Magistrat und Regierungspräsidium melden sich zu Wort

Doppeltes Plädoyer für Kiesabbau nach Demo von 250 Menschen

+
Rund 20 Hektar Wald hat die Firma Sehring für den Abbau von Sand und Kies auf der 2013 genehmigten Fläche bereits gefällt. Insgesamt sollen 63,7 Hektar genutzt werden.

Die Demonstration gegen den Kiesabbau im Bannwald mit 250 Teilnehmern hat den Magistrat und das Regierungspräsidium aufgeschreckt. Beide melden sich zu Wort und betonen die Rechtmäßigkeit der Auskiesung.

Langen – „Ökonomisch sinnvoll, ökologisch vertretbar“ – auf diese Formel bringt der Magistrat den Kiesabbau am Waldsee. Nach der Demonstration vor wenigen Tagen sieht sich das Gremium genötigt, das Wort zur Gegenrede zu ergreifen, ebenso wie das Regierungspräsidium. Beide verweisen darauf, dass der Firma Sehring mit Planfeststellungsbeschluss vom 15. August 2013 genehmigt worden sei, bis 2038 auf 63,7 Hektar (statt der beantragten 82,7) südöstlich des Waldsees Sand und Kies abzubauen. Beim RP legt man zudem Wert auf die Feststellung, dass dieser Beschluss die Unterschrift des damaligen Regierungspräsidenten Johannes Baron (FDP) trage – dessen Nachfolgerin Brigitte Lindscheid (Grüne) war bei der Demo heftig kritisiert worden.

„Der Kiesabbau erfolgt auf einer sauberen rechtlichen Grundlage“, betont Bürgermeister Frieder Gebhardt. Und er sei von – mit breiter Mehrheit gefassten – Beschlüssen der Stadtverordnetenversammlung gedeckt. Die Stadt Langen ist Eigentümerin der Auskiesungsflächen, der Abbau ist in Nutzungs- und Förderverträgen mit der Firma Sehring geregelt.

Gerichtsverfahren zugunsten der Firma entschieden

Das Unternehmen hat bislang ein knappes Drittel des Areals in Anspruch genommen, nachdem das Regierungspräsidium Darmstadt entsprechende Genehmigungen für jeden einzelnen Abschnitt erteilt hat, zuletzt für 4,56 Hektar ab Herbst/Winter. Alle bislang von Naturschützern angestrengten Gerichtsverfahren seien zugunsten des Regierungspräsidiums und der Firma Sehring entschieden worden.

Alles zum Kiesabbau in Langen lesen Sie auf unserer Themenseite.

Die nachteiligen Umweltauswirkungen sind laut RP „zwar erheblich, halten sich aber nach sachgerechter Abwägung aller Aspekte in vertretbarem Rahmen“. Obwohl das Gebiet einst als Bannwald ausgewiesen wurde, dürfte dies nach Ansicht des Magistrats gerodet werden, „wenn ein Vorhaben dem Allgemeinwohl und wie in diesem Fall der Versorgung mit hochwertigen Rohstoffen dient“. Oder, wie Fachbereichsleiter Carsten Weise sagt: „Bergrecht bricht Bannwaldrecht.“ Denn angesichts der Qualität von Sand und Kies gelte für die Lagerstätte eben das Bergrecht.

Ökologisch vertretbar ist der Kiesabbau für den Magistrat auch deshalb, weil der Waldverlust schon vor Beginn des Vorhabens anderswo in und um das Rhein-Main-Gebiet ausgeglichen worden sei. „Fakt ist, dass Sehring bis 2018 hessenweit mehr als 63,7 Hektar aufgeforstet hat.“ Zudem werde das Unternehmen im Zuge der Rekultivierung 67 Prozent der Gesamtfläche an Ort und Stelle aufforsten und auf 14 Prozent Biotope anlegen. Der Rest verbleibe als Wasserfläche und ein kleiner Teil werde für Wege benötigt.

Streitpunkt: Rekultivierung der Ostgrube am Waldsee Langen

Ein Streitpunkt im Gesamtkomplex Kiesabbau am Waldsee ist immer auch die Rekultivierung der Ostgrube. Bei ihr hinkt Sehring nach Ansicht der Naturschützer um viele Jahre zurück. Magistrat und Regierungspräsidium sehen dies aber ganz anders. Dass die Forst- und Naturschutzbehörden bisher erst einen kleinen Teil des rund 50 Hektar großen Areals abgenommen haben, sei kein Indiz für etwaige Verzögerungen oder Versäumnisse. Eine endgültige Abnahme der Fläche (und damit Rückübertragung der Flächen an die Stadt) erfolge erst, wenn die Bäume so groß sind, dass ihre Äste aneinanderstoßen, erklärt Weise: „Und das sollte bis zum Jahr 2035 erfolgt sein.“ So lange sei Sehring in der Pflicht.

Berücksichtigen müsse man auch, dass die Natur sich nicht an Pläne halte. „Und wenn dann andere Bäume, wachsen, als im Hauptbetriebsplan vorgesehen sind, obwohl sie gar nicht gesetzt wurden – sollen wir die dann fällen lassen?“, stellt Weise eine rhetorische Frage.

Bürgermeister Gebhardt jedenfalls lässt keine Zweifel daran, dass das Unternehmen stets voll und ganz seinen Verpflichtungen nachgekommen sei und den Anordnungen der Behörden jederzeit Folge leiste.

Für Auskiesung und Verfüllung erhält die Stadt Langen von Sehring auf Grundlage bestehender Verträge im Jahr Abgaben von aktuell etwa 800.000 Euro. Dazu komme die Gewerbesteuer, deren Höhe wegen des Steuergeheimnisses nicht genannt werden könne. „Das ist Geld, das wir in Zeiten knapper Kassen und zur Vermeidung von Steuererhöhungen dringend brauchen“, sagt Gebhardt. Genauso liege ihm der Fortbestand des traditionsreichen Unternehmens am Herzen, das seit 90 Jahren am Waldsee tätig ist und ohne weitere Fördermöglichkeiten den Standort schließen müsste. Davon betroffen wären rund 100 Arbeitsplätze.

DAS KÖNNTE SIE AUCH INTERESSIEREN

Mehr zum Thema

Kommentare