Interview

Gewalt gegen Frauen: „Das ist ein Totschweigethema, das will immer keiner hören“

Sabine Nadler ist seit 2015 Frauenbeauftragte der Stadt Langen.
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Sabine Nadler ist Frauenbeauftragte der Stadt Langen und beteiligt sich an der Aktion „Das Schweigen brechen“.

Anlässlich des Internationalen Tags gegen Gewalt an Frauen spricht Langens Frauenbeauftragte Sabine Nadler über die Bedeutung von Beratung, Öffentlichkeit und Prävention zum Thema.

Langen – Seit mittlerweile drei Jahrzehnten wird am 25. November weltweit mit Aktionen auf das Thema Gewalt gegen Frauen und Mädchen aufmerksam gemacht. In Deutschland ist laut Zahlen des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend jede dritte Frau mindestens einmal in ihrem Leben von physischer und/oder sexualisierter Gewalt betroffen. Sabine Nadler ist seit 2015 Frauenbeauftragte der Stadt Langen und gibt im Gespräch einen Einblick, welchen Stellenwert das Thema in ihrer täglichen Arbeit einnimmt.

Frau Nadler, gemeinsam mit dem ZenJA beteiligen Sie sich heute an der bundesweiten Fotoaktion „Wir brechen das Schweigen“. Warum?

Gewalt gegen Frauen ist so ein Totschweigethema, das will immer keiner hören. Aber es gehört nun mal in die Öffentlichkeit! Genau das machen wir heute: Bewusstsein schaffen, dass es niedrigschwellige Angebote für Betroffene gibt. Konkret machen wir auf das „Hilfetelefon Gewalt gegen Frauen“ aufmerksam, einer kostenlosen Hotline, bei der Frauen, die Gewalt erfahren haben oder noch erleben, anonym und auf verschiedenen Sprachen beraten werden.

Welche Anlaufstellen gibt es in Langen?

Der Verein „Frauen helfen Frauen“ bietet schon seit vielen Jahren im ZenJA wöchentlich eine Sprechstunde für Frauen in Not an. Und auch bei mir können sich selbstverständlich Frauen in jeglicher Notsituation melden. Da geht es neben konkreten Gewalterfahrungen um alle Themen, die sich aus frauenspezifischen Lebenslagen ergeben: etwa um die Voraussetzungen und Folgen von Trennungen oder Scheidungen. Hilfe zur Selbsthilfe ist mir dabei immer sehr wichtig. Die Frauen müssen dazu befähigt werden, selbst aus ihren Situationen herauszukommen.

Das heißt?

Frauen erhalten von mir Hinweise auf Möglichkeiten der finanziellen Unterstützung und Beratungsangebote. Ansprüche wie Kindergeldzuschlag, Unterhaltsvorschuss oder auch Wohngeld. Auch wird geprüft, ob die Betroffene Anrecht auf eine Sozialwohnung hat, um aus ihrer gewaltförmigen Wohnsituation zu entkommen.

Und im akuten Notfall?

Da versuche ich, auch in Zusammenarbeit mit „Frauen helfen Frauen“, die Unterbringung in einem Frauenhaus zu organisieren. Das ist allerdings häufig entsetzlich frustrierend, da es bundesweit schlichtweg viel zu wenig Plätze gibt. Obwohl das Problem der Politik bereits seit Jahren bekannt ist, fehlt es noch immer an ausreichend Unterbringungsmöglichkeiten für Frauen in Not. Das ist wirklich beschämend.

Wie viele Frauen wenden sich an Sie?

Durchschnittlich machen wir jährlich etwa 50 Beratungen im Büro, mittlerweile bieten wir diese auch verstärkt telefonisch an. Allgemein ist in den vergangenen Jahren ein deutlicher Anstieg der Beratungsfälle zu verzeichnen. Seit Beginn der Pandemie nehme ich allerdings eine gegenteilige Entwicklung wahr. Die Zahl der Beratungen geht leicht zurück.

Haben Sie dafür eine Erklärung?

Die Männer sind jetzt viel mehr zu Hause, dadurch ergeben sich für Betroffene viel seltener Gelegenheiten, in denen sie sich ungestört Hilfe suchen könnten. Frauen sagen mir immer wieder: „Ich wünsche mir, dass einfach mal ein Nachbar reagiert und von sich aus die Polizei rufen würde.“ Einfach weil sie selbst sich nicht trauen, diesen Schritt zu gehen – aus Angst davor, dass die Situation mit dem Partner danach nur noch schlimmer wird.

Also täuscht der Rückgang der Zahlen?

Ja. Schließlich tauchen viele Fälle häuslicher Gewalt oftmals gar nicht in den Statistiken auf, da sie gar nicht erst zur Anzeige gebracht werden. Die Dunkelziffer an tatsächlichen Fällen ist um ein vielfaches größer.

Internationaler Tag gegen Gewalt an Frauen

Bereits sei 1981 wird der 25. November weltweit als Gedenk- und Aktionstag zur Bekämpfung von Diskriminierung und Gewalt an Frauen und Mädchen begangen. Im Rahmen der „Orange the World“-Kampagne der Vereinten Nationen werden vielerorts öffentliche Gebäude in orange beleuchtet, als Zeichen gegen Gewalt an Frauen. In Langen beteiligen sich das Frauenbüro und das ZenJA an der Aktion „Wir brechen das Schweigen“, mit der auf das bundesweite und kostenfreie Hilfetelefon Gewalt gegen Frauen“ (08000 116016) aufmerksam gemacht wird.

Was braucht es Ihrer Ansicht nach, um dem Problem auch nachhaltig zu begegnen?

Wir müssen das Thema schon früh zur Sprache bringen. Vom Gesetzgeber wünsche ich mir, dass es ab einer bestimmten Altersstufe bereits in der Schule in den Lehrplan aufgenommen wird. Mithilfe von Präventionsangeboten ließe sich dann über Gewalt in Beziehungen sprechen und gemeinsam erarbeiten, was es für andere Möglichkeiten der Konfliktbearbeitung gibt und dass Gewalt eben niemals eine Lösung für Probleme ist. Wenn solche Angebote für alle Schülerinnen und Schüler verpflichtend wären, würde das unserer Gesellschaft schon mal sehr weiterhelfen. Es würde auch dazu beitragen, dass mehr Menschen beim Thema Gewalt gegen Frauen nicht länger wegschauen.

Was möchten Sie Frauen gerne mit auf den Weg geben?

Dass gegenseitiger Respekt in einer Beziehung ganz wichtig ist. Und dass sie nicht alleine sind! Sie können sich immer und jederzeit Unterstützung suchen. Denn gerade den eigenen Kindern zuliebe und um das Familienleben wiederherzustellen, macht man leider viele Dinge mit. Egal in welcher Situation, ich bin immer da, um Hilfestellungen anzubieten.

Und Männern?

Dass sie lernen: Gewalt ist keine Lösung. Und ich hoffe, dass auch Männer versuchen, sich eigenständig professionelle Hilfe zu holen, nicht zuletzt ihren Familien zuliebe. Schließlich gibt es genügend kostenlose Hilfsangebote und auch Männerberatungsstellen. Diese Angebote sollte man auch in Anspruch nehmen – und zwar bevor es eskaliert.

Das Gespräch führte Joel Schmidt.

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