Gericht

Prozess: Von 22 Drogen-Fällen bleibt nur einer übrig

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Die Statue der Justitia

Das Landgericht Darmstadt wirft ihnen gemeinschaftlichen Handel und Besitz von unerlaubten Drogen in nicht geringer Menge vor: Doch drei junge Langener zwischen 29 und 33 Jahren kommen glimpflich davon.

Langen – Der Älteste wird freigesprochen, die Jüngeren werden zu Bewährungsstrafen von eineinhalb und zwei Jahren verurteilt.

Vergleichsweise milde wirkt das Urteil deshalb, weil in der Anklageschrift die Adjektive „bandenmäßig“ und „bewaffnet“ vorkamen – was in der fünftägigen Verhandlung nicht hinreichend bewiesen werden kann. Von ursprünglich 22 Fällen ist nach Angesicht des Richters nur noch ein einziger relevant.

Oberstaatsanwalt Joachim Bührer sieht die Sache allerdings anders als die zwölfte Strafkammer. Er fordert für die 29- und 30-Jährigen eine Gefängnisstrafe von drei Jahren und zwei Monaten beziehungsweise drei Jahren und acht Monaten sowie die Fortsetzung der achtmonatigen U-Haft. Der 30-Jährige ist der einzige Vorbestrafte des Trios, deshalb der Zuschlag. Ob Bührer in Revision gehen will, ist noch nicht sicher.

Jubelschreie und Freudentränen gibt es dagegen während der Urteilsverkündung auf den Zuschauerrängen, wo Freunde und Familienangehörige der Angeklagten den Prozess hinter der Glasscheibe verfolgen. Sie hatten ihn von Anfang an für eine Farce gehalten – „wegen dem bisschen Gras so ein Theater“.

Doch für die Justiz ist es mehr als ein „bisschen“. Als „nicht geringe Menge“ gilt bei Marihuana der Besitz von rund 60 Gramm. Gefunden wurde in der Langener Wohnung der beiden Verurteilten am 29. August 2018 rund 120 Gramm Marihuana und zehn Gramm Haschisch. Dazu Bargeld im Wert von 970 Euro und eine Feinwaage, was als Indizien für Dealerei gilt. Für das Geld haben die Männer keine Einkommensnachweise. Den Stein ins Rollen gebracht hatte ein 33-jähriger „Abnehmer“ aus Wiesbaden, der die jungen Männer bei der Polizei verpfiffen hat. Vor Gericht verweigert er aber die Aussage – wegen der Gefahr, sich selbst zu belasten. Er fällt nämlich nach Aufklärung durch den Vorsitzenden Richter Dr. Christoph Trapp erst mal aus allen Wolken. „Ich weiß gar nichts von einem neuen Strafverfahren, ich zahle ja noch für das letzte!“, empört sich der Zeuge. Trapp erwidert: „Das Verfahren läuft am Langener Amtsgericht. Als besonderen Service bekommen Sie noch die Anklageschrift kopiert.“

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Mit der Aussage des Mannes stehen und fallen aber die ersten 21 Fälle, da reicht seine Vernehmung bei der Polizei nicht aus. „Er konnte sich ja selbst kaum auf den Beinen halten“, entnimmt der Richter dem Protokoll. So bleiben als Tatbestände nur die Fundstücke aus der Wohnungsdurchsuchung in der Berliner Allee verwertbar, außerdem ein paar für die Verteidiger zweifelhafte Chatverläufe, in denen von „Schoko“ und „grünem Parkett“ die Rede ist. Auf einer Tüte findet sich der Fingerabdruck des Trio-Ältesten, der dort nicht wohnt. Ihn hatte der Zeuge bei der Polizei anhand eines Fotos als Helfer identifiziert. Doch beides reicht nicht für eine Verurteilung. „Eine Tatbeteiligung ist trotz Anfangsverdachts nicht nachzuweisen. Der Abdruck ist wohl zustande gekommen, weil der Verdächtige die Cannabistüte vorher für DVDs verwendet hatte“, erklärt Richter Trapp in seiner Urteilsbegründung, weshalb er den ältesten Mann freispricht. Für seine beiden Kumpel wertet Trapp mehrere Attribute als strafmildernd: Ihre weitgehenden Geständnisse, dass es sich um weiche Drogen handelt und die erstmalige Untersuchungshaft, die bei beiden „einen nachhaltigen Eindruck“ hinterlassen habe.

VON SILKE GELHAUSEN

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