf den Kopf an. Im Prozess schildern Zeugen, dass der Jüngere den Älteren mit Fäusten und Tritten malträtiert habe. Das Opfer erleidet mehrere Knochenbrüche im Gesicht sowie des Mittelhandknochens. Außerdem geht bei der Attacke seine Brille zu Bruch, sodass er am Auge ebenfalls verletzt wird. Noch heute habe er unter den körperlichen Folgen zu leiden, schildert der Geschädigte.

Nach der Tat wurde bei dem Angeklagten ein Alkoholwert von 2,83 Promille festgestellt. Im Prozess gibt der bereits 2016 und 2019 wegen Körperverletzung in alkoholisiertem Zustand Verurteilte zu, regelmäßig zur Flasche zu greifen, wenn er „schlechte Laune“ habe und mit Vorurteilen konfrontiert werde. Eine Therapie hat er freilich bislang nicht angetreten – das hebt Richter Siebertz in seiner Urteilsbegründung als strafverschärfend hervor. Zudem greift der Richter die antisemitische Pöbelei des Angeklagten auf – „trotz Ihrer eigenen Erfahrungen mit Diskriminierung“. Jedoch geht Siebertz ebenso auf den rassistischen Zuruf des Geschädigten ein und bezeichnet dessen Verhalten als „unanständig“.

Während Manfred Döring, Pflichtverteidiger des Angeklagten, eine maximal einjährige Bewährungsstrafe fordert, plädiert Dr. Jürgen Rath, Anwalt des Nebenklägers, für eine Freiheitsstrafe von zweieinhalb Jahren. Staatsanwalt Thomas Betten wiederum fordert eine Freiheitsstrafe von einem Jahr und vier Monaten.

Der 28-Jährige zeigt sich geständig und entschuldigt sich beim Geschädigten. Laut „Anerkenntnisurteil“ im vorausgegangenen Zivilprozess muss der Täter dem Geschädigten 8 000 Euro zahlen. 1500 Euro hat er direkt am Prozesstag dabei; er händigt diese in einem Briefumschlag seinem Verteidiger aus. Zudem bleibt dem Mann die Möglichkeit, Rechtsmittel gegen das Urteil einzulegen. Außerdem macht er vom Recht auf das „letzte Wort“ Gebrauch und erklärt, er habe aus seiner Zeit in der Untersuchungshaft seine Lektion gelernt: „In Zukunft lieber zur Wasserflasche greifen, statt den Frust anderweitig zu ertränken!“

VON VANESSA KOKOSCHKA

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