Den Frust von der Seele malen

Herbert Richtarsky hat eine Vorliebe für abstrakte Acrylbilder

+
Herbert Richtarsky ist 2013 den Langener Art People beigetreten. Im Atelier in der Mühlstraße arbeitet er an seinem neuesten Werk. Einen Titel vergibt er aber erst, wenn das Bild vollendet ist.  

Langen - In unserer Sommerserie stellen wir nach und nach die Langener Art People vor – ein „bunter Haufen“ aus 18 Künstlern, die die Stadt regelmäßig mit ihren Projekten verschönern. Von Sina Beck

Die heutige Folge widmet sich Herbert Richtarsky und seinem „actionreichen“ Weg zur Kunst. Er ist selbst ernannter „Altrocker“, Fan motorisierter Zweiräder und gelernter Schlosser, was einem den Begriff „Männerberuf“ in den Sinn kommen lässt. Klingt erstmal nach geballtem Testosteron – nur wie passt das jetzt mit den schönen Künsten zusammen? Ganz einfach: Es ist nur eine Seite der Medaille.

Geduld gehört nicht zu Richtarskys Tugenden – genauso wenig wie um den heißen Brei reden. Das Art-People-Mitglied fällt immer mit der Tür ins Haus, ist so aber auch als handwerklich begabter Techniker zur Stelle, um selbige wieder einzuhängen. Das klingt sehr nach einem „jungen Wilden“ und das passt. Denn Richtarsky, der mit vier Schwestern aufgewachsen ist, hat es schon früh von zu Hause fortgetrieben. „Ich habe mich mit 17 Jahren aufs Moped gesetzt und bin nach Hamburg gefahren“, erzählt der gebürtige Wuppertaler und ergänzt feixend, die „schönen, blonden Frauen“ hätten ihn in den Norden gelockt. Ein Zuckerschlecken sollte es nicht werden: Bis 1973 machte er eine Lehre zum Huf- und Wagenschmied, anschließend die Ausbildung zum Schlosser, bevor 1975 die Bundeswehr rief.

Dass Richtarsky zunächst eine Unteroffizierslaufbahn einschlug, scheint zu seinem experimentierfreudigen Wesen zu passen: „Ich habe viel ausprobiert und wollte immer Action haben.“ Dazu gehören durchaus martialische Hobbys, denn von Rafting über Kampfsport bis zu Football, wo er fast selbstredend auf der Position des Tackle spielte, war alles dabei.

Martialisch muten auch die Materialien an, mit denen Richtarsky heute seine Kunst kreiert, denn bei seinen abstrakten Collagen und Acrylmalereien verarbeitet er von Kupferblechen über Steine und Holz alles, was die Natur zu bieten hat. „Bilder brauchen eine Haptik“, hat der Künstler mit einer selbsterklärenden Faszination für Rost und Patina für sich entschieden. Vereinzelte strukturelle Erhebungen als Akzente und eine düstere Ecke, die in ineinander fließende Rot- und Orangetöne mündet: Sein Bild mit dem Titel „Seelensturm“ aus dem Jahr 2015 ist bis heute Richtarskys Lieblingswerk und Spiegel dessen, was damals in ihm vorging. 2012 begann der zweifache Vater, sich seinen „Frust von der Seele zu malen“ und seine Gefühle auf die Leinwand zu bringen. „Mein Leben war nie einfach“, verkündet Richtarsky mit der ihm eigenen, unverblümten Offenheit.

Bilder: Entenrennen im Langener Freibad

Denn auf der anderen Seite der Medaille steht die Geschichte, die ihn zur Kunst geführt hat. 28 Jahre lang war Richtarsky bei einer Bühnenbaufirma tätig, hat sich bis zum Personalreferenten hochgearbeitet und war zufrieden – bis ein neuer Juniorchef kam. „Der wollte das ‚Fossil‘ raus haben“, wie er sagt. Die Folgen: Mobbing, Burn-Out, Depression. Seit acht Jahren leidet Richtarsky an der Krankheit. Seine ersten Versuche, in Eigenregie über die Malerei einen Ausgleich zu schaffen, brachten zunächst wenig Erfolg. Als er sich 2012 zur Kur begab, kam er mit dem therapeutischen Malen in Berührung. Und lernte nebenbei seine Partnerin Martina Retzdorff kennen, die ihn künstlerisch unter „ihre Fittiche“ genommen hat.

„Ich habe mich gesund gemalt“, sagt Richtarsky heute, der inzwischen stolze zwei Jahre medikamentenfrei ist. Die Kunst hat ihm bei der Bewältigung seiner schwierigen Lebenssituationen geholfen, auch der Beitritt zu den Art People 2013 war ein wichtiger Schritt: „Die Gruppe ist für mich ein Pfeiler meines Lebens, aus Künstlerkollegen sind Freunde geworden und mir würde etwas fehlen, wenn ich dienstags nicht zu den Treffen gehen würde.“

Rund 100 Kunstwerke hat Richtarsky geschaffen und seine Erfüllung in der Malerei gefunden: „Ich roste so vor mich hin“, scherzt er. Tatsächlich ist er aber mit seiner künstlerischen Entwicklung noch lange nicht fertig: „Bislang war ich immer ein wilder Maler, aber ich lerne gerade, auf Eingebungen zu warten und zur Ruhe zu kommen.“ Denn obwohl Richtarsky mittlerweile Rentner ist und die Zeiten vorbei sind, in denen er quer durchs Land zu Deep-Purple-Konzerten fährt – der jungen Wilde steckt noch in ihm. Und weil er es sich zum Ziel gesetzt hat, „richtig alt“ zu werden, wird sein derzeit achtes Motorrad mit Spitznamen „Die Dicke“ wohl nicht das letzte sein.

DAS KÖNNTE SIE AUCH INTERESSIEREN

Kommentare