Keine Entlastung auf Dauer

Interview: Dr. Leinweber analysiert Effekt der zusätzlichen Kinderarztstellen

Kurzfristige Entlastung: Kinderarzt Dr. Rüdiger Leinweber kann augenblicklich wieder Patienten aufnehmen, nachdem die Kassenärztliche Vereinigung Langen 1,5 weitere Arztstellen zugebilligt hat.
+
Kurzfristige Entlastung: Kinderarzt Dr. Rüdiger Leinweber kann augenblicklich wieder Patienten aufnehmen, nachdem die Kassenärztliche Vereinigung Langen 1,5 weitere Arztstellen zugebilligt hat.

Eine wachsende Stadt, in der die beiden Kinderarztpraxen keine neuen Patienten aufnehmen können – diese Situation hat kürzlich zum Glück ein (vorläufiges?) Ende gefunden: Die Kassenärztliche Vereinigung bewilligte für Langen 1,5 zusätzliche Kinderarztstellen. Dr.

Langen – Rüdiger Leinweber (53), stellvertretender Obmann für die Region Frankfurt-Südost des Berufsverbandes der Kinder- und Jugendärzte (bvkj) und einer der beiden Praxisinhaber in Langen, erläutert, was das für die Stadt bedeutet.

Herr Dr. Leinweber, nachdem die beiden Langener Kinderarztpraxen in der Vergangenheit an der Kapazitätsgrenze und darüber hinaus arbeiteten und keine weiteren Patienten aufnehmen konnten, hat die Kassenärztliche Vereinigung (KV) kürzlich 1,5 weitere Stellen für die Stadt bewilligt. Wie kam es dazu?

Die Bewilligung erfolgte aufgrund einer Neuberechnung des Bedarfsplans durch die KV, wie viele Ärzte pro Einwohner benötigt werden – und zwar bundesweit, denn das ist ja kein rein lokales Problem. Die letzte Berechnung stammte noch aus den 1990er Jahren. Demnach wurden dem gesamten Kreis Offenbach 1,5 zusätzliche Kinderarztstellen zugebilligt, die die Kassenärztliche Vereinigung vorzugsweise an Praxen mit Jobsharing vergeben hat, wodurch sie komplett nach Langen gingen: eine ganze Stelle für die Praxis von Markus Köhler, der zwei weitere Kinderärztinnen beschäftigt, und eine halbe für meine, in der ich meine Kollegin Dr. Kathrin Hanke angestellt habe.

Was bedeutet Jobsharing bei einer Kinderarztpraxis?

Jobsharing, das war früher der Entlastungsarzt, den man anstellen durfte, wenn die Arbeitsbelastung zu hoch war, aber nicht, um die Patientenzahlen auszuweiten.

Und das war ausreichend, um den Bedarf zu decken?

Ich habe die Praxis 2002 übernommen, das ging zehn bis 15 Jahre gut, dann kamen die Flüchtlingswelle und vor allem das starke Wachstum der Stadt.

Und auf diese Veränderungen hat die KV nicht reagiert?

Die Berechnung beruht immer auf Statistiken der Vergangenheit und berücksichtigt nicht die absehbaren Entwicklungen in der Zukunft. Das ist gesetzlich so geregelt, daran kann die KV nichts ändern.

Zudem haben wir ein Problem im Vergleich mit den Hausärzten, bei denen der Bedarf kleinräumig, also beispielsweise für die Stadt Langen, berechnet wird. Bei uns aber wird das wie bei den Fachärzten auf Kreisebene betrachtet. Das bedeutet, wenn ein Kollege zum Beispiel in Seligenstadt noch Kapazitäten hat, wird es den Eltern zugemutet, dorthin zu fahren.

Rein rechnerisch ist der Kreis Offenbach sogar überversorgt, dabei ist es irrelevant, wie es vor Ort aussieht und dass die Kreiskommunen unterschiedlich stark wachsen.

