„Entsetzt über so viel Dilettantismus“

Chaos im Neubaugebiet: Müllabfuhr passt nicht durch die Straßen

Chaos im Neubaugebiet in Langen: Da fünf Straßen zu eng fürs Müllfahrzeug geplant wurden, schieben KBL-Mitarbeiter die Tonnen zu einer Sammelstelle – so auch gestern Morgen an der Ecke Konrad-Frey-Ring/Olympischer Weg.
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Chaos im Neubaugebiet in Langen: Da fünf Straßen zu eng fürs Müllfahrzeug geplant wurden, schieben KBL-Mitarbeiter die Tonnen zu einer Sammelstelle – so auch gestern Morgen an der Ecke Konrad-Frey-Ring/Olympischer Weg.

Das Neubaugebiet Belzborn in Langen hat ein Problem: Die Straßen sind so eng, dass die Müllabfuhr nicht durchkommt. Eine Lösung dafür gibt es vorerst nicht.

Langen – Sechsmal im Monat kommt im Neubaugebiet Belzborn in Langen die Müllabfuhr – aber nicht vor jede Haustür. Der Grund: Die fünf ringförmig angelegten Straßen (Carl-Schuhmann-, Rosa-Reichert-, Helga-Haase-, Konrad-Frey- und Hermann-Weingärtner-Ring) wurden zu eng geplant, sodass die Fahrzeuge der Kommunalen Betriebe Langen (KBL) und des Abfallservice Langen Egelsbach (ALEG) es dort nicht um die Kurve schaffen.

Ganze 60 Haushalte sind von der Problematik betroffen. Deswegen läuft es seit dem 16. Januar dieses Jahres so: Immer dann, wenn in den fünf Straßen der Abfall abgeholt wird, rückt morgens ein KBL-Trupp an und schiebt die Mülltonnen zu einem Sammelpunkt am Olympischen Weg. Nachdem die Müllabfuhr da war, kommt der KBL-Trupp ein zweites Mal vorbei und rollt die Tonnen wieder zurück vor die Häuser.

Zu enge Straßen in Langen – Mültonnen nicht vor der Tür abstellen

Die zu engen Kurven seien bei der Aufstellung des Bebauungsplans nicht hinreichend berücksichtigt worden, heißt es nun in einem Antrag des Magistrats zum Thema. Manche Anwohner müssten ihre Mülltonnen bis zu 140 Meter weit bewegen, sollten sie diese selbst zur Sammelstelle bringen. „Dies soll ihnen nicht zugemutet werden“, heißt es in dem Antrag, der kürzlich im Haupt- und Finanzausschuss diskutiert wurde.

Der Magistrat fordert darin, die KBL rückwirkend zum 1. Juli 2020 dauerhaft damit zu beauftragen, den Transport der Mülltonnen zu übernehmen – und dass die Stadt die Kosten dafür übernimmt. Der Haupt- und Finanzausschuss hat dem einstimmig (bei zwei Enthaltungen der FWG-NEV) zugestimmt. Allerdings unter der Prämisse, dass maximal 1000 Euro pro Monat an die KBL fließen. Die endgültige Entscheidung trifft am Donnerstag, 10. September, die Stadtverordnetenversammlung.

Der fraktionslose Stadtverordnete Joost Reinke kritisiert den Vorgang scharf. Er spricht von einem „verantwortungslosen Umgang mit Steuergeldern“ und einer „schlimmen Panne“. „Ich bin entsetzt über so viel Dilettantismus“, schimpft er.

Sonderbehandlung für den Belzborn in Langen – Mültonnen werden geleert

Auch stört sich der Stadtverordnete daran, dass das Thema erst jetzt zur Sprache kommt, die KBL den Transport aber schon seit Jahresbeginn „geräusch- und kostenlos“ übernommen haben. Da habe man wohl den zuständigen Dezernenten, den Ersten Stadtrat Stefan Löbig (Grüne), im Bürgermeisterwahlkampf „vor unangenehmen Fragen schützen“ wollen. Auch finde er es „unfair“, dass Anwohner in der Altstadt, in der ebenfalls viele Straßen zu eng für die Müllfahrzeuge sind, ihre Tonnen selbst transportieren müssen. „Warum wird der Belzborn sonderbehandelt?“, fragt Reinke.

Laut Stadt-Pressesprecher Markus Schaible gibt es zwei Gründe für die Fehlplanung. Zum einen sei ein „extrem langer Zeitraum“ vom Aufstellen der ersten Pläne Anfang der 2000er über die Neuparzellierung der Flächen bis hin zur Realisierung des Neubaugebiets vergangen. Von den anfangs involvierten Personen sei heute niemand mehr im Rathaus beschäftigt. Zum anderen sei vor einigen Jahren eine rechtliche Vorgabe der Berufsgenossenschaft hinzugekommen: Diese besagt, dass Müllfahrzeuge aus Gründen der Unfallgefahr nicht mehr rückwärts fahren dürfen. „Da war die Umlegung der Flächen aber schon geschehen.“ Laut Schaible wäre es ohne die Verordnung möglich gewesen, die einzelnen Häuser anzusteuern: vorwärts rein, Mülltonne leeren, rückwärts wieder raus. Das sei heute nicht mehr erlaubt.

Die Stadt habe in den vergangenen Jahren versucht, einige Quadratmeter Fläche hinzuzukaufen, um den Kurvenradius zu vergrößern. An manchen Stellen sei das gelungen, an anderen habe man sich nicht mit den Grundstücksbesitzern einigen können. Der Vergleich mit der Altstadt hinke jedoch, so Schaible. Die Anwohner am Belzborn seien „im Glauben dorthin gezogen, dass die Müllabfuhr dort hinkommt“. Wenn jemand heute in die Altstadt ziehe, in der die Straßen seit vielen Jahren unverändert eng sind, wisse er das.

Müllfahrzeuge bei Planung der Straßen nicht berücksichtigt – Fehler der Stadt Langen

KBL-Betriebsleiter Manfred Pusdrowski berichtet, die Kommunalen Betriebe hätten schon 2007 „den Finger gehoben“ und darauf hingewiesen, die Müllfahrzeuge bei der Planung zu berücksichtigen. „Die Kommunikation ist unglücklich gelaufen“, so Pusdrowski. Die jetzige Lösung sei aber eine vernünftige und werde auch keine Dauerlösung sein: In ein bis zwei Jahren planen die KBL, ein kleineres Fahrzeug anzuschaffen, das dann auch durch die fünf Belzborn-Ringe passe.

Mit Wahlkampf habe der Vorgang aber nichts zu tun, betont Pusdrowski. Man habe im Januar einfach losgelegt, da der Müll eben abgeholt werden musste. „Jetzt haben wir uns darauf verständigt, dass diese Interimslösung erst einmal bleibt.“ Durch den Beschluss der Stadtverordneten könne nun „Kostentransparenz“ geschaffen werden. Joost Reinke sagt: „Ich kann mir nicht vorstellen, dass verantwortliche Stadtverordnete derartigen Plänen zustimmen werden.“ Stefan Löbig war diese Woche krankheitsbedingt nicht für eine Stellungnahme zu erreichen. (Von Manuel Schubert)

Demo wegen der prekären Kita-Lage in Langen: Ordentlich „Rabatz“ wollen sie machen. Am Donnerstag, 10. September, tritt die Initiative „Kitalos Langen“ erstmals öffentlich in Erscheinung. 

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