Mini-Talk-Runde in der Stadthalle

Mehr Kinder, aber nicht mehr Ärzte

Langen - Wenn eine Stadt wächst, wird das gemeinhin als Gewinn empfunden – vorausgesetzt, dass die Infrastruktur mitwächst und der steigenden Einwohnerzahl gerecht wird.  Von Sina Beck

Zum Auftakt seines neuen Talk-Projekts „Im Gespräch mit“ hat Joost Reinke (Die Linke) dem Kinderarzt Dr. Rüdiger Leinweber die Frage gestellt: „Braucht Langen/Egelsbach einen weiteren Kinderarzt?“ Ja. Würde man sich mit dieser schnellen und einfachen Antwort zufrieden geben, könnte die Mini-Talk-Runde in der Stadthalle bereits nach wenigen Minuten wieder aufgelöst werden. Zugegeben, die Fragestellung scheint alles andere als kontrovers und mag daher mitverantwortlich für die schwache Zuhörerzahl sein: Lediglich fünf Langener sind beim Auftakt von Joost Reinkes neuer Talkrunde erschienen. Dabei ist das Thema aktuell, gerade für Familien interessant und die Ausführungen und Einblicke Dr. Rüdiger Leinwebers entpuppen sich als äußert spannend.

Reinke lässt sich von der schwachen Resonanz nicht beirren und läutet das Gespräch mit einer Konfrontation ein. Bewertungen im Internet werfen dem Kinderarzt – neben viel Lob – auch vor, Patienten abgewiesen oder sich nicht ausreichend Zeit für eine gründliche Untersuchung genommen zu haben. Auf Ausflüchte verzichtet Dr. Leinweber, sondern nickt bestätigend. Dass er manchmal Patienten abweisen muss, komme inzwischen tatsächlich vor, jedoch erst seit wenigen Jahren. Da komme das Wachstum der Stadt ebenso ins Spiel wie die Flüchtlingswelle, die einen Zuwachs von circa 500 Kindern bedeutet habe.

Auch den Vorwurf des Zeitmangels kann der 51-Jährige anschaulich erklären: „Für die U6-Vorsorge haben wir eine Vorgabe von 20 Minuten. So lange dauert aber alleine die Beratung.“

94 Patienten habe er alleine an diesem Tag in seiner Praxis begrüßt, berichtet er weiter und löst damit bei der familiären Publikumsrunde ungläubige Ausrufe des Erstaunens hervor. Noch schlimmer: Obgleich der Wille da wäre, für zwei zu arbeiten – wie es bei seinem Kollegen Dr. Markus Köhler bereits der Fall sei – haben die Ärzte ein zwar individuelles, aber dennoch festgelegtes Patientenlimit. Wer mehr Patienten behandelt, wird dafür von der kassenärztlichen Vereinigung abgestraft und muss zahlen.

Das machen Kinderzahnärzte anders

Trotzdem sei es derzeit nahezu unmöglich, dass sich in Langen eine weitere Kinderarztpraxis niederlassen darf. Denn der Bedarf an Kinderärzten wird jeweils für den ganzen Landkreis berechnet, basiere allerdings auf alten Zahlen, erläutert der Mediziner. Der massive Anstieg aufgrund der Flüchtlingswelle sei darin noch gar nicht statistisch erfasst: „Und demnach liegt hier im Landkreis mit 135 Prozent zurzeit sogar eine Überversorgung vor“, schildert Dr. Leinweber, der auch stellvertretender Obmann des Berufsverbandes der Kinder- und Jugendärzte für den Landkreis Offenbach ist.

Für den in Frankfurt lebenden Mediziner steht fest, dass die Berechnungsgrundlage – der Bedarfsschlüssel sei noch aus den 1990er Jahren – generell einfach „falsch und veraltet“ ist. Denn heute gelten längst ganz andere Standards, die unter anderem zeitaufwendige Vorsorgeuntersuchungen beinhalten. Zudem werden Ärzte auch gerade für Bagatellfälle immer häufiger in Anspruch genommen, was noch mehr von der ohnehin knapp bemessenen Zeit raubt. „Das ist aber nicht nur ein Problem in Langen, sondern ein bundesweites Phänomen.“

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Die Frage ist also viel weniger, ob Langen und Egelsbach einen weiteren Kinderarzt brauchen, sondern: Wird dieser Bedarf erkannt? Und wenn ja: Wer soll das bezahlen? Zwar stehe 2018 wieder eine neue Bedarfsberechnung an, doch ob und wie schnell sich danach etwas bewege, sei fraglich. So müssen die Ärzte bis auf Weiteres im Widerspruch leben und arbeiten: zwischen der Deckelung des Systems und ihrer Verpflichtung den Patienten gegenüber.

Rubriklistenbild: © picture alliance / dpa

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