Mit Teilhabe fängt alles an

Kinderrechte: Janusz-Korcak-Schule ist einzige Förderschule im landesweiten Modell-Netzwerk

Eingehend mit Kinderrechten beschäftigt haben sich die Janusz-Korcak-Schüler. Nicole und Joshua von der Schülervertretung präsentieren die Plakate. Das Gremium hatte großen Anteil am Weg zur Kinderrechte-Schule.
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Eingehend mit Kinderrechten beschäftigt haben sich die Janusz-Korcak-Schüler. Nicole und Joshua von der Schülervertretung präsentieren die Plakate. Das Gremium hatte großen Anteil am Weg zur Kinderrechte-Schule.

Die Rechte auf Familie, auf Gesundheit und darauf, zu lernen und sich frei zu entfalten, sind für Nicole die wichtigsten.

Langen – Die Schülerin der Janusz-Korcak-Schule hat sich als Mitglied der Schülervertretung (SV) zusammen mit ihren Mitschülern eingehend mit den Kinderrechten beschäftigt. Die Arbeit wurde jetzt belohnt: Die Langener Schule mit Förderschwerpunkt geistige Entwicklung ist nun Mitglied im Modellschul-Netzwerk für Kinderrechte und Demokratie – und das als einzige Förderschule landesweit.

Der Weg zur offiziell ernannten Kinderrechte-Schule – eine Plakette am Schuleingang belegt dies – ist eng mit der Geschichte der SV an der Korcak-Schule verknüpft – und mit dem Engagement von Lehrerin Anke Kießhauer, die die SV betreut. 2003 haben die Kinder ihre erste Schülervertretung gewählt, später wird das Fach Soziales Lernen eingeführt. Die Klassensprecher treffen sich jede Woche zur SV-Konferenz. Dann geht es an die inhaltliche Arbeit. „Dazu hatten wir auch externe Fachleute zu Gast, die mit den Schülern das Thema Kinderrechte besprechen“, sagt Kießhauer. Unter anderem war die Demokratietrainerin Christa Kaletsch an der Janusz-Korcak-Schule. „Denn nur, wer seine Kinderrechte kennt, kann sie erleben und nach ihnen handeln“, betont Kießhauer.

2018 hat die Langener Förderschule den Prozess zur Aufnahme in das Modell-Netzwerk des Vereins Makista, der sich für die Verwirklichung der UN-Kinderrechte in Schulen einsetzt (siehe Infokasten), gestartet. Im Gegensatz zu den knapp 30 Regelschulen im Netzwerk muss die Korcak-Schule geistig behinderten und motorisch eingeschränkten Kindern ihre Rechte vermitteln. „Damit nehmen wir schon eine Vorreiterrolle ein – und das fühlt sich gut an“, sagt Schulleiterin Iris Radloff.

Inhaltlich setzen die Kinder der Korcak-Schule zum Teil andere Schwerpunkte als ihre Altersgenossen. Das hat sich auch in der Projektwoche gezeigt, die die Schule in der Vorbereitung des Prozesses angeboten hat. „Die Kinder durften sich selbst dem jeweiligen Recht zuordnen, dass sie am meisten interessiert, und haben sich dann dazu ausgetauscht“, erklärt Kießhauer. Auf den bunten Plakaten haben die Schüler passende Bilder aufgeklebt: Obst und Gemüse beim Recht auf Gesundheit, einen Fußball und eine Trompete beim Recht auf Freizeit. Die Werke waren schon beim großen Kinderrechte-Fest im Jugendzentrum im vergangenen Sommer zu sehen.

Eines der zehn Kinderrechte ist das Recht, sich informieren und seine Meinung sagen zu können. Letzteres kann Joshua nicht auf üblichem Wege, aber durch seinen elektronischen „Talker“. Er tippt und wischt ein paar Mal auf dem tabletgroßen Gerät mit vielen Tasten und Piktogrammen hin und her, dann ertönt „Hallo ich bin Joshua, der Schulsprecher.“ Das Recht auf Kommunikation sei zentral – gerade für die sprachbehinderten Schüler, sagt Rektorin Radloff: „Wir arbeiten deshalb daran, dass jedes Kind, das es benötigt, ein kleines Sprachausgabegerät bekommt.“ Die Schule muss dafür Anträge auf Förderung stellen.

Selbstredend spiele auch das Recht auf Teilhabe eine besondere Rolle an der Schule. Dabei verdeutlichen die Schüler, dass in Langen noch viel zu tun ist, damit kein Kind benachteiligt ist. Ein Mitschüler konnte nicht mehr die Schule in der Zimmerstraße besuchen, weil ihm die Teilhabeassistenz, die ihn in der Schule begleitet, versagt wird. Das verstößt gegen das Recht auf Bildung und den besonderen Schutz, den behinderte Kinder laut der UN-Kinderrechtskonvention genießen. Ein Junge im Rollstuhl ist derweil vom Schwimmunterricht ausgeschlossen: Er kann nicht teilnehmen, denn die Umkleide im Hallenbad ist nicht barrierefrei zugänglich. Dieses Problem wurde noch nicht gelöst, „aber wir haben immerhin eine eigene Schwimmbahn gekriegt“, sagt Kießhauer. Eine Korczak-Schülerin nahm auch am Spielplatztest des Jugendforums teil und steuerte die Perspektive eines behinderten Kindes bei. Solche Aktionen seien wichtig, um das Recht auf Teilhabe am öffentlichen Leben konkret vor Ort durchzusetzen.

Jetzt, wo die Schule Mitglied im Netzwerk sei, müsse das Thema weiter gepflegt werden, betont Kießhauer. Dazu gibt es Netzwerktreffen, bei denen sich die Lehrer der Modellschulen austauschen – das nächste ist im Juni in Langen. „Vor allem ist aber wichtig, dass sich auch die Schüler einbringen“, sagt Radloff. Deshalb gebührt der SV auch bei der Gesamtkonferenz immer das erste Wort. Denn die Schüler wissen am besten, wo es bei der Umsetzung ihrer Rechte noch hapert – auch wenn sie beim Formulieren Hilfe brauchen.

VON JULIA RADGEN

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