Flüchtlinge schnuppern bei Pittler in technische Berufe

Konzept der IHK-Woche geht auf

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Sadaf Saidi bohrt zusammen mit PBA-Azubi Mert Aydin ein Loch in das gravierte Aluminiumplättchen. Dann kann die 17-jährige Afghanin ihr selbst gemachtes Namensschild mit nach Hause nehmen. Sie ist eine von 38 Teilnehmern, fast alle sind Männer.

Langen - Bereits zum dritten Mal veranstaltet die IHK Offenbach bei Pittler im Neurott ein Berufsorientierungscamp für Flüchtlinge. Von Julia Radgen 

Das Schnupperprogramm in technische Berufe stößt nicht nur bei Unternehmen in der Region auf Interesse, auch eine internationale Delegation besuchte das Projekt.
Sadaf Saidi nimmt den Stift mit dem Buchstaben A in die Hand und setzt den Hammer vorsichtig auf das Aluminiumplättchen an. An der Station Namenschild, einer von acht in der Werkhalle bei Pittler Pro Region Berufsausbildung (PBA), will die 17-jährige Afghanin ihren Vornamen verewigen. „Das macht Spaß, aber es ist sehr schwer“, sagt die Schülerin, die eine InteA-Klasse (kurz für Integration und Abschluss) an der Max-Eyth-Schule Dreieich besucht. Noch ein Buchstabe fehlt – das F. Wieder setzt Saidi den Hammer auf den Metallstift an, doch diesmal rutscht sie ab. „Kein Problem, das kann man noch lesen“, sagt Mert Aydin, der bei PBA seine Ausbildung macht und kaum älter ist als die junge Afghanin.

Das ist wohl einer der Gründe, warum das Projekt, bei dem junge Geflüchtete Fertigkeiten aus technischen Berufen üben, so gut ankommt. Etwa gleichaltrige Pittler-Azubis aus Industriemechanik, Elektronik und Mechatronik helfen den 16- bis 38-Jährigen, die Aufgaben zu bewältigen. Die Atmosphäre ist locker, fragen fällt leicht. Sich auszuprobieren steht im Vordergrund. „Es macht einen Riesenunterschied, ob ich im Rahmen einer Ausbildungssprechstunde Berufe vorstelle oder ob die Menschen selbst ausprobieren können, was ein Industriemechaniker macht“, sagt Jana Maria Kühnl von der IHK Offenbach, die Flüchtlingen hilft, eine Ausbildung oder einen Job zu finden. Diesmal stieß das IHK-Projekt in Langen auf internationales Interesse, erzählt Kühnl. Eine Delegation der Gesellschaft für internationale Zusammenarbeit (GIZ) aus dem Kosovo hatte auf ihrer Fachstudienreise ursprünglich nur einen Besuch in der IHK mit einem Vortrag zum Thema Ausbildung geplant. „Als sie erfuhren, dass wir das Berufsorientierungscamp bei Pittler veranstalten, haben sie kurzfristig umgeplant und es besucht.“

Die 32 Teilnehmer kommen diesmal aus Afghanistan, Syrien, Pakistan, Guinea, Sierra Leone und Eritrea. Die Afghanin Sadaf Saidi ist eine von nur zwei teilnehmenden Frauen. Sie wurde von der Max-Eyth-Schule in das Programm vermittelt, denn sie steht vor dem Hauptabschluss und überlegt, welche berufliche Richtung sie einschlägt. Ihr Zwischenfazit nach der Gravierübung: „Die Elektrik fiel mir leichter.“ An den Stationen müssen die Flüchtlinge unter anderem einen Draht biegen, ein Gewinde herstellen oder einen Schaltkreis schließen, sodass eine Lampe leuchtet.

Auf einem Stationszettel halten die Azubis fest, wie gut sich ihre Schützlinge anstellen. An der Pneumatikschaltung, bei der Schläuche so verbunden werden müssen, dass Zylinder per Druckluft bewegt werden, hat Richard Evenz bei den Teilnehmern einen Smiley markiert. „Das hat bisher ganz gut geklappt, manche konnten den Plan problemlos selbstständig nachbauen, andere brauchten ein bisschen Hilfe“, sagt Evenz. Die Bewertung fließt in das Zertifikat ein, das die Teilnehmer bekommen. Ein Extrafeld bewertet die Sprachkenntnisse. Da gehen die Mundwinkel der Smileys auf dem Stationszettel eher nach unten. Bei vielen Teilnehmern übertrifft das technische Geschick vielfach die Sprachkenntnisse.

Ausbildungsmesse der IHK in Mühlheim

Dass das einer Berufsausbildung nicht im Weg steht, beweist aber das Beispiel eines jungen Afghanen, der am vorigen Berufsorientierungscamp teilgenommen hat – und jetzt bei Metallverarbeitung Schoder in Langen arbeitet. Bereits im April – und diesmal wieder – besuchten die Teilnehmer, die Schoder GmbH. „Dabei können die Jugendlichen Metallverarbeitung aus nächster Nähe kennenlernen“, erklärt Kühnl. Der junge Afghane befindet sich in der sogenannten Einstiegsqualifizierung: Das heißt, er verbringt drei Tage die Woche im Unternehmen und zwei im Sprachkurs, wo er sein Deutsch verbessert. „Das läuft super“, sagt Kühnl über ihren Schützling, „danach folgt die Ausbildung zum Graveur.“ Das Ziel des IHK-Projekts ist, dass noch mehr der jungen Flüchtlinge eine Stelle finden. Nach der Schnupperwoche geht es erst richtig los: „Jetzt ist es unser Ziel, nach der Wahl des Ausbildungsberufes gemeinsam einen Platz zu finden“, erklärt Kühnl.

Mehr Infos zu dem IHK-Projekt erhalten Flüchtlinge und Unternehmen bei Jana Maria Kühnl, 069 8207-341, oder www.ihkof.de/fluechtlinge

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