Aber ein Blick auf die Realität zeigt doch, dass von Überversorgung keine Rede sein kann ...

Die Berechnungen haben früher vielleicht gestimmt, als ein Arzt 50, 60 Stunden in der Woche gearbeitet hat, aber nicht, wenn insbesondere Ärztinnen mit Kindern nur noch halbtags arbeiten möchten. Zudem zählen Kinder- und Jugendärzte mit Spezialisierungen, die gar nicht als Hausärzte tätig sind, in die Berechnung hinein.

Könnten nicht mehr sogenannte Medizinische Versorgungszentren (MVZ) mit mehreren angestellten Ärzten eine Lösung sein?

Die Medizinischen Versorgungszentren wurden lange von der Politik gepusht, aber es ist mittlerweile erwiesen, dass sie häufig ineffizient sind. Das ist jetzt nicht abwertend gemeint: Aber ich mache Feierabend, wenn die Arbeit erledigt ist, ein angestellter Arzt, wenn seine reguläre Arbeitszeit beendet ist. Die im Kreis Offenbach angesiedelten MVZ versorgen nicht die Zahl der Patienten für die von ihnen belegten Arztsitze. Und: Viele Patienten wollen gar nicht in ein MVZ, weil sie dort keinen ihnen zugeordneten Arzt haben, sondern immer den, der gerade Schicht hat.

Also doch mehr Praxen mit niedergelassenen Ärzten?

Selbst wenn es freie Arztpraxen gebe, ist noch nicht gesagt, dass man auch Ärzte findet, die sich niederlassen wollen. Viele möchten lieber angestellt sein. Stichworte sind da Work-Life-Balance und der höhere Frauenanteil, wenn Kolleginnen mit Kindern nur Teilzeitstellen möchten. Dazu kommt die Überalterung: 25 Prozent der Kinderärzte gehen in den nächsten paar Jahren in den Ruhestand. Aber die Zahl der Medizinstudenten in Deutschland heute ist nur so hoch, wie sie vor dem Mauerfall im Westen war.

Schauen Sie nach Neu-Isenburg, das ist ein Paradebeispiel: eine Kinderarzt-Dreierpraxis, wobei zwei Ärzte schon im Rentenalter und der dritte an der Schwelle dazu sind. Sie suchen seit eineinhalb Jahren Nachfolger und haben nun angekündigt, zu schließen, wenn sie bis Ende 2020 niemand finden. Die KV ist da dran, aber das ist schwer.

Oder schauen Sie nach Rodgau, wo eine Praxis bereits geschlossen wurde. Das Problem in Langen ist ein Luxusproblem, in Rodgau brennt es.

Die aktuelle Entwicklung macht den Kinderärzten das Leben nicht leichter: „Die Leute schauen wegen jeder Kleinigkeit hier rein und machen sich gar nicht klar, dass sie unter Umständen kränker rausgehen, wenn 20 Leute an der Theke stehen“, sagt Dr. Leinweber.

Noch mal der Blick zurück: Wie funktionierte die Versorgung der Patienten in den vergangenen Jahren?

Markus Köhler und ich hatten in den vergangenen Jahren immer das Damoklesschwert Rückzahlungen, das über uns schwebte. Jeder Arzt muss sich orientieren an den Durchschnittsfallzahlen seiner Berufsgruppe, bei uns sind das 1100 Patienten pro Quartal. Ein bisschen drüber ist kein Problem, wer aber deutlich mehr Behandlungen vornimmt, muss Abschläge in Kauf nehmen, beim Jobsharing sogar Geld zurückzahlen. Bei Jobsharing wird dann eine fixe Zahl festgelegt, bei mir waren das 1450 Behandlungen im Quartal. In Zeiten eine Grippewelle hatte ich schon mal 1800, aber das hat sich im Sommer immer ausgeglichen. Deshalb bin ich um Rückzahlungen bislang herumgekommen, von Herrn Köhler weiß ich, dass er wegen zu viel behandelter Patienten zurückzahlen musste.

