Offener Brief an Jens Spahn

Probleme bei Corona-Impfung: Demenz-WG „fällt durchs Raster“

Die Demenz-WG im Langener Ginkgo-Haus: Die Angehörigen der Bewohner haben vergeblich versucht, einen Termin des mobilen Impfteams für die Über-80-Jährigen zu bekommen. Mittlerweile gibt es Infektionsfälle.
+
Die Demenz-WG im Langener Ginkgo-Haus: Die Angehörigen der Bewohner haben vergeblich versucht, einen Termin des mobilen Impfteams für die Über-80-Jährigen zu bekommen. Mittlerweile gibt es Infektionsfälle.

Angehörige der Bewohner der Demenz-WG im Langener Ginkgo-Haus versuchten vergeblich Impftermine zu bekommen. Nun wenden sie sich mit einem Brief an Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU).

Langen – Die Corona-Impfkampagne ist im Kreis angelaufen – auch mit mobilen Impfteams. Doch trotz großer Bemühungen durch die Angehörigen gibt es keinen Termin für die Demenz-WG im Ginkgo-Haus. Die ambulant betreute Wohngemeinschaft fällt bei der Impfstrategie durchs Raster. Deshalb haben sich die Angehörigen nun in einem offenen Brief an Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) gewandt. Die Corona-Impfkampagne werde von der Bundesregierung bereits seit Monaten als große Hoffnung im Kampf gegen die Pandemie gepriesen. „Umso mehr verwundert es uns, die Angehörigen von zehn alten und zum Teil schwer demenzkranken Damen und Herren einer ambulant betreuten Demenz-WG in Langen, wie schleppend und dilettantisch der Impfstoff für die vulnerablen Gruppen ausgerollt wird“, schreiben die 15 Verfasser des Briefs. Trotz „intensiver Bemühungen“ sei es nicht gelungen, einen Termin des mobilen Impfteams für ihre Angehörigen zu bekommen.

Zwei Männer und acht Frauen, alle über 80 Jahre alt, wohnen derzeit in der ambulant betreuten Wohngemeinschaft für demente Menschen, die im Erdgeschoss des Ginkgo-Hauses 1 untergebracht ist, gemietet vom DemenzForum Darmstadt. Die Bewohnerinnen und Bewohner werden rund um die Uhr durch Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter eines Pflegedienstes betreut. „Für die teilweise hochdementen Menschen ist es nicht möglich, zum Impfen nach Frankfurt zu fahren“, sagt Hauskoordinatorin Renate Borgwald, die das Schreiben mitunterzeichnet hat. „Unsere Einrichtung ist ja kein Pflegeheim, sondern die Bewohner werden ambulant betreut. Wir fallen damit durchs Raster der bundesweiten Impfvorgaben.“ Die Hauskoordinatorin kritisiert die Richtlinien des Bundes als „nicht zu Ende gedacht“ – gibt es doch längst mehr Betreuungsmodelle als das klassische Alten- und Pflegeheim.

Corona in Langen: Keine Impfdosen für Bewohner verfügbar

Dr. Carsten Schedlinski, ein Angehöriger und Verfasser des Briefes, beschreibt den Versuch, ein Impfteam für die Demenz-WG zu organisieren, als zermürbende „Hängepartie“. „Wir finden es unfassbar, dass die schwer dementen Menschen 80 plus nicht in diese Gruppe fallen.“ Hinzu kommt: Nach mehrfachen vergeblichen Versuchen zur Terminvereinbarung erhielten die Familien vom Kreis die Auskunft, dass alle verfügbaren Impfdosen bereits aufgebraucht seien – bis Mitte Januar sollen das nur 2000 Stück gewesen sein. „Wir haben schon vermutet, dass es nicht genug Impfstoff gibt“, so Schedlinski.

