Schlabberküsse sind zu viel

Sexueller Kindesmissbrauch: Theaterstück bietet Betroffenen Hilfe an

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Omas Kussattacke: Die nachvollziehbare Szene zeigt den Kindern, wie sie für ihre Grenzen eintreten.

Ob im Elternhaus oder im Schulalltag – sexueller Kindesmissbrauch ist ein großes Problem. Die Dunkelziffer ist hoch. Die Kampagne „Trau dich!“ soll Kindern dabei helfen, Worte für das Unsagbare zu finden und sich Hilfe zu suchen. Ihr Kernelement ist ein Theaterstück, das gerade in Langen gastiert.

Langen – Vladimir geht seine Oma eigentlich gerne besuchen, aber ihre „Schlabberküsse“ kann er gar nicht leiden. Schauspieler Karl Kiesel, der den Zehnjährigen verkörper, windet sich aus der Umarmung der Oma, die ihn durchweg „Purzelbäumchen“ nennt, und rennt an ihr vorbei. Das amüsiert die gut 350 Kinder im Saal der Stadthalle, einige lachen laut. Aber die Zehn- bis 13-Jährigen verstehen auch, dass sich der Junge unwohl fühlt, die Küsse und Umarmungen sind ihm zu viel. Nun ist nur die Frage: Wie sag ich’s Oma?

Die Situation ist eine von vieren, die das Ensemble des Schultheater-Studios Frankfurt für insgesamt 1400 Kinder als Teil des Programms „Trau dich!“ zeigt. Sie besuchen die vierten bis sechsten Klassen der Schulen in Langen und anderen Kreiskommunen. Das Stück soll ihnen vermitteln, wie sie solche Situationen erkennen und über sie sprechen. Es zeigt auch kleine Alltagsszenen, in denen sich die Kinder unwohl fühlen – so wie eben Omas Schlabberküsse. „Es ist wichtig, auf diese kleinen Grenzüberschreitungen zu schauen. Wenn wir das schaffen, ist schon viel erreicht“, sagt Heike Pinne von Pro Familia Offenbach.

Denn auch die Beratungsstelle und der Kinderschutzbund Westkreis mit Sitz in Langen sind in die Initiative integriert, die das Bundesfamilienministerium und die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung zur Prävention von sexuellem Kindesmissbrauch konzipiert haben. 2013 wurde das Stück entwickelt, um Kinder für das Thema zu sensibilisieren, seit Ende 2017 nutzt das hessische Kultusministerium das Präventionsangebot. Bisher gab es 50 Theateraufführungen für mehr als 140 Schulen. Zum Konzept gehören aber auch Lehrerfortbildungen und Elterngespräche.

Das Stück ist eher eine Performance. „Die Schauspieler stehen zwischendrin neben der Figur und erklären, was passiert – somit ist es für die Kinder emotional aushaltbar“, sagt Projektleiterin Katharina Fertsch-Röver. Mit Livemusik, Videoeinspielern und viel Interaktion bringt das theaterpädagogisch geschulte Ensemble den Kindern die Szenen nahe und fordert sie auch. So sollen die Zuschauer sagen, was sie an Vladimirs Stelle tun würden. „Er könnte sagen ‘Oma, ich hab dich sehr lieb, aber ich möchte das nicht’, schlägt ein Junge vor. „Oder einen Zettel schreiben“, meint ein Mitschüler. Mithilfe der Kinder verfassen die Schauspieler so live einen Brief an die Oma, der in der nächsten Szene aufgenommen wird.

Perfiden sexuellen Missbrauch schildert der Fall von Alina, den das Ensemble erzählt. Der Freund ihrer großen Schwester, ein echter „Märchenprinz“, vergeht sich in einem unbeobachteten Moment an ihr. Zuerst ist es nur der Oberschenkel, dann wandert seine Hand in ihre Hose. Die Szene wird nur angedeutet, doch Darstellerin Michaela Cordes schildert den Kindern deutlich, was passiert, und welche Gedanken dem Mädchen durch den Kopf gehen. Bevor sie zur Familie zurückgehen, sagt der Täter zu ihr: „Das bleibt unser Geheimnis.“ Er will, dass sie schweigt. Klar benennen die Schauspieler – und Kinder in Videoeinspielern – deshalb nach der Szene, was passiert ist: „Das nennt man sexuellen Missbrauch, das ist verboten!“ Und: „Alina hat nichts falsch gemacht.“

Das Theaterstück und der darauf basierende Unterricht sollen den Kindern helfen, sich dieser Grenzüberschreitungen und ihrer eigenen Gefühle bewusst zu werden. „Wir wollen eine Kultur des Hinschauens und Zuhörens. Wer betroffen ist – direkt oder indirekt – muss wissen, was zu tun ist“, fordert Pinne. Das gelte auch für Erwachsene: Deshalb sei es so wichtig, Lehrer fortzubilden, betont Katja Hölscher vom Kinderschutzbund. Laut einer Studie haben 81 Prozent der hessischen Schüler Erfahrungen mit sexueller Gewalt. Keine Schule könne sich daher aus der Verantwortung ziehen. Bereits nach den ersten Aufführungen haben Kinder ihre Erlebnisse offenbart, weiß die Theatermacherin Fertsch-Röver – vom zudringlichen Sportlehrer bis zum Missbrauch in der Familie. Durch das Stück falle es ihnen oft leichter, sich mitzuteilen. Wenn ein Kind sagt „Ich habe so etwas erlebt wie Alina“, sei das der erste Schritt.

Infos im Internet unter trau-dich.de und schule-gegen-sexuelle-gewalt.de

Von Julia Radgen

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