Langen lieben gelernt

US-Schülerin fällt nach acht Monaten der Abschied schwer

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Sie strahlen um die Wette: US-Austauschschülerin Kaitlyn (Mitte) mit Gastschwester Anna-Lisa und Gastmutter Vanessa Stockton.

Die 16-jährige Kaitlyn aus Texas hat elf Monate in Deutschland verbracht, acht davon bei ihrer Langener Gastfamilie. Hier besucht sie die Schule, macht Ausflüge und probiert lokale Spezialitäten. Ende des Monats geht es für sie wieder zurück.

Langen –  An Langen wird sie am meisten das Fahrradfahren vermissen – und den Döner.

Vor zwei Jahren hat alles angefangen, erinnert sich Kaitlyn: Ihre Deutschlehrerin machte sie auf das Austauschprogramm Partnership International aufmerksam, das im Rahmen des Parlamentarischen Partnerschafts-Programms gefördert wird. Im August vorigen Jahres zog es die damals gerade 16 Jahre alt gewordene Schülerin dann nach Deutschland. Aus ihrer heimischen Kleinstadt einige Kilometer nördlich von Houston wagte sie als eine von 250 amerikanischen Stipendiaten den Sprung über den Großen Teich. Zuvor hatte sie bloß zwei Jahre Deutschunterricht – heute spricht sie die Sprache flüssig.

Das liegt unter anderem an dem Engagement ihrer Gastfamilie. Vanessa Stockton und Tochter Anna-Lisa nahmen sie mit auf Reisen zu Verwandten und Bekannten quer durch die Republik und sogar bis nach Österreich. Dabei sei sie auch ihre Vorurteile losgeworden, sagt Kaitlyn: „Wie die meisten Amerikaner dachte auch ich, Deutschland bestehe nur aus Bayern. Jetzt habe ich die verschiedenen Regionen und Dialekte selbst kennengelernt.“ Für Gastmutter Vanessa Stockton war die junge Stipendiatin ein Glücksfall: „Schon als wir vorab ihren Steckbrief gelesen haben, wussten wir, dass sie gut zu uns passen würde“, erinnert sie sich.

Nach Langen hat Kaitlyn jedoch nur über einige Umwege gefunden. Nach dem ersten Monat intensiven Deutsch-Lernens zusammen mit 50 weiteren Stipendiaten in einem Kloster in Sachsen-Anhalt sollte sie zunächst von einer Familie in Niedersachsen aufgenommen werden. Einen Monat blieb sie im 400-Seelen-Dorf Mödesse. Nachdem ihre Gastfamilie sie aus persönlichen Gründen nicht länger beherbergen konnte, kam sie zu kurzfristig zu Stocktons.

Hinter dem vom Deutschen Bundestag und dem amerikanischen Kongress geförderten Stipendium steht der Anspruch, den amerikanischen Schülern deutsche und europäische Politik nahe zu bringen. Passend dazu hat Kaitlyn ihre eigenen Beobachtungen gemacht: „Die Menschen in Deutschland interessieren sich deutlich mehr für die Politik der USA als umgekehrt. Außerdem fühlt sich hier alles internationaler und multikultureller an.“ Dies macht sie unter anderem an der vergleichbar kleinen Fläche Deutschlands und der Lage inmitten Europas fest: „Du fährst eine Stunde nach Westen und du bist in Frankreich. In Texas fährt man drei Stunden und hat gerade einmal den nächsten Bundesstaat erreicht.“

Kurze Wege hat Kaitlyn auch morgens zur Weibelfeldschule in Sprendlingen, die sie gemeinsam mit ihrer Gastschwester Anna-Lisa besucht. „Ich wollte meinen Schulweg immer mit dem Fahrrad fahren können. Das ist hier kein Problem.“ Im weitläufigen Texas brauche sie dafür 20 Minuten mit dem Auto. Der Unterricht komme ihr entspannter vor als in ihrer Heimat: „Die Pausen dauern hier länger. Außerdem haben wir in Texas nie Vertretungsstunden oder Stundenausfälle.“ Nach der Schule ging es für die aktive Schülerin ins Alte Amtsgericht zum Chor der Langener Musikschule, zum Klavier üben oder zum Tennisspielen mit der Gastschwester.

Das amerikanische Essen musste sie nicht missen: „Das gibt es hier ja genauso. Allerdings habe ich sehr viel deutsches Brot gegessen.“ Auch gegenüber hessischer Hausmannskost wie Grüner Soße ist sie aufgeschlossen und sogar von dem für fremde Gaumen oft gewöhnungsbedürftigen Handkäs’ zeigt sich Kaitlyn begeistert. Kulinarisch hat es ihr am meisten das überwiegend deutsche Phänomen „Döner“ angetan. „In den USA ist das schwer zu bekommen“, bedauert die Stipendiatin. Davon abgesehen fasziniert sie die Langener Altstadt besonders: „Es ist beeindruckend, sich vorzustellen, in einem 200 Jahre alten Haus zu leben. In meiner Stadt steht kaum ein Gebäude, das so alt ist.“

Elf Monate in einem fremden Land zu verbringen – das prägt. „Nach Hause zu kommen wird erst einmal seltsam sein“, vermutet sie. „Die Zeit in Deutschland hat mich verändert; ich führe ein ganz anderes Leben.“ Zwar freue sie sich, ihre Familie und Freunde wiederzusehen. Ihrer Abreise aus Langen sieht sie aber dennoch mit einem sprichwörtlich weinenden Auge entgegen. „Ich werde auf jeden Fall wiederkommen. Es wird schon schwer genug werden, mich von meiner Gastfamilie zu verabschieden.“ Der ist sie sehr dankbar: „Es war ein tolles Erlebnis. Ich wurde als Teil der Familie aufgenommen und Anna-Lisa ist mehr als eine Freundin für mich geworden.“ Wie gut die Chemie zwischen den Mädchen ist, habe anfangs sogar die Gastmutter überrascht, wie sie verrät: „Als ich die beiden wegen kleiner Sticheleien ermahnen wollte, antwortete Kaitlyn nur: ‚Das ist doch normales Geschwisterverhalten‘.“

Dass ihr Flieger in die Heimat auch noch kurz vor Beginn des Ebbelwoifests abhebt, macht die Trennung nicht leichter. Nächstes Jahr sei sie aber auf jeden Fall dabei; schon um ihre Freunde aus Deutschland wiederzusehen. Auch irgendwann einmal in Deutschland zu studieren, schließt sie nicht aus. In ein paar Tagen wird es also nicht „Lebewohl“ heißen, sondern „Auf Wiedersehen“.

VON PAUL DIELER

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