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Verantwortung statt Egoismus: Gegenwind für „Spaziergänger“ in Langen

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Von: Joel Schmidt

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Mit zuweilen ironischem Unterton griffen die rund 100 Gegendemonstranten am Lutherplatz Verschwörungsmythen rund um die Corona-Pandemie auf. „Lieber mit Bill Gates chippen, als mit Nazis Pommes dippen“, hieß es auf einem der Transparente.
„Lieber mit Bill Gates chippen, als mit Nazis Pommes dippen“: Mit zuweilen ironischem Unterton griffen die rund 100 Gegendemonstranten am Lutherplatz Verschwörungsmythen rund um die Corona-Pandemie auf. © Strohfeldt

In Langen bekommen die Kritiker der Corona-Maßnahmen erstmals Gegenwind zu spüren. Mit einer Mahnwache am Lutherplatz gedenken Bürgerinnen und Bürger auch den Verstorbenen der Pandemie.

Langen – „Wir wollen in Langen nicht den Querdenkern die Straße überlassen“, sagt David Distelmann. Er trägt eine weiße FFP2-Maske im Gesicht und hält ein selbst gebasteltes Pappschild in der Hand. „Wer mit Nazis spaziert, hat nichts kapiert“, ist darauf zu lesen. Die Botschaft ist eindeutig: Sie richtet sich an die Corona-Leugner, die sich bereits seit mehreren Wochen auch in Langen immer montags zu sogenannten Spaziergängen treffen. Ihre gewohnte Route über den Lutherplatz bleibt ihnen an diesem Abend allerdings versperrt. Denn neben Distelmann stehen hier noch rund 100 weitere Menschen, die sich mit Schildern und Transparenten erstmals zum organisierten Gegenprotest eingefunden haben.

Angemeldet hat die Mahnwache Brigitte Putz-Weller von den Naturfreunden Egelsbach--Erzhausen. Es soll ein stilles Gedenken sein, „an all jene, die infolge einer Corona-Erkrankung verstorben sind“, erzählt sie. Neben dem Gedenken wollen die Versammelten aber auch ihre „Anerkennung und Solidarität für alle von der Pandemie betroffenen“ zum Ausdruck bringen. „Für die Eltern, Lehrer und Kinder in den Schulen genauso wie für das Pflegepersonal in den Kliniken.“

Mahnwache in Langen: Genug vom Gerede einer vermeintlichen Diktatur

Unter den Demonstranten am Kreisel befindet sich auch Anne Duda. Sie arbeitet im Frankfurter Uni-Klinikum. Zwar nicht in der Pflege, „aber ich bekomme trotzdem genug mit“, versichert sie. Dem Gerede vom Aufzug einer vermeintlichen Diktatur ist sie schon lange überdrüssig. „Ich brech mir keinen ab, wenn ich Maske trage und Abstand halte – ich fühle mich nach wie vor frei“, sagt sie. Die selbst ernannten Spaziergänger hält Duda vor allem für eins: egoistisch. „Wir sind eine Gemeinschaft“, sagt sie. „Wenn wir alle ein bisschen mehr zusammengehalten hätten, wäre die Pandemie vielleicht schon längst vorbei.“ Begleiter Karlheinz Duda hat dem nichts hinzuzufügen. Wortlos verweist er auf das gelbe Plakat vor seinem Oberkörper: „Verantwortung statt Egoismus.“

Wenn wir alle ein bisschen mehr zusammenhalten, wäre die Pandemie vielleicht schon längst vorbei.

Anne Duda

Montagsspaziergang in Langen: „Warum trägst du an der frischen Luft eine Maske?“

Während die Teilnehmer der Mahnwache sich für Gespräche äußerst aufgeschlossen zeigen, sieht das beim unangemeldeten Aufzug der Corona-Verharmloser ganz anders aus. Als dieser vor der Polizeistation kurz halt macht, schlägt ein erster Versuch der Kontaktaufnahme fehl: Die Gruppe älterer Herren zieht es vor zu schweigen. Nächster Versuch: Wie sie heißt, möchte die Frau lieber nicht sagen, als sie von Bedenken über die gesundheitlichen Folgen der Impfung bei ihren jugendlichen Kindern zu sprechen beginnt. Doch schon nach dem ersten Satz fordert ihre Begleiterin sie zum Weitergehen auf: „Die schreiben ja sowieso nicht die Wahrheit“, ruft diese.

Ein kleines Grüppchen „Spaziergänger“ steht nach Ende der Veranstaltung noch an der Ecke Bahnstraße/Goethestraße. Letzter Versuch: Warum sie heute auf der Straße waren? „Weil ich für Impffreiheit bin und keinen weiteren Lockdown will“, antwortet die junge Frau nach einigem Zögern. Doch auch hier wieder das gleiche Spiel: Obwohl sie äußert, das Gespräch führen zu wollen, hält ihr Begleiter sie davon ab. Er packt sie am Arm. Sagt mehrfach, sie solle jetzt ruhig sein. Er verlangt meinen Presseausweis und fragt immer wieder: „Warum trägst du an der frischen Luft eine Maske?“

Manch anderer Teilnehmer verkündete seine Botschaft lieber eindeutiger.
Manch anderer Teilnehmer verkündete seine Botschaft lieber eindeutiger. © Strohfeldt

Unangemeldeter Aufzug: Ordnungsamt verkündet Auflagen

Etwa 150 Personen haben sich an dem Aufzug am Montagabend beteiligt, berichtet Polizeisprecher Rudolf Neu tags drauf. Er betont, dass es in der Verantwortung des Ordnungsamtes liege, zu entscheiden, ob dieser unter das Versammlungsrecht falle und einer Anmeldung bedürfte. Stadtpressesprecher Markus Schaible sagt hingegen: „Wir können nur über ein Verbot oder eine Genehmigung entscheiden, wenn es zuvor auch eine Anmeldung gegeben hat.“ Ansonsten müssten Polizei und Ordnungsamt „vor Ort das gemeinsame Vorgehen miteinander abstimmen“. Am Montagabend hätten die Vertreter des Ordnungsamtes den Teilnehmern etwa die Auflage verkündet, die Mindestabstände einzuhalten. Darüber hinaus, so Schaible, „kommentiert die Stadt die Spaziergänge nicht“. (Joel Schmidt)

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