Verurteilung wegen Betrugs entgangen

Prozess eingestellt: Schlecht beraten im Kredit-Dickicht

Langen - Wegen Warenkreditbetrugs im Wert von circa 8 500 Euro muss ein Geschäftsmann aus Langen sich vor dem Amtsgericht verantworten. Von Holger Borchard 

Dass der gescheiterte Händler mit der Zahlung von 1200 Euro glimpflich davonkommt, ist der Tatsache geschuldet, dass er sich auf Beratung verließ, die vor Gericht den Anschein erweckt, dringend selbst Beratung zu benötigen. Wer seine Rechnungen nicht bezahlen kann, darf nix mehr bestellen – die Lektion hat früher mal fast jedes Kind beim Kaufladen Spielen verinnerlicht. Ordert man trotzdem weiter munter Ware und legt obendrein eine ungesicherte und somit „platzende“ Bankbürgschaft vor, wird daraus ein Fall für die Justiz. Deshalb fand sich ein ehemaliger Geschäftstreibender aus Langen nun vor Amtsgerichtsdirektor Volker Horn auf der Anklagebank in einem Strafprozess wieder. Vorwurf: Warenkreditbetrug im Wert von circa 8 500 Euro. Bevor er Konkurs anmelden und seinen Laden dichtmachen musste, hatte der Mann noch einmal eine größere Warenbestellung bei seinem Lieferanten getätigt und eine ungesicherte Bankbürgschaft eingereicht.

Zwei Verhandlungstage sind zur Beweisaufnahme fällig, doch von Anfang an ist klar: Der Angeklagte, der nie Betriebswirtschaft, Kalkulation etc. erlernt hat, sprich alles andere als optimale Voraussetzungen für eine Geschäftseröffnung mitbrachte, ist zum Teil das Opfer schlechter oder zumindest verklausulierter Beratung in einem „Finanzspiel“ mit Profis und vermeintlichen Profis.

Im Zentrum der Anhörung steht die Frage, ob und inwieweit der Angeklagte in betrügerischer Absicht gehandelt hat. Um es vorwegzunehmen: Die Nummer, die mehr als zwei Jahre zurückliegt, ist weder ein Ruhmesblatt für ein nahe dem Amtsgericht ansässiges Geldinstitut noch für die an sich ehrenwerte Einrichtung der ehrenamtlichen Wirtschaftspaten.

Ein solcher Pate hat den Langener Geschäftsmann von der Existenzgründung bis zum „großen Knall“ ein gutes Jahr später begleitet. Er ist der wichtigste Zeuge, um Licht in das finanzielle Beziehungsgeflecht zu bringen, in dem sich der Angeklagte verhedderte. Wichtig ist ferner die Schilderung des Bankberaters zum Ablauf der Ereignisse.

Einig ist sich das Zeugen-Tandem in der Bewertung der Fähigkeiten des Angeklagten respektive dessen geschäftlicher Lage zum Zeitpunkt des Betrugs: „Aus einem Metzger wird eben kein Apotheker“, umschreibt der Wirtschaftspate die Fähigkeiten seines Klienten. „Wir haben die Geschäftsgründung mit einem Kredit begleitet, aber die Reißleine gezogen, als absehbar war, dass das Fass keinen Boden mehr hat“, so die nüchterne Einlassung des Bankers.

Das Geldinstitut habe dem Händler und seinem Paten daher zum Konstrukt der sogenannten Bürgschaft ohne Bank geraten. „Das heißt nix anderes, als dass die Hausbank nicht mehr mitmacht“, übersetzt der Banker. „Es ist eine Höflichkeitsfloskel, dem Gegenüber das so nicht ins Gesicht zu sagen. Aber jeder, der von unserer Branche nur ein bisschen Ahnung hat, versteht: Die Bank ist raus.“

Weil er eben dies nicht verstand oder zumindest anders interpretiert hat und Richter Horn obendrein mit der Bemerkung „So eine Bürgschaft ohne Bank ist die Eintrittskarte für einen Kredit bei jeder anderen Bank“ auf die Palme bringt, stellt der Pate sich ein schwaches Zeugnis aus – und entlastet, gewollt oder ungewollt, den Angeklagten signifikant. Da der Pate auch weitere Zusammenhänge nicht herstellen kann oder will, stellt Verteidiger Joachim Knapp irgendwann ernüchtert fest: „Die Befragung bringt nichts mehr, statt Antworten bekommen wir Rechtfertigungen.“

Archivbilder

Bilder: Prozess gegen Hells Angel

Weil Richter Horn, Staatsanwalt Oliver Wilbert und Verteidiger Knapp im Hinblick auf Fallbewertung und Strafmaß nicht allzu weit auseinander liegen und der Angeklagte ausdrücklich das Prozessende wünscht, einigt man sich auf Einstellung des Verfahrens nach Paragraf 153a („Absehen von der Verfolgung unter Auflagen und Weisungen“). Der Ex-Händler akzeptiert die 1 200 Euro, zahlbar ab August in sechs Monatsraten – Nutznießer ist der Verkehrs- und Verschönerungsverein Langen. Das letzte Wort hat ausnahmsweise der Verteidiger: „Ich hätte das Verfahren durchgezogen, denn es spricht rein gar nichts für einen Vorsatz meines Mandaten, aber alles Gehörte für schlechte Beratung – insofern bewegen wir uns ganz nahe an einem Freispruch.“

Rubriklistenbild: © dpa

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