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Kostenlose Lebensmittel in Langen: „Fairteiler“ ist zurück

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Von: Manuel Schubert

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Prall gefüllt: Gemeindepädagogin Carolin Jendricke (links) und Foodsharing-Botschafterin Antje Kajnath haben den „Fairteiler“ an der Martin-Luther-Kirche initiiert. Er ist rund um die Uhr zugänglich.
Prall gefüllt: Gemeindepädagogin Carolin Jendricke (links) und Foodsharing-Botschafterin Antje Kajnath haben den „Fairteiler“ an der Martin-Luther-Kirche initiiert. Er ist rund um die Uhr zugänglich. © privat

In Langen (Kreis Offenbach) gibt es einen neuen „Fairteiler“ mit geretteten Lebensmitteln, aus dem sich jeder kostenlos bedienen darf.

Langen – In seinem ersten Leben stand der feuerfeste Stahlschrank in einem Büro. Der massive, graue Kasten erfüllte jahrelang treu seinen Dienst, er war gefüllt mit Akten, ehe ihn seine Firma vor einigen Wochen für zu alt befand und aussortierte. Nun steht das Möbelstück vor der Martin-Luther-Kirche, statt Papier enthält der Schrank heute Äpfel, Bananen, Kartoffeln, Brokkoli, Champignons, Feldsalat, Bauernbrot oder Petersilie. Die ehrenamtlichen Helfer der Internetplattform foodsharing.de haben den alten Aktenschrank gespendet bekommen und als „Fairteiler“ in der Berliner Allee 31 aufgebaut. Er wird regelmäßig mit Lebensmitteln befüllt, die vor der Mülltonne gerettet wurden.

„Der Schrank ist ideal für uns“, freut sich Antje Kajnath. „Er ist wetterfest, kann so im Freien stehen und ist jederzeit zugänglich. 24 Stunden am Tag und 365 Tage im Jahr.“ Die 38-Jährige ist Botschafterin des Foodsharing-Bezirks Landkreis Offenbach-West und hat zusammen mit Gemeindepädagogin Carolin Jendricke, die sich ebenfalls als Essensretterin engagiert, den „Fairteiler“ vor der Kirche initiiert. Mindestens einmal am Tag füllen die „Foodsaver“, wie sie sich nennen, die Regalfächer mit neuen Lebensmitteln auf, reinigen den Schrank und schmeißen Ungenießbares weg.

Langen (Kreis Offenbach): „Foodsaver“ retten Essen

Obst, Gemüse, Backwaren, Konserven und Co. stammen aus großen und kleinen Supermärkten, Catering-Unternehmen oder Restaurants, mit denen Foodsharing Kooperationsverträge abgeschlossen hat. In der Regel werden sie aussortiert, weil das Mindesthaltbarkeitsdatum fast erreicht ist oder sie unansehnlich geworden sind. Klassiker sind laut Kajnath etwa Radieschen, bei denen das Grün bereits welk ist, oder Bananen, die bräunlich geworden sind, aber noch schmecken. Oft sind auch beschädigte Verpackungen der Grund – etwa Cornflakes-Schachteln, bei denen der Karton eingedrückt, die Plastikpackung aber noch intakt ist. Traditionell bleiben diese Waren aber in den Supermarktregalen liegen. Genauso wie Netze mit Orangen, bei denen eine Frucht schimmelt, die übrigen aber noch problemlos essbar sind.

Da kommen die „Foodsaver“ ins Spiel. Die Ehrenamtlichen steuern die Märkte an, gucken die hinterlegten Waren durch und bringen sie zum „Fairteiler“. Ist der Schrank frisch befüllt, weisen die Essensretter mit Bildern und Texten auf der Seite foodsharing.de sowie in der Facebook-Gruppe „Foodsharing – Langen Egelsbach Dreieich“ darauf hin. „Meistens ist der Schrank nach einer halben bis Dreiviertelstunde leer“, sagt Kajnath. „Wir freuen uns, dass er so gut angenommen wird.“

„Fairteiler“ im Kreis Offenbach: „Man weiß nie, was man bekommt“

Dabei ist das Angebot immer eine Wundertüte. „Man weiß nie, was man bekommt“, berichtet Kajnath von den Supermarkt-Fahrten. Mal sind es 50 Zucchini, mal dutzende Säckchen mit Ingwer. Zwischen den Jahren habe die Gruppe stolze 5 500 Eier gespendet bekommen, erzählt die Langenerin. Kistenweise Lebensmittelfarbe und Backoblaten oder 200 Liter Milch gab es ebenfalls schon. Auch von Silvester übrig gebliebener Glücksklee ist zur Zeit in Hülle und Fülle vorhanden.

45 Kooperationen

Um den „Fairteiler“ an der Martin-Luther-Kirche kümmern sich aktuell 16 ehrenamtliche Essensretter sowie einige Gemeindemitglieder. Die Lebensmittel stammen aus 45 verschiedenen Supermärkten und anderen Betrieben, mit denen der Bezirk Landkreis Offenbach-West kooperiert. Wer die Gruppe kontaktieren möchte, erreicht sie per E-Mail an lk.offenbach-west@foodsharing.network. Wer sich selbst als „Foodsaver“ engagieren möchte, kann sich unter foodsharing.de anmelden und wird dann benachrichtigt.

Wer sich am „Fairteiler“ bedient, muss nichts dafür bezahlen. Das Angebot richtet sich nicht explizit an Bedürftige. „Unser Primärziel ist, die Lebensmittel vor der Tonne zu retten“, betont Kajnath. „Aber wir freuen uns natürlich, wenn wir jemandem helfen können, der es nicht so gut hat.“ Wer möchte, kann auch selbst etwas in den „Fairteiler“ packen. Wichtig ist, dass die Lebensmittel noch genießbar sind und nicht gekühlt werden müssen. Auch selbst gekochtes Essen ist aus hygienischen Gründen unerwünscht.

Langen (Kreis Offenbach): „Fairteiler“-Idee ist nicht neu

Vor zwei Jahren gab es bereits einen „Fairteiler“ in Langen im Kreis Offenbach, der sich jedoch nicht lange hielt. Nun möchten die 119 Mitglieder des im September vergangenen Jahres neu gegründeten Bezirks Landkreis Offenbach-West richtig loslegen und in Langen, Egelsbach, Dreieich und Neu-Isenburg weitere Möglichkeiten zur Lebensmittelrettung schaffen. Ein zweiter „Fairteiler“ steht bereits im Stadtteilbüro Hirschsprung-Breitensee in Sprendlingen, dazu gibt es einen „virtuellen Fairteiler“, hier kann Essen bei den Mitgliedern zu Hause abgeholt werden.

Die Motivation der Gruppe erklärt Antje Kajnath, die im Hauptberuf als Bauingenieurin arbeitet, so: „Wenn eine Papaya in Südamerika mühsam mit viel Wasser und Energie großgezogen wird, um die halbe Welt geschifft wird und dann hier wegen einer Druckstelle im Müll landet, ist das einfach eine wahnsinnige Ressourcenverschwendung. Dafür möchten wir die Leute sensibilisieren.“ (Manuel Schubert)

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