Prozess um Widerstand, Beleidigung und Co.

32-Jährige zieht vor der Polizei blank

Langen – Über so eine Anklage verhandelt man als Richter nicht alle Tage: Der Fall einer 32-Jährigen, die sich vor dem Langener Amtsgericht verantworten muss, kreist nicht nur um Widerstand gegen die Polizei und Beamtenbeleidigung, sondern auch um die Tatsache, dass die Dame sich vor den Gesetzeshütern „nackisch gemacht“ hat. Von Holger Borchard

Im Laufe eines eskalierten Wortgefechts im Anschluss an eine Polizeikontrolle habe sie sich sämtlicher Kleidungsstücke entledigt, so der Vorwurf. Schwerer aus juristischer Perspektive wiegt freilich das Wort „Arschloch“, das sie einer Polizistin an den Kopf geworfen haben soll. Von der ersten Minute an wird im von Richter Christos Anastasiadis geführten Prozess deutlich: Die Aufarbeitung des Vorfalls Mitte Mai ist reine Glaubens- und Interpretationssache. Größte Hürde: die Verständigung. Die Angeklagte ist rumänische Staatsbürgerin und des Deutschen nicht mächtig, laut Anwalt ist sie Analphabetin. Dass die Verhandlung erst fast zwei Jahre nach dem Vorfall stattfindet, ist diversen Wohnortwechseln geschuldet, die sie für die Handlanger Justitias äußerst schwer erreichbar gemacht haben.

Verhandelt wird im Übrigen der Kolateralschaden einer Polizeikontrolle im Bereich Fahrgasse/Leuschner-Platz. Dort wohnte die Frau samt Lebenspartner und den sechs gemeinsamen, minderjährigen Kindern zur Tatzeit gerade mal drei Wochen, nachdem Anfang Mai 2017 das Wohnhaus der Familie im Langener Außenbereich ausgebrannt war. Am Leuschner-Platz kontrollierte die Langener Polizei Autos, dabei hielt sie den Mann der Angeklagten an, da dieser zwei Kinder nicht angeschnallt beziehungsweise ohne Kindersitz transportierte. Die Angeklagte verfolgte dies vom Wohnungsfenster mit, eilte auf die Straße zu ihrem Mann und dann ...

Wortreiches Spektakel, spuken und Festnahme

Ja, und dann? Was seinerzeit folgte, ist rund 20 Monate später vor Gericht reine Auslegungssache – mit denkbar gegensätzlichen Schlussfolgerungen und nicht zu beneidendem Richter. Laut Anklageschrift, gestützt auf die Aussagen zweier Polizisten sowie der beleidigten Polizistin, entspann sich ein heilloses, in einer osteuropäischen Sprache wortreiches Spektakel mit Beamten bespuckenden Kindern, in dessen Verlauf die Angeklagte mit Handschellen gefesselt und per Polizeiauto zur Wache gebracht wurde. Während der Fahrt soll sodann das „A-Wort“ gefallen sein.

Der Rechtsanwalt strickt seine Verteidigung geschickt um das von keiner Seite in Abrede gestellte kommunikative Nirvana. Hinzu komme, dass der Mann der Angeklagten im Begriff gewesen sei, mit zwei von insgesamt vier Polizeibeamten vor Ort im Haus das geforderte Bußgeld zu holen, dass anfangs nun mal niemand bei sich gehabt hätte. „Dann kommt man als Ehefrau dazu, will helfen, versteht aber nix. Und die Kinder sind dabei und weinen, ohnehin schon von dem Brand kurz zuvor traumatisiert – wie würden Sie und wir alle in so einer Situation reagieren?“, fragt er die Polizeibeamtin im Zeugenstand. Die Dolmetscherin assistiert mit einer Übersetzung der Angeklagten: „Ich habe mich ausgezogen, weil ich Angst hatte und der Polizei zeigen wollte: Ich hab’ kein Geld dabei, gar nichts.“

Frau zieht sich vor der Polizei aus: Urteil

Da die Anklage mit der Aussage der Polizistin steht und fällt, darf der Anwalt sich die Hände reiben: Die Beamtin erinnert sich abgesehen vom beleidigenden Schimpfwort an nicht mehr allzu viel, die Ereignisabfolge vermag sie nicht plausibel wiederzugeben. Was sie sagt, entlastet die Angeklagte tendenziell, etwa, dass jene sich nur passiv – „durch starr machen der Arme“ – gegen die Handschellen gewehrt habe.

In Gewaltkonflikten richtig verhalten

Der Richter, der den Anwalt gewähren lässt, nimmt’s stirnrunzelnd zur Kenntnis, ebenso der Staatsanwalt. Das Thema Widerstand ist somit durch, das Ausziehen inklusive. Das „A-Wort“ weiß der Anwalt – abermals begünstigt durch die schwache Zeugin (ihre Kollegen werden erst gar nicht mehr befragt) – zu relativieren. So gelingt es ihm, die Einstellung des Verfahrens gegen die unter Bewährung stehende Angeklagte gegen 450 Euro Geldbuße zu erwirken. Ob sie diese als 45 gemeinnützige Arbeitsstunden begleichen oder bezahlen wolle, will der Richter wissen. „Bar binnen zehn Tagen“, ruft ein Bekannter aus den Zuschauerreihen. Über das Geld freut sich der Kinderschutzbund im Westkreis, das einzig Positive dieser Posse, die ansonsten reichlich Steuergeld kostet.

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Rubriklistenbild: © picture alliance / Jens Kalaene/dpa-Zentralbild/dpa

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