Aus Sand gebaut

Irina Titova nimmt die Zuschauer mit auf eine beeindruckende Weltreise

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Eine wirkliche Queen of Sand: Mit ihren vergänglichen Kunstwerken zieht Irina Titova die Zuschauer ihrer Show zu jeder Sekunde in ihren Bann.

Sie lächelt viel, aber das Reden überlässt sie anderen: Irina Titova kommt ohne ein einziges Wort aus bei ihrer Show in der Stadthalle – und doch zieht sie das Publikum zu jedem Augenblick in ihren Bann.

Langen – Eine von unten angeleuchtete Glasplatte und Sand, mehr braucht sie dazu nicht. Denn Titova ist die „Queen of Sand“ – dass sie diesen Titel zurecht trägt, zeigt sie in jeder Sekunde. Ihre Kunst ist flüchtig, ständig in Bewegung und permanenter Veränderung ausgesetzt. Von oben per Kamera auf die Leinwand übertragen, werden die Zuschauer in der nahezu ausverkauften Stadthalle Zeugen des Entstehens, der Veränderungen und der Zerstörung der Bilder, eine gleichzeitig packende als auch beruhigende Erfahrung.

„In 80 Bildern um die Welt“ heißt die Show, die sich an der berühmten Geschichte von Jules Verne orientiert. Synchronsprecher Joachim Kerzel (der unter anderem Jack Nicholson, Dustin Hoffman, Sir Anthony Hopkins und Robert de Niro seine Stimme lieh) hat eine Variante von Katrin Wiegand und Katrin Edtmeier aus Sicht des Dieners Jean Passepartout aufgenommen – zu seinen Worten kreiert die junge Russin die passenden Sandbilder, um die Reise um die Erde zu visualisieren. In atemberaubender Geschwindigkeit streut und formt sie das staubfeine Material auf die Glasscheibe; sie wischt, sie kratzt, sie schiebt die Körner in richtige Form. Die braune Farbe des Materials passt dabei perfekt zu der fast 150 Jahre alten Erzählung, die Sandbilder wirken fast wie vergilbte Fotografien und sind dabei extrem plastisch.

Dabei sind die Kunstwerke ständiger Transformation unterworfen. Da wird ein Scotland-Yard-Agent durch Entfernen eines Teils des Sandes zum ägyptischen Pharao; da sitzen zwei Männer eben noch auf Kamelen und im nächsten Moment durch geschicktes Verwischen in einem Boot.

Immer wieder brandet Applaus auf, wenn Titova mit überraschendem Verändern ihren Sandbildern ein völlig anderes Aussehen verpasst – was dem Langener Publikum in der Halbzeitpause das Lob des Produktionsleiters einbringt, „die besten Klatscher in Europa“ zu sein. Er nutzt die Gelegenheit, um einen Jungen aus dem Publikum auf die Bühne zu holen, damit dieser zeigt, dass das Bild auf der Glasplatte tatsächlich das auf der Leinwand zu sehende (und nicht etwa eine Computeranimation) ist – was Louis auch mit einem Smiley beweist.

Ob es nun tatsächlich 80 Bilder sind, die Irina Titova in der Show entwirft, tut nichts zu Sache, denn Mitzählen ist das allerletzte, an das die Zuschauer denken. Vielmehr kommen sie aus dem Staunen nicht mehr heraus. Figuren, Gesichter, Transportmittel, Tiere oder Weltwunder, mit bewundernswerter Präzision führt Titova die Besucher rund um die Welt. Und das ganze mit einem gewissen Augenzwinkern und historisch nicht immer ganz korrekt; so entstanden Eiffelturm oder Freiheitsstatue erst Jahre nach Vernes Geschichte. Doch was tut das zur Sache, wenn man Zeuge wird, wie große Kunstwerke entstehen – und im nächsten Moment wieder verschwunden sind?

VON MARKUS SCHAIBLE

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