Aber nun dürfen Sie ja 50 Prozent mehr Patienten behandeln ...

Nein. Durch die halbe Stelle mehr wurde die Zahl der Patienten wieder auf Basis des Durchschnitts berechnet. Mit eineinhalb Arztstellen darf meine Praxis also nun 1650 behandeln – dass sind nur 200 mehr als bislang. Und Anfang März, also nach zwei Drittel des Quartals, lagen wir bereits bei 1500. Die halbe Stelle spiegelt nur das wider, was ich schon bislang gearbeitet habe. Der einzige Vorteil ist: Das Jobsharing ist aufgelöst, also darf ich wieder ein bisschen über den Durchschnitt gehen.

Eigentlich hatte ich eine ganze Stelle zusätzlich beantragt, dann wären es 2200 Patienten gewesen, dann hätten hier noch ein paar Häuser gebaut werden können.

Was ja auch im großen Stil geschieht. Können Sie denn das Wachstum der Stadt bewältigen?

Lange wird es nicht dauern und dann werden wir die Kapazität wieder begrenzen müssen.

Und das scheint wohl auch politisch so gewollt zu sein. Liegt das vielleicht an den Kosten?

Es traut sich ja keiner, das offen zu sagen, dass mehr Versorgung mehr Geld kostet. Und das bezahlen nicht die Krankenkassen. Hessen hat derzeit gut 400 Kinderarztsitze, jetzt sind 40 dazugekommen. Das bezahlen wir Mediziner durch Mindereinnahmen von zehn Prozent.

Haben Sie denn bereits begonnen, neue Patienten aufzunehmen?

Ich hatte einer Mutter gesagt, dass wir wieder Patienten aufnehmen, zudem war es wohl bei Facebook zu lesen. Und schon am nächsten Tag waren die ersten Familien da. Ich werde also sehr schnell wieder voll sein. Deshalb nehme ich nur die auf, die bislang komplett unversorgt sind. Also auch diejenigen, die ganz neu nach Langen ziehen.

Kann denn die Stadt, also Verwaltung oder Kommunalpolitik, etwas zur Verbesserung der Situation tun?

Bei der gesundheitspolitischen Situation hat die Stadt nur wenig Einflussmöglichkeiten. Aber Langen könnte beispielsweise die Kindergartenuntersuchung vor dem Eintritt in die Kita abschaffen. Die ist völlig überflüssig. Das Land fordert nur eine Impfbescheinigung, das ist ein Zettel, den füllt die Arzthelferin aus. Der evangelischen Kita in Oberlinden beispielsweise reicht das aus. Aber die Stadt verlangt für ihre Einrichtungen eine Gesundheitsbescheinigung, da muss ich das Kind untersuchen. Das kostet die Eltern auch noch Geld, weil das die Kassen nicht bezahlen. Und wenn es schlecht läuft, kommt das Kind gesund in die Kita, steckt sich dort an und ist nach zwei Wochen krank.

Genauso könnte die Stadt dafür sorgen, dass ihre Kindergärtnerinnen besser geschult werden, welche Kinder wann nach Hause geschickt werden müssen. Es kommt beispielsweise häufig vor, dass Kinder mit einer Laktose- oder Fruktose-Intoleranz bei einer Geburtstagsfeier halt doch Milch oder Apfelsaft trinken. Eine halbe Stunde später haben sie Durchfall und werden heimgeschickt, obwohl sie gar nicht wirklich krank sind. Allein diese beiden Maßnahmen würden mir etliche Patienten in der Woche ersparen – Zeit, die ich dann für wirklich Erkrankte aufwenden könnte.

Das Interview führte Markus Schaible

DAS KÖNNTE SIE AUCH INTERESSIEREN

Kommentare