Mit Schnucki (fast allein) in Kentucky

Ilja Richters Hommage an Karl May zündet nicht so richtig

Von Markus Schaible

Darstellerisch top: Ilja Richter wusste in der Stadthalle als Schauspieler, Sänger und Erzähler zu überzeugen, sein Programm allerdings weniger.

Irgendwann erklingt sie dann doch zur Gänze, die „Winnetou-Melodie“ aus den Filmen der 1960er Jahre. Und Ilja Richter gibt seinem Publikum Gelegenheit, einmal die Gedanken schweifen zu lassen . 

Langen – Zu Beginn seines Programms über das Leben von Karl May werden die Klänge gleich nach wenigen Takten durch zwei Worte unterbrochen: „Vergesst Winnetou“. So hat Richter seinen Abend über den erfolgreichsten Schriftsteller Deutschlands (200 Millionen verkaufte Bücher!) in der Stadthalle überschrieben. Wobei: Der Häuptling der Apachen kommt doch immer mal wieder vor im Laufe der gut 90 Minuten, in denen sich der Schauspieler dem „schrägen Leben von Karl May“ widmet. Aber eben nicht nur er.

Kleinkrimineller, Hochstapler, doch auch Genie und Vielschreiber: Karl May (1842 -1912) war eine durchaus vielfältige und nicht unumstrittene Persönlichkeit. Diesem Mann, der sich in seiner Traumwelt selbst als Old Shatterhand und Kara Ben Nemsi (also den Helden seiner Bücher) fühlte, nähert sich Richter dabei aber nicht auf der biografischen Schiene. Vielmehr entwickelt sich der Abend zu einem wilden, manchmal auch wirren Sammelsurium diverser Stilrichtungen. Dabei zeigt sich der 66-Jährige, der einst als Moderator der ZDF-Jugendsendung Disco („Licht aus! Whoom! Spot an! Jaaa …!“) große Bekanntheit erlangte, noch immer in Top-Form: Er singt, tanzt, strippt sogar (bis auf die Unterwäsche – was nun nicht unbedingt zur Erhöhung der Qualität des Abends beiträgt), plaudert, parodiert und witzelt: „Der Unterschied zwischen Schiller und May: Schiller schrieb ,Die Räuber‘, May war einer.“

Heinrich Heine, Frank Sinatra, Thomas Gottschalk, sie alle haben Platz in Richters Programm. Er imitiert Chris Howland, Dieter „Didi“ Hallervorden (dem Richter im Alter immer ähnlicher sieht) und sogar Adolf Hitler – der ein großer Verehrer des Schriftstellers gewesen sein soll, dabei aber dessen pazifistische und auf Völkerverständigung abzielende Haltung einfach mal unter den Tisch fallen ließ.

Das alles ist interessant, sicherlich, wirkt aber zu oft wie eine Collage ohne klare Linie. Irgendwie ist kaum nachzuvollziehen, wohin Ilja Richter eigentlich will mit seinen selbst komponierten und getexteten Liedern und Chansons, den vorgelesenen Textpassagen (von und über May), den Anekdoten aus dem Leben, den gesprochenen und gesungenen Wortspielereien. Eine „Hommage an einen Verkannten“ nennt der Schauspieler sein Programm – nun ja ...

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Die Stadthalle ist auch nur schwach besucht, so, als hätten viele Karl-May-Freunde schon vorab nicht so richtig etwas mit der Programm-Beschreibung anfangen können. Stimmung kommt nur zweimal kurz auf: Einmal, als Ilja Richter eine Zuschauerin animiert, zum Song aus dem Musical „Annie get your gun“ als Buffalo Bill über die Bühne zu „reiten“. Und dann, als er „Schnucki, ach Schnucki, foahr’ ma nach Kentucky!“ schmettert.

Der höfliche Applaus zum Schluss gilt wohl eher Richter und seiner darstellerischen Leistung, weniger dem Programm. Dessen Intension mag zwar ambitioniert sein – beim Zuschauer kommt das aber nur bedingt an.

VON MARKUS SCHAIBLE

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