BETREUUNG Nach der Krippe ist Schluss

Eltern kritisieren, dass viele Kinder im Anschluss keinen Kitaplatz bekommen

Betreuung in Langen: Eltern kritisieren, dass viele Kinder im Anschluss an die Krippe keinen Kita Platz bekommen. (Symbolbild)
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Betreuung in Langen: Eltern kritisieren, dass viele Kinder im Anschluss an die Krippe keinen Kita Platz bekommen. (Symbolbild)

Die zweieinhalbjährige Tochter einer Langenerin besucht seit 2018 eine städtische Kita. Im Herbst hat das Paar erneut Nachwuchs bekommen.

Langen – „Unser Sohn wird bald ein Jahr alt und hat dank Geschwisterpunkten einen Platz in der gleichen Einrichtung wie unsere Tochter bekommen“, berichtet die 33-Jährige. So weit, so gut. Sie hat gehofft, dass ihre Tochter nun einen Kindergartenplatz erhält – „im besten Fall in der gleichen Einrichtung“. Doch die Stadt macht einen Strich durch die Rechnung.

„Nur auf Nachfrage haben wir erfahren, dass unsere Tochter keinen Kindergartenplatz bekommen hat, wie wohl etwa 75 weitere Kinder, die aktuell schon in Betreuung sind“, erzählt die Mutter. Mehr als die Hälfte der Krippenkinder in dieser Einrichtung sei betroffen, weiß sie. Laut städtischem Fachdienst Kinderbetreuung müssten die Kinder ohne Zusage die Krippe zum Ende des Monats, in dem sie drei Jahre alt werden, verlassen.

„Wir sind beide berufstätig und können nicht nebenbei ein Kind betreuen. Das brachte viele Familien schon an ihre Grenzen aufgrund Corona, aber es geht ja hier nicht um eine Notsituation, sondern einen Dauerzustand bis nächsten Sommer oder länger“, klagt die Langenerin. Die Familie lote jetzt Möglichkeiten der Ersatzbetreuung aus. „Wir gucken in alle Richtungen und haben auch beim Kreis angefragt“, erzählt sie.

Aber etwa eine Tagesmutter zu bekommen, sei schwierig. „Zumal die wenigsten ein dreijähriges Kind neu aufnehmen.“ Auch in anderen Kommunen gucken sich die Eltern um. Zuletzt bleibe private Kinderbetreuung als teure Alternative. „Familie, die uns unterstützen könnte, haben wir nicht vor Ort.“

Es mache sie traurig, dass ihrer Tochter die Möglichkeit genommen wird, regelmäßig unter Gleichaltrigen in einer Betreuungseinrichtung zu sein. „Wir haben in der Corona-Krise gemerkt, wie sehr ihr der Kontakt zu anderen Kindern, aber auch ihren Erziehern fehlt“, sagt die Mutter. Auch werden die Geschwister nur noch kurz gemeinsam in der gleichen Kita betreut werden. „Unser Sohn kommt im Herbst in die Krippe. Nach zwei Monaten gemeinsamer Zeit wird unsere Tochter ihn dann nur noch mit zur Kita begleiten dürfen und muss mit Mama oder Papa nach Hause.“

Die Mutter betrachtet die Betreuungssituation in Langen mit Sorge. „Meine Befürchtung ist, dass sich die Lage im nächsten Jahr noch mehr zuspitzt, denn so viele neue Plätze werden nicht geschaffen – und Erzieher müssen erst mal gefunden werden. Die Bedarfsplanung scheint immer der Bevölkerungsentwicklung hinterherzuhinken“, kritisiert sie. Der Bedarfs- und Entwicklungsplan bis 2026 habe zwar aufgezeigt, dass dieses Jahr angespannt werden würde. „Aber nicht in diesem Ausmaß.“ Er sei bereits überholt und müsse angepasst werden.

Auch eine andere Mutter hat sich an unsere Zeitung gewandt. „Ich fühle mich alleingelassen“, sagt sie. Die Jüngeren bekommen Krippenplätze, aber auch sie hört von immer mehr Eltern, dass ihr Nachwuchs nach der Krippenzeit keinen Ü3-Platz bekommt. „Ein Großteil der Kinder fliegt aus der Krippe raus“, kritisiert die Mutter. „Die Familien hängen in der Luft und müssen sehen, wie sie die Betreuung schaukeln.“

Wer keine Elternzeit geltend machen könne, müsse beim Job zurückstecken, um die Betreuung zu schultern. „Homeoffice mit einem dreijährigen Kind ist einfach kein Dauerzustand“, betont die Mutter. Viele der neu geschaffenen Plätze gingen ihrer Meinung nach an Kinder von neu zugezogenen Familien. Die Warteliste werde immer länger, das Problem schlimmer. „Das hat ein ganz neues Ausmaß erreicht!“

Erster Stadtrat Stefan Löbig, zuständiger Dezernent für Kinderbetreuung, gibt zu: „Vor allem im Ü3-Bereich ist der Druck groß. Wir haben nicht genug Plätze, das ist natürlich schlecht.“ Die alten Berechnungen hätten auf falschen Prognosen übergeordneter Stellen zu Geburtenrate und Zuzug basiert. Momentan stehen auf der Warteliste 213 Kinder von ein bis drei Jahren, im Ü3-Bereich sind es 286. Löbig weist aber darauf hin, dass das nicht mit dem realen Bedarf gleichzusetzen ist. „Viele Eltern melden ihre Kinder direkt nach der Geburt an – brauchen dann aber erstmal keinen Platz.“ Und auch, wenn es das kaum besser macht: „Langen ist im Mittelbereich in der Region und hat nicht so viel weniger Plätze als andere Kommunen.“ Die Stadt sei an diesem dringendem Problem aber dran, sagt der Dezernent und verweist auf die Projekte, die gerade in der Planung oder schon im Bau sind (siehe Kasten). Immer noch ein großes Problem sei aber die Erziehersuche. „Der Markt ist abgegrast, das ist immer noch extrem“, sagt Löbig. So liefen Einrichtungen nicht auf voller Kapazität, weil schlicht Stellen unbesetzt bleiben.

Die 33-jährige zweifache Mutter hofft nun trotz langer Warteliste, dass sie Glück hat und ihre Tochter möglichst bald einen Kitaplatz ergattert. Sie setzt auch Hoffnungen in den neuen Bürgermeister Jan Werner. „Er hat versprochen, dass er die Situation ernst und in den Fokus nimmt, die offenen Erzieherstellen zu besetzen“, betont die Langenerin.

VON JULIA RADGEN

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