Anti-Gewalt-Therapie als Auflage

Verfahren um häusliche Gewalt endet mit Einstellung

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Ehestreit vor Gericht verhandelt (Symbolbild).

Einen Tag vor Weihnachten 2018 gerät ein Langener Ehepaar in der heimischen Wohnung in Streit. Es kommt zu Handgreiflichkeiten. 

Langen – Die Justizfachangestellte erstattet Anzeige gegen ihren fünf Jahre älteren Gatten. Dieser musste sich nun vor Amtsrichter Volker Horn verantworten.

Staatsanwältin Karin Pons verliest die Anklageschrift. Darin heißt es, der Ehemann habe seine Frau nach einem Streit in den Rücken getreten, gewürgt und mehrfach gegen die Arme geschlagen. Der Beschuldigte sitzt ohne Anwalt vor dem Richter. Er hält die Vorwürfe für übertrieben. „Ich hab sie nicht getreten, das war nur ein Druck mit den Füßen ins Gesäß. Auch nicht gewürgt und geschlagen. Wir hatten Streit und haben uns beleidigt. Es war mehr ein Drücken und Schieben“, verteidigt er sich.

„Wie muss ich mir das vorstellen?“, fragt Volker Horn nach. „Ich hab’ sie an den Armen und an der Kleidung geschüttelt“, entgegnet der Angeklagte. Reuevoll fügt er hinzu: „Das war alles ohne Absicht. Ich will meine Frau nicht verletzen, ich habe mich auch dafür entschuldigt!“ Doch Richter Horn bohrt weiter. „Welche Beleidigungen?“, will er wissen.

Der Mann zögert, scheint sich zu schämen: „Ich hab’ ihre Mutter als Hure bezeichnet. Sie hat mich blöd und Idiot genannt – und dass ich keine Erziehung von meinen Eltern bekommen hätte.“

„Es hat sich hochgeschaukelt“

Letzteres lässt Richter Horn gleich einmal klarstellen: „Das ist in Deutschland keine Beleidigung, sondern eine Meinungsäußerung“, hält er dem Deutsch-Türken entgegen. „Gab es einen Grund für den Streit?“, will Horn sodann noch wissen. „Sie hatte schon zwei, drei Tage vorher schlechte Laune und Probleme mit dem älteren Sohn“, so der Erklärungsansatz des 45-Jährigen. „Es hat sich hochgeschaukelt.“

Im Anschluss wird die Ehefrau in den Verhandlungssaal gebeten. Dass die 40-Jährige eine andere Version zu Protokoll gibt, stand zu erwarten. Sie schildert, warum die Laune des Gatten nicht die Beste gewesen sei. „Mein Mann ist seit elf Jahren in Deutschland. Er hat ein Diplom in der Türkei gemacht, das wird hier aber nicht ohne Weiteres anerkannt. Er ist sehr unglücklich deswegen, arbeitet im Supermarkt und studiert nebenbei.“ Ihre Version der häuslichen Auseinandersetzung: „Ich habe etwas schroff reagiert, als er ohne anzuklopfen ins Badezimmer kam. Da fühlte er sich beleidigt.“ Ein Tritt in den Steiß, Würgen mit einem Tuch und Schläge auf den Arm seien die Folge gewesen. Am Richtertisch werden Fotos in Augenschein genommen, am Hals ist aber nichts sichtbar.

„Er wohnt jetzt in Offenthal, wir nähern uns gerade wieder an. Wir haben zusammen eine dreimonatige Therapie beim Kinderschutzbund gemacht“, schildert die Zeugin. Die Einrichtung wurde automatisch über das Jugendamt informiert, da das Paar zwei kleine Kinder hat. Auch ihr Mann sei aktiv gewesen, habe eine Anti-Gewalt-Beratung in Dietzenbach gemacht. „Ich möchte nicht, dass das hier für meinen Mann negative Konsequenzen hat. Danach ist auch nichts mehr gewesen“, schließt die Justizfachangestellte. Ohne das Urteil abzuwarten, verlässt sie den Saal.

Bestätigend legt der Angeklagte Nachweise von vier Beratungseinheiten beim Diakonischen Werk von April und Mai vor. Da er nicht vorbestraft ist, hat Staatsanwältin Pons kein Problem damit, das Verfahren einzustellen. Einzige Auflage: Der Offenthaler muss dem Gericht bis zum Jahresende weitere sechs Beratungseinheiten vorweisen. Richter Horn erklärt sein Einverständnis.

Silke Gelhausen

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