Blühende „Verkehrsgefahr“

Bepflanzte Blumenkästen: Schöne Dekoration oder gefährliches Hindernis? Langenerin angezeigt

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Schöne Dekoration oder gefährliches Hindernis – das ist die Frage bei den Blumenkästen von Hildegard Grote-Hoffmann an der Dieburger Straße. Nach einer anonymen Anzeige fordert die Stadt, dass sie die Kästen abhängt.

Langen – Bepflanzte Blumenkästen sind ein Hingucker, der für gute Laune sorgt – doch nicht für alle. Die Kästen von Hildegard Grote-Hoffmann an der Dieburger Straße ragen angeblich zu weit auf den Gehweg. Sie wurde angezeigt. Nun fordert die Stadt Langen, dass die Bepflanzung verschwindet.

Ganzjährig rankt sich Efeu über die drei Blumenkästen an der Hauswand, im Sommer gesellen sich farbenfrohe Blumen wie Petunien hinzu: Seit 28 Jahren bepflanzt Hildegard Grote-Hoffmann die Kästen an ihrem Grundstück an der Dieburger Straße. „In der ganzen Zeit hat sich niemand beschwert“, erzählt die Langenerin. Ganz im Gegenteil: „Ich werde ständig darauf angesprochen, wie toll das aussieht“, erzählt die 62-Jährige. Nur einem Nachbarn waren die Kästen schon länger ein Dorn im Auge, weiß sie.

Anzeige wegen bepflanzter Blumenkästen in Langen: Pflanzen ragen in Bürgersteig

Nun wurde Grote-Hoffmann angezeigt – weil ihre Bepflanzung in den Bürgersteig hineinragt. Daraufhin bekam sie einen Brief von der Stadt, die sie aufforderte, die Kästen abzunehmen. Die Begründung des Ordnungsamts: Auf Bürgersteigen dürften bis zur Höhe von 2,50 Metern keine Gegenstände aufgehängt sein, „die größere Personen oder radfahrende Kinder am Benutzen des Gehweges hindern“. Die in 1,30 Meter Höhe hängenden Kästen verschmälern den ohnehin engen Bürgersteig zusätzlich, argumentiert man im Rathaus. Insbesondere Rollstuhlfahrer, Fußgänger mit Kinderwagen oder geöffnetem Regenschirm könnten nicht gefahrlos passieren.

Die Stadt fordert die Langenerin – die vor Jahren für ihre Bepflanzung einen Preis vom Verkehrs- und Verschönerungsverein bekam – daher auf, die Blumenkästen zu entfernen. Grote-Hoffmann hält diese Argumente für nicht nachvollziehbar. „Das ist doch ein Witz“, sagt sie. Ähnlich angebrachte Blumenkästen gehörten an vielen Orten, vor allem in der Langener Altstadt, zum Stadtbild. Sie glaubt, die Stadt will an ihrem Fall ein Exempel statuieren. „Sind Aufsteller und Blumenkübel vor Geschäften dann auch verkehrsgefährdend?“, fragt sie.

Bepflanzte Blumenkästen in Langen: Zweifelhafte Messung

Die Grundstücksbesitzerin kann die Messdaten, die die Stadt anführt, nicht nachvollziehen. Zwei Mitarbeiter des Ordnungsamts hätten im Januar Maß genommen und befunden, dass der „nutzbare Gehweg“ unter den Blumenkästen nur noch knapp einen halben Meter betrage. „Da wurde der Zollstock bis zu den letzten dünnen Efeu-Ästchen angesetzt“, moniert sie. Sie befestige die Pflanzen schon mit Draht und achte darauf, dass sie nicht zu weit aus den Kästen ragen. „Aber es heißt immer, man soll Blumen pflanzen für die Bienen und dann darf aber keine Ranke abstehen“, sagt sie.

Grote-Hoffmann kommt mit dem Zollstock auf einen Wert über den geforderten 80 Zentimetern. Rollstuhlfahrer und Kinder könnten problemlos passieren. „Ich bin auch gesetzestreu und es ist richtig, dass es diese Regeln zur Sicherheit gibt“, sagt sie. Aber die Messungen seien willkürlich. Das Argument, dass die Blumenkästen blinde Menschen behindern, habe überdies eine sehbehinderte Freundin abgetan. Zudem hält sie Stromkasten und Verkehrsschild, die in der Nähe in den Gehweg eingelassen sind, für eine wirkliche Behinderung für Fußgänger oder radfahrende Kinder. „Das Ganze ist an den Haaren herbeigezogen“, meint die Langenerin, die einen Anwalt eingeschaltet hat.

Blumenkästen in Langen dürfen nicht auf die Fensterbänke

Grote-Hoffmann bot an, die Blumenkästen stattdessen auf die Fensterbänke zu stellen, aber auch das erklärte das Ordnungsamt für unzulässig, da die Pflanzen dann genauso in den „Luftraum“ ragen. Die letzte Frist für das Abhängen der Kästen hat sie nun verstreichen lassen.

Wie es jetzt weitergeht, weiß sie nicht genau, sagt sie schulterzuckend. Erster Stadtrat Stefan Löbig erklärte auf Nachfrage, er wolle die Sache nach Rücksprache mit dem Ordnungsamt noch einmal prüfen. Grundsätzlich sei es lobenswert, wenn Langener etwas machen, um die Stadt zu verschönern. „Wir werden es also nur mit guten Gründen verbieten“, versichert er.

VON JULIA RADGEN

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