Gemeinsam statt einsam

Ginkgo-Häuser in Langen: Wohngemeinschaft im hohen Alter

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Sie setzen auf Gemeinschaft: In den beiden charakteristisch bemalten Ginkgo-Häusern fühlen sich (von links) Jürgen und Ute Becker, Ute May-Baldner und Wolfgang Braun überaus wohl.

Eine bewusste Entscheidung für das restliche Leben: So beschreiben Ute May-Baldner, Wolfgang Braun und das Ehepaar Becker ihren Einzug in die Ginkgo-Häuser. Die Frage „Wie will ich im Alter leben?“ habe sie alle damals beschäftigt.

Langen – Die Antwort haben sie im Konzept der beiden Ginkgo-Häuser gefunden: selbstbestimmt, in Geselligkeit und nicht zulasten ihrer Angehörigen.

Der dazugehörige Verein Ginkgo Langen hat die Selbstständigkeit bis ins hohe Alter zu seinem obersten Ziel erklärt. Um dies zu erreichen, setzt er auf eine enge Nachbarschaft und ein gemeinschaftliches Zusammenleben.

Im Jahr 2001 keimt die Idee nach solch einem nachbarschaftlichen Konzept erstmals auf. Acht Jahre später steht das erste Ginkgo-Haus, fünf Jahre darauf das Zweite. Auch eine Wohngemeinschaft mit demenziell Erkrankten ist in einem der Wohnhäuser integriert. „Das war damals ein langer und anstrengender Weg“, erinnert sich Gründungsmitglied Ute May-Baldner. Die Finanzierung, die Suche nach einem passenden Grundstück und Investor – ein schwieriges Unterfangen. „Doch in Momenten, wo man am liebsten das Handtuch werfen würde, haben wir uns gesagt: jetzt erst recht.“

Heute leben etwa 50 Personen in den barrierefreien Häusern, darunter auch May-Baldner selbst. In einem Pflegeheim zu leben könne sie sich nicht vorstellen. „Viele denken, das hier sei ein betreutes Wohnheim“, will sie mit einem Vorurteil aufräumen. „Wir leben hier alle selbstbestimmt. Wir achten nur sehr aufeinander, sodass niemand vereinsamt.“

Damit diese Versprechen gehalten werden, gilt: Einziehen darf nur, wer Mitglied im Verein ist und beim Einzug zwischen 50 und 65 Jahre alt ist. „Wir leben davon, dass wir zwei Generationen unter einem Dach sind. Das Konzept würde nicht funktionieren, wenn alle Bewohner in einem Alter wären“, sagt May-Baldner. Zudem verpflichtet sich jeder Bewohner, sich mindestens vier Stunden wöchentlich sozial für die Gemeinschaft einzusetzen. Dies ist eine Vereinbarung jedes Kauf- und Mietvertrags.

Die sozialen Stunden verbringen die Bewohner zum Beispiel mit Gartenarbeit, mit Hilfstätigkeiten im Haushalt eines erkrankten Nachbarn, mit Fahrdiensten oder auch in der Demenz-WG. Auf 308 Quadratmetern leben dort zehn demenziell Erkrankte und werden rund um die Uhr betreut. Die Bewohner der Ginkgo-Häuser ergänzen die professionelle Pflege, sind „das Sahnehäubchen auf der Torte“, sagt Wolfgang Braun. Essen anreichen, singen oder spazieren gehen gehören zu den möglichen Aufgabenbereichen. „Damit wir mobiler sind, haben wir eine Rikscha angeschafft. Dann nehmen wir die Bewohner mit auf den Wochenmarkt oder in die Eisdiele“, sagt Braun.

Der Kontakt mit den demenziell Erkrankten sei bedrückend und bereichernd zugleich. Ute Becker engagiert sich regelmäßig in der Demenz-WG: „Manchmal wirken die Bewohner in sich gekehrt. Doch wenn wir zusammen singen, erscheint plötzlich ein Lächeln im Gesicht desjenigen oder der Fußzeh wippt mit. Dann weiß ich: Das hier war die richtige Entscheidung.“

Wie in jedem Haus, in dem mehrere Parteien leben, kommt es auch in den Ginkgo-Häusern zu Meinungsverschiedenheiten. „Wir sind nicht die besseren Menschen. Jeder hat seine eigenen Ansichten und Denkweisen“, sagt May-Baldner. Allerdings komme es verstärkt darauf an, Auseinandersetzungen zu klären – zur Not auch mit einem professionellen Mediator. „Es wäre ja schlimm, wenn man sich im Treppenhaus begegnet und dann nicht miteinander spricht“, sagt May-Baldner.

Um das gemeinschaftliche Zusammenleben zu fördern, veranstalten die Bewohner beider Häuser regelmäßig Veranstaltungen: Literaturzirkel, Gymnastik, Filmabende, Yoga, Gedächtnistraining oder Sprachkurse. Auch Carsharing wird von den Bewohnern organisiert. Um das gesellige Miteinander zu fördern, sind die Wohnungen absichtlich klein konzipiert. „Jedes Haus besitzt einen großen Gemeinschaftsraum, wo alle zusammen kommen können“, informiert May-Baldner. Trotzdem sei es für sie, Wolfgang Braun, Ute und Jürgen Becker eine Umstellung gewesen: „Wir haben früher alle in großen Häusern gewohnt. Da war für uns klar: Die werden wir aufgeben müssen“, sagt May-Baldner. Schwergefallen sei es jedoch keinem von ihnen – und bereut hat die Entscheidung bis heute auch niemand.

von Vanessa Kokoschka

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