Proppenvoll

6 Kandidaten: Podiumsdiskussion zur Bürgermeisterwahl in Langen

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Starker Blick vom Podium: Rund 900 Zuschauer drängten sich im Saal der Stadthalle, um der Diskussion unserer Zeitung zu lauschen.

Bei der Podiumsdiskussion zur Bürgermeisterwahl konnten sich die Langener ein Bild von den sechs Kandidaten machen - bevor sie am Sonntag an die Urne treten. In der ausgeglichenen und sachlichen Diskussion kamen die wichtigsten Themen auf den Tisch.

Langen – Proppenvoll ist es am Mittwochabend in der Stadthalle: Gut 900 Zuschauer verfolgen – teils auf dem Boden sitzend oder am Rand stehend – unsere Podiumsdiskussion. Angela Kasikci (SPD), Stefan Löbig (Grüne), Claudia Trippel (FWG-NEV) sowie die drei Einzelbewerber Stefanie Tsomakaeva, Joost Reinke und Dr. Jan Werner stehen in der fast dreistündigen Diskussion, moderiert von den Redakteuren Markus Schaible und Holger Borchard, Rede und Antwort.

Zunächst dürfen die sechs Kandidaten – so geschlechtermäßig ausgeglichen war das Podium übrigens noch nie – sich dem Publikum vorstellen und erklären, warum sie sich um das Amt bewerben. „Ich trete zum dritten Mal an, das zeigt, dass ich es wirklich will“, meint Werner. Reinke betont, er sei parteilos aus gutem Grund. Kasikci wirft ihre Erfahrung als Mediatorin in die Waagschale: „Ich habe gelernt, zu vermitteln“. Als Erster Stadtrat bekundet Löbig, er wolle die eingeschlagene Route weiterverfolgen und festigen. Und NEV-Kandidatin Trippel betont: „Wir haben oft andere Positionen als unsere Mit-Stadtverordneten.“ Es sei Zeit, Verantwortung zu übernehmen. Tsomakeava, die ihr Markenzeichen – eine pinke Warnweste mit dem Slogan „Politiker müssen haften“ – trägt, sagt: „Bürgerteilhabe ist das Thema meines Lebens!“

Sie präsentieren ihre Ideen für Lange: Dr. Jan Werner, Joost Reinke und Angela Kasikci (SPD). 

Viele Themen, die die Kandidaten dann in ihrem Wahlprogramm-Schnelldurchlauf nennen, greifen die Zuschauer auf. Die Spielregel lautet: Keine Fragen an Einzelne, jeder beantwortet alles. Ein Mann möchte wissen, ob die Kandidaten die Grundsteuer weiter erhöhen würden. Dass sie das nicht wollen, darin sind sich alle einig – aber nicht darin, ob und wie es vermieden werden kann. Kasikci betont: „Ich werde mein Bestes dafür geben, dass wir die Grundsteuer nicht erhöhen müssen“ – und erntet Applaus. Trippel meint: „Dass es keine Erhöhung geben wird, kann niemand seriös versprechen.“ Das Geld müsse irgendwoher kommen. Ihr Credo: Den Haushalt überprüfen und dort sparen, wo es geht. „Wollen Sie jemanden, der Ihnen einen Eisbären für den noch zu bauenden Zoo verspricht – oder jemand, der Ihnen die Finanzen sortiert?“, fragt die NEV-Stadtverordnete provokativ und bekommt zur Antwort einige Buh-Rufe.

Auch für Werner und Tsomakaeva leitet die Grundsteuer zu ihren Steckenpferden über, die sie immer wieder aufs Tableau bringen. „Wir müssen mehr Gewerbesteuer einnehmen“, fordert der Wirtschafts-Professor. Firmen mit tollem Renommee zahlten keinen Cent in Langen, bemängelt Werner unter Applaus. Für Tsomakaeva ist die Frage nach einer weiteren Grundsteuererhöhung – wie so viele – am besten mit Bürgerbeteiligung zu lösen. „Wir sollten das gemeinsam entscheiden und die Meinungen der Bürger dazu einholen“, fordert die Unternehmerin. Das hätten mehr zu entscheiden als „ein paar Leute in der Stadtverwaltung“, sagt sie – und es geht ein Raunen durch den Saal.

Reinke spricht sich für mehr Unterstützung aus Wiesbaden aus, um eine Steuererhöhung zu umgehen. „Wir müssen das Land stärker an den Kitakosten beteiligen“, sagt der Stadtverordnete, der für eine kostenfreie Kita plädiert. Wie sie die Kinderbetreuung finanzieren möchten, will auch ein zweifacher Großvater von den Kandidaten wissen: „Sind Sie für eine einheitliche oder eine einkommensgestaffelte Gebühr für die Eltern?“ Hier liege Kasikci „ausnahmsweise“ mit Reinke auf einer Linie. „Wer bestellt, bezahlt – wir müssen mehr Druck auf das Land ausüben“, meint die Sozialdemokratin.

Beantworten Fragen der Zuschauer: Stefan Löbig (Grüne), Claudia Trippel (FWG-NEV) und Stephanie Tsomakaeva.

Gegen eine Rückkehr zur einkommensgestaffelten Gebühr sprechen sich alle Kandidaten außer Löbig aus. „Breite Schultern können mehr tragen und Geringverdiener entlasten“, glaubt er. Allerdings müsse ein neues Modell deutlich weniger bürokratisch sein.

Die Auskiesung und Rodung des Bannwalds am Waldsee treibt viele um. Die aktuellen Genehmigungen bis 2038 sind erteilt, aber eine junge Frau will wissen, ob die Kandidaten als Bürgermeister weiteren Kiesabbau erlauben würden. Eine direkte Absage gibt es von Löbig: „Ich würde keine neuen Verträge unterschreiben“. Auch die anderen sind gegen die Rodung – trotz angespannter Finanzlage. Überraschend blasen Trippel und Werner hier ins gleiche Horn wie Tsomakaeva und bringen einen Bürgerentscheid ins Spiel. Reinke meint sogar, mit ausreichendem Druck der Bürger solle man versuchen, die bestehenden Verträge zu kippen. Beidem widerspricht Kasikci: „Für einen Bürgerentscheid ist das Thema zu komplex. Ich würde alle Beteiligten an einen Tisch holen“´.

Am Ende darf jeder auf den Punkt bringen, warum man ihn oder sie wählen sollte: Während Werner noch mal die Gewerbesteuer bringt und sich Reinke als „Repräsentanten für die Menschen“ bezeichnet, will Kasikci mit Kompetenz und Authentizität punkten. „Mit meiner Erfahrung und meinen Kontakten kann ich das Beste für Langen rausholen“, so Löbig. Tsomakaeva appelliert, mit ihr wähle man „eigene Mitbestimmung“, während Trippel trocken betont: „Sie müssen einfach entscheiden, ob es so weitergehen soll wie bisher oder nicht.“ Personell ist Veränderung schon mal gesetzt. Über den Kurs entscheiden die Langener am Sonntag.

VON JULIA RADGEN

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