Asylverfahren

Verhinderte Abschiebung in letzter Sekunde: Viel Unterstützung für Familie aus Langen

Razzia gegen Menschenschleuser
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Der Familienvater aus Langen arbeitet Vollzeit. Trotzdem soll er abgeschoben werden. (Symbolbild)

Zwei Wochen voller Ungewissheit. Nur eine Eil-Petition der Diakonie konnte die Abschiebung eines Familienvaters aus Langen im letzten Moment verhindern.

Langen – Der pakistanischen Familie aus dem Kreis Offenbach stehen die beiden Wochen voller Angst und Ungewissheit im Gesicht. Die Verhaftung mitten in der Nacht, mit acht Beamten in der Langener Wohnung und fast zwei Wochen Abschiebehaft in Darmstadt haben Spuren bei dem Familienvater hinterlassen. „Es war schrecklich. Am 29. September morgens um halb vier klingelte es an der Tür“, erzählt die Ehefrau. An der Gegensprechanlage meldet sich niemand, die Frau öffnet und sofort stehen Beamte im Flur der Wohnung. „Sie waren laut. Sie sagten, packen sie zwei Hosen, zwei T-Shirts, zwei Socken. Sie haben fünf Minuten, schnell, schnell.

Familie in Langen - Keine Vorwarnung einer drohenden Abschiebung

Ich bat sie sehr höflich, etwas leiser zu sein, sich kurz zu setzen, weil die Kinder so aufgeregt waren und direkt weinten“, berichtet die Mutter. Es gab für die Familie keine Vorwarnung einer drohenden Abschiebung. Keinen Brief, keinen Anruf. Die Gespräche mit der Ausländerbehörde über eine sogenannte Beschäftigungsduldung verliefen nach ihrem Gefühl gut. Und dann wurde der Familienvater aus Pakistan in Handschellen vor den Augen seiner geschockten Ehefrau und den weinenden Kindern abgeführt. Noch am gleichen Morgen beschließt der Richter vom Amtsgericht Langen, dass der Mann bis zu seiner Abschiebung am 8. Oktober in „Ausreisegewahrsam“ genommen wird. Die Petition der Diakonie an den Hessischen Landtag verhinderte jetzt die Umsetzung. „Die Menschen bei der Diakonie sind meine Engel“, sagt der Pakistani.

Das Asylverfahren der in Langen lebenden Familie ist kompliziert. Im Mai 2016 reisen sie zu viert nach Deutschland ein. Wegen religiöser Verfolgung als Ahmadiyya hatte die Familie Pakistan verlassen. „Wir konnten dort nicht mehr leben. Wir dürfen nicht einkaufen, nicht arbeiten. Immer wieder werden in Pakistan Ahmadiyya grundlos getötet“, erklärt der Familienvater. Vier Monate lebt die Familie in einer Gemeinschaftsunterkunft in Hanau, darf dann nach Langen in eine eigene Wohnung ziehen.

Pakistani aus Langen (Kreis Offenbach) droht Abschiebung: Asylantrag 2016 abgelehnt

Doch der Asylantrag scheitert, er wird im Dezember 2016 unbegründet abgelehnt. Ein Antrag auf Zulassung einer Berufung wird im November 2017 ebenfalls abgewiesen. Im April 2018 stellt die Familie einen Asylfolgeantrag, auch der wird abgelehnt. Die Berufung liegt jetzt beim VGH in Kassel. Im März dieses Jahres beantragt der Anwalt der Familie die Beschäftigungsduldung für den Mann, über die die Ausländerbehörde bislang noch nicht entschieden hat.

Seit Dezember 2018 ist der Asylsuchende voll erwerbstätig. Ab März 2019 sichert er seinen Lebensunterhalt selbst. „Ich bezahle Steuern und Versicherungen. Ich will meinen Beitrag in diesem Land leisten“, sagt der Pakistani aus Langen im Kreis Offenbach. Seine Frau spricht inzwischen sehr gut Deutsch, dabei hat sie nicht einmal ein Anrecht auf einen offiziellen Kurs. Zwei Mal in der Woche übt sie mit Ehrenamtlichen bei „Mama lernt Deutsch“.

Alle, die näher mit der Familie zu tun haben, sind geschockt über den nächtlichen Abtransport des als so fleißig und freundlich geltenden Mannes. Viele Menschen unterstützen die Petition der Diakonie. Sein Langener Arbeitgeber, ein großes Abfallmanagement-Unternehmen, schreibt ihm ein herausragendes Arbeitszeugnis, was für ein motivierender Mitarbeiter der Mann für seine Kollegen ist. Längst hat er einen unbefristeten Arbeitsvertrag. Die Lehrerin schreibt in der Petition, dass die Tochter eine gute Schülerin ist, wie sehr sie sich in die Klasse einbringt und wie kooperativ und bemüht die Eltern sind. Und sie schreibt auch, wie verstört das Kind seit der Verhaftung des Vaters ist.

Drohende Abschiebung in Langen: Vater aus Pakistan seit 19 Monaten berufstätig

Es bleibt die Frage nach der rechtlichen Seite: Die Sozialarbeiter erklären, dass dem Familienvater aus Langen ein Bleiberecht zustünde, da er im Grunde die Voraussetzungen für die Beschäftigungsduldung erfülle. Von den 19 Monaten, die er berufstätig ist, arbeitete er zwar anfangs zwei Monate lang nur 30 Stunden pro Woche statt der für die Beschäftigungsduldung erforderlichen 35 Wochenstunden. Doch dass die Behörden den Mann deshalb gleich aufs Abschiebegleis stellen, können sie nicht verstehen. „Es scheint, als wollte man den Familienvater auf Biegen und Brechen abschieben, koste es was es wolle – und sei es die Familieneinheit“, sagt einer der Sozialarbeiter. An der Rechtmäßigkeit der freiheitsentziehenden Maßnahme haben sie zudem starke Zweifel.

Die Petition müsse jetzt klären, ob die Behörde mit der Abschiebung einen Fehler gemacht habe. Die Sozialarbeiter sind, wie die anderen Unterstützer der Petition, entsetzt über das Vorgehen der Behörden: „Nachts die Familie auseinanderzureißen, das muss ein traumatisches Erlebnis für alle sein.“

Die Mitarbeiter der Diakonie hoffen, dass es nach der ganzen Aufregung und den von Unsicherheit geprägten Nächten eine langfristige Lösung für die Familie geben wird – damit sie in Langen endlich in Sicherheit leben kann. (Von Nicole Jost)

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