Schwieriger Spagat und geschenkte Zeit

Wie Eltern und Kinder die Einschränkungen in den evangelischen Kitas erleben

Keine alltägliche Arbeitssituation: Florian Leuschner mit seinen vier Kindern Aimee, Peyton, Shiloh und Sophia (von links) im Homeoffice im Schlafzimmer. Foto: p
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Keine alltägliche Arbeitssituation: Florian Leuschner mit seinen vier Kindern Aimee, Peyton, Shiloh und Sophia (von links) im Homeoffice im Schlafzimmer.

Für Eltern mit kleinen Kindern ist es seit Beginn der Coronakrise ein schwieriges Thema: Wie sollen sie Alltag und Betreuung des Nachwuchses unter einen Hut bekommen? Dies gilt insbesondere für Berufstätige, deren Tätigkeit nicht als „systemrelevant“ eingestuft wurde und die so nicht auf die Notbetreuung der Kindertagesstätten zurückgreifen können.

Langen/Dreieich/Neu-Isenburg – „In den zehn evangelischen Kindertagesstätten in Langen, Dreieich und Neu-Isenburg werden normalerweise 518 Kinder betreut“, erläutert Christine Großebörger. „Davon sind momentan 92 Kinder in der Notbetreuung“, bilanziert die Geschäftsführerin Kindertagesstätten im Dekanat Dreieich. Der Bedarf sei recht unterschiedlich: Während sich in einer Kita derzeit nur zwei Kinder aufhalten, sind es in einer anderen 27.

So dürfen die sechsjährige Ana und ihre kleine Schwester weiterhin in die Langener Martin-Luther-Kita gehen. „Dadurch ist der Tagesablauf unter der Woche ähnlich wie sonst auch“, erzählt ihre Mutter. „Ana war natürlich traurig, dass der Schnuppertag in der Schule ausfallen musste, ebenso wie die Übernachtungsparty und die Abschiedsfeier im Kindergarten“, berichtet Isabel Reiffenstein. Doch es gibt auch Positives: „Die Zeit mit den Kindern erleben wir viel intensiver als sonst“, stellt Papa Florian Schreiber fest. „Wir gehen viel in den Wald, klettern über Baumstämme und entdecken die Natur.“

„Durch regelmäßigen Kontakt zu den Familien wissen unsere Mitarbeiter um deren Situation“, so Großebörger. Und diese ist oft alles andere als unproblematisch. So kämpft Familie Schieke aus Langen damit, dass drei Wochen nach der Geburt von Tochter Pia Bruder Tim wegen des Shutdowns nicht mehr in den Stadtkirchen-Kindergarten gehen konnte. Das Baby schreit viel, und Tim fehlen seine Spielkameraden, dadurch ist ihm oft langweilig. Für Aufmunterung sorgen die WhatsApp-Videos, die das Kita-Team für die Kinder produziert.

In Neu-Isenburg empfindet Sabrina Schreib die Phase der Isolation als „Herausforderung, die wir gerne annehmen, um uns und andere nicht zu gefährden“. Die alleinerziehende Mutter gestaltet die intensive Zeit mit ihrer Tochter mit Spielen, Basteln, Malen, Singen sowie mit dem neuen Laufrad und dem Roller. Die zweieinhalbjährige Matilda freue sich, wenn sie beim Spazieren gehen Erzieher aus der Kita der Johannesgemeinde treffe und sei begeistert von den Videos sowie von der Basteltüte.

Alexandra Häckel aus Dreieich übt in Zeiten der Kita-Schließung in der Sprendlinger Hegelstraße den Spagat zwischen Homeschooling, Haushalt und Kinderbespaßung. Während Marcel (9) bei den Hausaufgaben auf ihre Unterstützung angewiesen ist, will ihre fünfjährige Tochter mit der Mama spielen. Inzwischen bearbeitet Jolie eigene Arbeitsblätter mit Schwungübungen, die ihr die Mutter ausdruckt. Als größte Herausforderung nennt die 35-Jährige „die Planung, was mache ich wann und wie“. Besonders schön sei es, in dieser Zeit die Fürsorge füreinander zu erleben. „Ich bin sehr glücklich, dass die Kinder gut miteinander auskommen und dass auch mal der Große seine kleine Schwester beschäftigen kann.“

