Sprayer aus ganz Deutschland und Nachbarländern reisen an

Schmierereien an alter Bahnunterführung weichen riesigem Graffiti

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Schandfleck: Die Bahnunterführung scheint auf Schmierer eine magische Anziehungskraft auszuüben.

60 bis 70 Sprayer aus Deutschland und den Nachbarländern wollen die alte Bahnunterführung in ein Gesamtkunstwerk verwandeln. Der Stadt entstehen dabei so gut wie keine Kosten.

Langen – Es ist ein Schandfleck mitten in der Stadt: Mit Farbe verschmierte Wände und immer wieder Toilettensprüche – die alte Fußgängerunterführung, die die Bahnhofsanlage mit der Nassoviastraße verbindet, ist alles andere als eine Visitenkarte. Passanten ärgern sich schon lange über die Verschandlungen.

Zu ihnen zählt auch der Langener Graffiti-Künstler Oliver Goeke alias Eater Parker. Doch so einfach hinnehmen will er das nicht. Seine Idee: Die Unterführung wird zu einer legalen Spielwiese für die Graffiti-Szene. Das ganze wird in einem speziellen Kunst-Festival münden: 60 bis 70 versierte Sprayer aus ganz Deutschland und angrenzenden Ländern verwandeln die verunstalteten Mauern in ein fantasiereiches Gesamtkunstwerk.

Fantasievoll: Bevor das Gleisschwellenwerk vor einem Jahr abgerissen wurde, hatte Eater Parker mit Gleichgesinnten die Wände für eine Graffiti-Aktion genutzt.

Der Vorschlag fand im Rathaus sofort großen Anklang. „Wir selbst haben angesichts unserer Haushaltslage überhaupt nicht die Mittel, um die Unterführung zu verschönern“, erklärt Bürgermeister Frieder Gebhardt.

Das machen Eater Parker und die anderen Graffiti-Künstler jetzt praktisch kostenlos. Nur Speis und Trank werden von der Stadt bezahlt. Geplant ist die Aktion für das Wochenende vom 26. bis 28. April, wobei der Freitag hauptsächlich den Vorbereitungen dient und am Samstag gesprayt wird. Am Sonntag kommt dann noch der letzte Schliff.

Eater Parker ist die Bahnunterführung schon lange ein Dorn im Auge. „Ich bin es leid, wegzuschauen. Was da jetzt zu sehen ist, hat mit Graffiti nichts zu tun“, sagt der 35-Jährige, der schon seit 20 Jahren ästhetisch beeindruckende Werke sprayt – und das niemals ohne Genehmigung. In Langen zeugen beispielsweise Wände am Jugendzentrum, am Tegut-Parkplatz und in Oberlinden von seiner Gestaltungskraft, die in Form von Dinosauriern, Fabelwesen, lebensecht wirkende Szenen, plastischen Figuren, surrealen Gebilden und nahezu schreienden Schriftzügen zum Ausdruck kommt. Mit farbenfrohen und fröhlichen Bildern hatte er zusammen mit anderen Künstlern auch das ehemalige Gleisschwellenwerk an der Liebigstraße in Szene gesetzt – kurz bevor es abgerissen wurde.

Für die Aktion in der Bahnunterführung hat Eater Parker dank seines guten Netzwerkes Sprayer zwischen 20 und 50 Jahren gewonnen, die dann zur großen Graffiti-Jam in Langen zusammenkommen. Weil Jam im Englischen auch Marmelade bedeutet, trägt das Ganze den Namen Strawberry-Cheesecake-Jam.

Engagiert: Graffiti-Künstler Oliver Goeke alias Eater Parker bei der Arbeit. 

Im Vorfeld hat Eater Parker die Unterführung einschließlich der Zugänge schon grob in einzelne Segmente aufgeteilt und nummeriert. Die Sprayer, die ihre Farbe selber mitbringen, werden dann ohne irgendwelche Vorgaben bei der Motivwahl ans Werk gehen und ihr jeweils fünf bis sechs Meter breites Feld gestalten. Alle erhalten von der Stadt dazu eine schriftliche Genehmigung und verpflichten sich, ihren Abschnitt bis mindestens Ende 2020 in Ordnung zu halten. Mit anderen Worten: Kommt es zu illegalen Schmierereien, wird anschließend übermalt. Weil viele der Beteiligten nicht vor Ort leben, übernimmt Eater Parker die Patenschaft für die Unterführung und veranlasst bei Bedarf, dass offizielle Sprayer Hand anlegen.

Langen bekomme jetzt einen inspirierenden Schauplatz für die Gegenwartskunst, freut sich Bürgermeister Gebhardt. Aus der momentan schäbig wirkenden Unterführung werde eine öffentliche Galerie. „Und wir wissen aus Erfahrung, dass ein gut gespraytes Graffiti respektiert wird“, verweist er auf einen Nebenaspekt der Aktion. Die Hoffnung ist, dass die Zahl der Schmierereien deutlich sinkt.

Ihr umstrittenes Image haben professionell gestaltete Graffiti längst abgestreift. Heute sind sie ein Zweig der sogenannten Street-Art, halten Einzug in Ausstellungen und finden vermehrt Anerkennung und Akzeptanz als Kunstform, die ihren eigenen Regeln und Gesetzen folgt.

Wenn die Graffiti-Künstler am Samstag, 27. April, von 11 bis etwa 18 Uhr so richtig zugange sind, kann sich die Öffentlichkeit gerne ein Bild vom ideenreichen Potenzial der Szene machen. Das meiste zu sehen sein dürfte ab der Nachmittagszeit. Die benachbarte Gaststätte „Zur Westendhalle“ wirft den Grill an und verköstigt nicht nur die Sprayer, sondern gerne auch ihr Publikum.  

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