Umsteigen, warten, ärgern

Stadtbusverkehr in Langen seit Umstellung „eine einzige Katastrophe“

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Als Gehbehinderter mal schnell zur Post und wieder zurück – „mit der neuen Buslinienführung im Prinzip ein Ding der Unmöglichkeit“, bedauert Günter Bayer. 

Bessere Taktung und eine bessere Linienführung: Die Stadtwerke haben den Kunden viel versprochen. Trotzdem ist der Ärger groß. 

Langen – Nun sind zwei Monate ins Land gezogen und aus Sicht vieler Nutzer hat sich viel von den vollmundigen Versprechungen als Luftnummer erwiesen. Ihre Realität bestehe aus Umsteigerei, Warterei sowie rund um den Knotenpunkt Bahnhof aus beschwerlicher Lauferei, klagen zahlreiche, vor allem ältere Fahrgäste.

Nein, sie kommen bei vielen ganz und gar nicht gut an, die neuen Routenführungen der Linien 71 und 72. Das vor allem, weil die von den Stadtwerken als „Pluspunkt“ verkauften Taktungen zwischen beiden Linien den Realitätstest nicht bestehen. Laut Stadtwerken sind die meisten Ziele im Halbstundentakt erreichbar – indem beide Linien sich ergänzen. Eben dies stellt eine der größten Nutzergruppen, die ältere Generation, in Abrede.

Langen: Auf Papier sieht alles schön und gut aus 

„Es ist ein junger Fahrplan“, kommentiert Günter Bayer sarkastisch. Auf Papier möge alles schön und gut aussehen, aber: „Die Wahrheit ist: Um die Zeiten einhalten zu können, die der Fahrplan für den Wechsel von einer Haltestelle zur anderen vorgibt, musst du rennen können. Und das können ältere Leute nun mal nicht mehr – schon gar nicht, wenn sie gehbehindert und/oder mit Rollator unterwegs sind.“

Die Linie 72 fährt von „An der Koberstadt“ über Darmstädter Straße und Lutherplatz, dann aber nicht mehr über die Bahnstraße, sondern über Langens Norden und die Elisabeth-Selbert-Allee. Wer also per Bus in die Bahnstraße will, weil Laufen, aus welchen Gründen auch immer, nicht mehr sein Ding ist, muss in die Linie 71 umsteigen. Die Linie 71 wiederum startet im Linden an der Einstein-Schule und fährt über Bahnhof, Bahnstraße, Lutherplatz und Darmstädter Straße gen Egelsbach – freilich nur im 60-Minuten-Takt, statt wie zuvor alle 30 Minuten bis zum Alten Amtsgericht und zur Koberstadt. Aus Sicht vieler Nutzer im Bereich Linden/Oberlinden eine erhebliche Verschlechterung.

Doch zurück zu Günter Bayer: Er wohnt in der Südlichen Ringstraße, die Haltestelle „Friedhof“ ist sein Dreh- und Angelpunkt. Die Fahrt zur Post sei nunmehr eine kleine Weltreise, schildert er. „Um als Gehbehinderter in die Bahnstraße zur Post zu kommen, muss ich am Lutherplatz umsteigen. Aber der Takt ist so eng, da reicht eine Ampelphase mehr an der Südlichen oder Darmstädter Straße und der Anschluss ist weg. Und dann werden aus ehemals einer Dreiviertelstunde für eine Besorgung neuerdings eindreiviertel Stunden.“

Busverkehr in Langen: Bis zu einer Stunde Wartezeit 

Zurück sei es nicht besser. „Ich habe 20 Minuten Zeit für alles, was ich bei der Post oder noch so erledigen will, wenn ich den nächstmöglichen Bus nehmen will. Dann fahre ich von der Post bis zum Lutherplatz und muss in zwei, drei Minuten bis zur Haltestelle Gartenstraße rübergelaufen sein. Das schaffe ich schlicht nicht – und es gibt noch Langsamere als mich!“ Resultat: eine Stunde Wartezeit. „Das ist wahrlich nicht schön, aber jetzt, in der warmen Jahreszeit, noch irgendwie zu überstehen. Aber was ist ab Herbst, wenn’s wieder kalt und nass wird?“, so Bayers berechtigte Frage.

Wer den 75er Bus nutze, müsse am Bahnhof den Tunnel durchqueren, um in die Stadt zu kommen. „Das ist beschwerlich und wenn der Aufzug am Bahnhof überhaupt mal fährt, dann bringt er mich auf der Westseite auf das Gleisniveau. Da laufe ich dann das komplette Gleis vor und dann wieder zurück“, klagt eine Rentnerin, die namentlich nicht genannt werden möchte. Anderen Nutzern, sowohl in Oberlinden als auch am Steinberg, sind die Pausenregelungen unverständlich, bei denen sämtliche Passagiere die Busse zu verlassen hätten. Tenor: „Aus einem Bus aus- und in den nächsten wieder einsteigen, nur weil der Fahrer Pause hat, ist nicht gut!“

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Helga Neubauer (78) wohnt im Hochhaus an der Feldbergstraße – und sie spricht etlichen Mitbewohnern fortgeschrittenen Alters aus dem Herzen. „Unsere Haltestelle ist sehr ungünstig in Richtung Elisabeth-Selbert-Allee verlegt worden. Das ist für Laufeingeschränkte wahrlich ein negativer Faktor, sodass viele hier mittlerweile ein Taxi rufen. Das ist einerseits eine Geldfrage, kann aber andererseits doch nicht im Sinne des Erfinders des Öffentlichen Personennahverkehrs sein!“ Wie etliche Bewohner des Hauses in der Feldbergstraße hat Neubauer sich in eine Unterschriftenliste in der Apotheke am Bahnhof eingetragen, deren Unterzeichner Nachbesserungen so rasch wie möglich fordern und diese konkret benennen.

Langen: „Endlose Kutschiererei durch das Nordend“ 

„Natürlich muss ein großes, neues Wohngebiet wie im Norden rund um die Selbert-Allee an das Bussystem angebunden werden – aber warum nicht mit einer neuen eigenständigen Linie?“ Die Frage eines weiteren genervten Fahrgastes zielt auf die „endlose Kutschiererei durch das Nordend“ ab, die obendrein zeitweise übervolle Busse produziere. „Kann man nicht das abendliche Angebot, das meiner Beobachtung nach gar nicht so doll frequentiert ist, ausdünnen und dafür tagsüber zu Kernzeiten vom Stunden auf Halbstundentakt umschalten?“, so die Anregung einer Dame, die nach eigenen Worten „mitten im Arbeitsleben“ steht.

Das vorläufige Schlusswort spricht ein auf den Rollator angewiesener Senior: „Den Fahrplan können nur Menschen ohne Gehbehinderung, die selbst nur mit dem Auto unterwegs sind, ausgeheckt haben.“ Dies habe er so auch den Stadtwerken geschrieben. „WLAN und Fahrradmitnahme – alles wunderbar. Aber die Grundbedürfnisse einer Hauptnutzergruppe derart zu ignorieren, das ist einfach nur katastrophal.“ 

VON HOLGER BORCHARD

In Langen erlebt auch die Feuerwehr ungewöhnliche Situationen. Sie benötigte bei einem Einsatz Polizeischutz. Grund für ihren Einsatz war das im Kreis Offenbach wütende Unwetter. Es traf Langen und Egelsbach am stärksten. 

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