Nach Angaben des Kreises sind die aktuell sechs mobilen Impfteams vorerst in den Alten- und Pflegeheimen im Einsatz und versorgen die Über-80-Jährigen, die aufgrund körperlicher Einschränkungen ein Impfzentrum nicht aufsuchen können, mit dem Vakzin. „Laut Prioritätenliste des Landes, an die wir gebunden sind, fallen demente Menschen nicht unter die Personengruppen zur Schutzimpfung mit höchster Priorität“, gibt Kreis-Pressesprecherin Ursula Luh den Standpunkt des Gesundheitsamts wieder. Personen mit Demenz sind laut der Auflistung, die auf der Webseite des Bundesgesundheitsministeriums einsehbar ist, in der Prioritätsstufe zwei aufgeführt. Das Personal ambulanter Pflegedienste, das auch die Bewohner der Ginkgo-WG versorgt, fällt übrigens unter die höhere Priorität. Der Kreis habe aber bereits beim Land angefragt, ob die Priorisierung für demente Menschen geändert werden könne, teilt Luh mit.

Corona-Schutzimpfung gefordert: Angehörige in Langen wenden sich an Gesundheitsminister

Die Angehörigen der Langener Bewohner wissen , dass die Vorgaben in Berlin gemacht werden und den Mitarbeitern des Kreis-Gesundheitsamts gewissermaßen die Hände gebunden sind. Deshalb haben sie den offenen Brief an den Bundesgesundheitsminister geschickt. Sie kritisieren darin auch die Impfstrategie und Versäumnisse der Regierung, ausreichend Impfstoff zu beschaffen – ein Thema, das auch beim „Impfgipfel“ von Bund und Ländern am Montag auf der Agenda stand. Die Angehörigen der Demenz-WG bemängeln: „Anstatt durch konsequente, regelmäßige Testung von Besuchern und Personal in Krankenhäusern und Heimen, unbürokratische Stellung effektiver Masken und – vor allem frühzeitige Sicherstellung von ausreichend Impfstoff für die vulnerablen Gruppen – werden mehr oder weniger effektive Maßnahmen hilflos in Dauerschleife gestellt, viele Menschen aller Altersgruppen psychisch schwer belastet und die deutsche Wirtschaft empfindlich geschädigt.“ Es wäre besser gewesen, wenn Deutschland lieber zu viel Impfstoff bestellt hätte – „im Angesicht der Milliarden, die zum Teil sinnfrei rausgeschmissen werden, wäre das zu verschmerzen gewesen“, so die Unterzeichner. Absehbar ist für sie akut nicht, wann ihre Angehörigen die Impfung gegen das Coronavirus bekommen. „So ist Warten im Moment das Einzige, was wir effektiv tun können – immer hoffend, dass sie nicht zu spät kommt“, formulieren die Angehörigen in ihrem Schreiben an den Bundesgesundheitsminister.

Doch mittlerweile ist der Ernstfall eingetreten: Es gibt Infektionsfälle in der Demenz-WG im Ginkgo-Haus. Neun der zehn Bewohner seien positiv auf das Coronavirus getestet worden. Für die Angehörigen der dementen Bewohner verstärkt das nun das Gefühl der Hilflosigkeit – weil hochbetagte, pflegebedürftige Menschen während der Pandemie nicht ausreichend geschützt werden. „Aber immer nur zuschauen und den Kopf schütteln bringt nichts. Deshalb haben wir den offenen Brief verfasst“, sagt Schedlinski. Nun hoffen die Familien zunächst, dass ihre Angehörigen die Infektionen gut überstehen. Und schließlich auf Antwort aus Berlin. „Wir fordern Sie auf, dass Sie Ihrer Aufgabe und Verantwortung endlich gerecht werden und alles dafür tun, diese Missstände zu beseitigen“, appellierten sie im Brief an Jens Spahn. Der Kreis habe die Langener Demenz-WG nun immerhin „mehr auf dem Schirm“, sagt die Hauskoordinatorin Borgwald – wenn auch leider wegen der Infektionen und Testungen. (Julia Radgen)

DAS KÖNNTE SIE AUCH INTERESSIEREN

Kommentare