„Ihr fehlt mir unheimlich“

Langen: Ebbelwoifest dehaam - Virtuelle Feier in Corona-Zeiten

Langen: Party ohne Publikum - Auf einer Dachterrasse neben der Stadtkirche legt DJ Geri für den Live-Stream des VVV auf. Foto: VVV Orga-Team
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Langen: Party ohne Publikum - Auf einer Dachterrasse neben der Stadtkirche legt DJ Geri für den Live-Stream des VVV auf. Foto: VVV Orga-Team

Wo normalerweise der Autoscooter steht, parken normale Autos. Wo sich normalerweise Menschenmassen zwischen Fahrgeschäften drängen, fahren Verkehrsteilnehmer, als wären es ganz normale Tage. Und dennoch: Langen feiert das Ebbelwoifest – dehaam.

Okay, so ganz zu Hause bleiben doch nicht alle. Und so ist der Bereich rund um den Vierröhrenbrunnen auch in diesem Pandemie-Jahr der Mittelpunkt eines Festes, das so ganz anders ist. Aber zumindest hat die Schaustellerfamilie Hausmann Imbissbude, Crêpes-Stand und Süßwarenwagen am Alten Rathaus aufgestellt, haben Haferkasten und Tiepolo die Tische im Außenbereich mit genügend Abstand aufgestellt – Angebote, die gut genutzt werden. Dazu finden sich weitere Besucher ein, die sich auf den Sitzbänken oder dem Mäuerchen vor der Stadtkirche niederlassen und mitgebrachtes Stöffche schlürfen. Vor allem aber feiern viele Altstädter daheim oder im Garten im kleineren Kreis.

„Ach, ich steh hier fast allein“, sagt Brunnenwirt Heinz-Georg Sehring im (vorab aufgezeichneten) Eröffnungsvideo, das pünktlich am Freitagabend um 18 Uhr über die Social-Media-Kanäle des Verkehrs- und Verschönerungsvereins (VVV) verbreitet wird. Und wie immer bei der Eröffnung ist der Traditionsspielmannszug des TV Langen dabei – nur die Besucher fehlen halt, denen Sehring normalerweise die ersten Schoppen aus dem Brunnen zapft.

„Guckt euch hier im Kreis mal um, nirgends sieht man Publikum“, reimt Sehring. Und er ruft die Langener auf, den Kopf nicht hängen zu lassen, sondern eben ausnahmsweise nur dort und so zu feiern, wie es aktuell erlaubt ist. Wobei er für den heutigen Montag noch eine Empfehlung hat: Erst in die Stadthalle zum Blutspenden gehen, dann mit Weck, Worscht und Ebbelwoi feiern.

Festveranstalter VVV hat sich einiges einfallen lassen, damit die Langener zuhause zumindest einen Hauch von Festatmosphäre empfinden können: Zahlreiche Videos und Live-Streams von Konzerten werden ins Internet gestellt – nicht alle gleichzeitig, sondern, wie es sich für ein Fest gehört, zu unterschiedlichen Zeitpunkten (im Anschluss sind sie allerdings weiterhin abrufbar). Dabei trifft Tradition auf Angebote für jüngere Leute – so wie das Fest normalerweise eben ist. Die EbbelVoices (der junge Chor der SSG Langen) interpretieren ihren nagelneuen „Ebbelvoices-Song“ in der „Corona-Edition“: Die Sänger haben einzeln daheim vor der Kamera gesungen. Es gibt Livekonzerte von Tommy Scharf, UMP und den Sterzbach Buben, dazu Videoclips von Unlocked, Ciderman und der No Name Band sowie vom TV-Blasorchester. Selbst auf das Feuerwerk müssen die Langener nicht verzichten – der VVV stellt einfach eine Aufzeichnung von 2017 ins Netz. Wobei einige Altstädter wohl noch Überbleibsel von Silvester gefunden haben – zur obligatorischen Zeit zünden sie ein paar wenige Feuerwerkskörper.

Am Samstagabend wird dann der Platz vor der Stadtkirche tatsächlich zur Party-Location. Weil aber vorher keiner weiß, dass die Liveübertragung der Party mit DJ Geri von einer Dachterrasse neben der Stadtkirche aufgezeichnet wird, ohne nennenswertes Publikum (mit Ausnahme derer, die in den Gaststätten Tische reserviert haben). Und so eröffnet Geri auch mit den Worten: „Ich kann euch jetzt schon sagen: Ihr fehlt mir unheimlich.“

Ja, es ist ein seltsames Fest, das heute mit einer Lesung von VVV-Vorsitzendem Walter Metzger (11 Uhr, „Geschichten und Gedichte in Langener Mundart von Hans Hoffart“) und dem aufgezeichneten Platzkonzert des Orchestervereins (12 Uhr) zu Ende geht. Aber wenn man sieht, wie viele Bürger den „Babbe-Bembel“ in ihre Fenster geklebt haben, weiß man: Die Langener stehen zusammen, sind einsichtig, dass es dieses Jahr halt anders nicht geht – und freuen sich auf 2021. Dann wieder mit Jubel, Trubel und Ebbelwoi aus dem Brunnen.

VON MARKUS SCHAIBLE

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