Bei Leuschners aus Langen sitzt Vater Florian seit Wochen im Homeoffice im Schlafzimmer. „Es ist nicht einfach, Arbeits- und Familienzeit voneinander zu trennen“, sagt er. „Bei vier Kindern ist es eine Herausforderung, den Bedürfnissen aller Kids gerecht zu werden“, ergänzt seine Frau. Auch falle es schwer, eine Balance zwischen sportlichen Aktivitäten und kreativen Angeboten zu schaffen. Während Baby Shiloh gerade mal vier Monate alt ist, besuchten Sophia (6) und Aimee (4) bis zum Lockdown die Martin-Luther-Kita. Im Sommer soll der zweijährige Payton dazu kommen. Auch wenn die Kinder ihre Freunde vermissen, profitieren die sechs doch von viel Familienzeit. „Die Kids haben mehr von ihrem Papa, wir genießen das gemeinsame Mittagessen und wir haben die Möglichkeit, Projekte anzugehen, die sonst oft auf der Strecke bleiben“, zählt Rebekka Leuschner auf.

In den vergangenen zehn Wochen haben sich die Kita-Mitarbeiter etliche Aktionen einfallen lassen, um den Kontakt zu den Kindern zu halten. Die Kleinen nutzten eifrig die Angebote, um persönliche Botschaften zu hinterlassen. So entstand im Eingangsbereich der Langener Stadtkirchen-Kita ein Bild aus vielen Zeichnungen mit Straßenkreide. Etliche Familien bemalten die bereitgestellten Steine und legten sie wieder vor der Kita ab. Viele Eltern bepflanzten gemeinsam mit ihren Kindern die an Zäunen aufgehängten Gummistiefel mit Blümchen. Auch Mandalas, Bastelanleitungen und Arbeitsblätter waren gefragt, erklärt Kirsten Scharf, Leiterin der Stadtkirchen-Kita. „Der Renner waren die Bastelpakete zum Vatertag, die zum Abholen bereitlagen.“

„Die Kinder vermissen ihr gewohntes Umfeld“, ist ihr bewusst. Doch das werden sie, so Scharfs Befürchtung, auch nach der Wiederaufnahme des eingeschränkten Regelbetriebs nach Pfingsten in den Einrichtungen nicht vorfinden. Die Vorgaben des Landes Hessen stellen die Teams vor logistische Herausforderungen. „Für jede Gruppe sind separate Waschmöglichkeiten und Toiletten zu schaffen, was in der Umsetzung schwierig ist, da sich die einzelnen Gruppen nicht begegnen dürfen“, nennt Kirsten Scharf nur ein Beispiel. „Hier in der Kita werden gerade elf Kinder in zwei Gruppen von konstanten Erzieher-Teams betreut“, fährt sie fort. „Um im Bedarfsfall Infektionsketten nachvollziehen zu können, müssen wir alles dokumentieren, dazu gehören genaue Angaben, wer die Kinder an den einzelnen Tagen holt und bringt“. So entstehe ein enormer bürokratischer Aufwand, „fern vom pädagogischen Konzept.“

Christine Großebörger zeigt sich beeindruckt vom Verantwortungsbewusstsein der Eltern. So werde nur Betreuungszeit beansprucht, wenn die Familie keine andere Möglichkeit findet. „Wir sehen aber auch, dass die Familien Sicherheit benötigen, wie es weitergeht“, stellt sie fest. „Wir orientieren uns an den Entscheidungen der Städte und informieren die Betroffenen schnellstmöglich. Wichtig ist jetzt, dass alle Kinder wieder, zumindest zeitweise, die Einrichtung besuchen können“, betont sie. Von den aktuellen Vorgaben des Landes hatte sie sich mehr versprochen. „Wir vermissen klare Empfehlungen zu den Gruppenstärken.“ So werde die Verantwortung letztlich an Kommunen und Träger weitergereicht.  stk

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