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Lobbyarbeit für den Frieden: „Nicht so leicht zu vermitteln“

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Von: Joel Schmidt

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Als Referent für Friedensbildung setzt Daniel Untch sich für gewaltfreie Methoden der Konfliktbearbeitung ein. Er ist auch im Langener Kirchenvorstand aktiv.
Als Referent für Friedensbildung setzt Daniel Untch sich für gewaltfreie Methoden der Konfliktbearbeitung ein. Er ist auch im Langener Kirchenvorstand aktiv. © Strohfeldt

Daniel Untch ist Experte für Konfliktbearbeitung. Als Referent für Friedensbildung bei der Evangelischen Kirche Hessen setzt er sich für gewaltfreie Methoden ein.

Langen – „Unter meiner Berufsbezeichnung kann man sich praktisch alles und nichts vorstellen“, seufzt Daniel Untch. Er kennt diese Art von Gesprächen. Stellt sich jemand als Tischlerin vor, oder als Fahrlehrer, entstehen im Kopf des Gegenübers sofort die entsprechenden Bilder. Aber bei einem Referenten für Friedensbildung? Angesiedelt beim „Zentrum Oekumene“ der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau und der Evangelischen Kirche von Kurhessen-Waldeck ist der 31-Jährige gewissermaßen ein Experte für alles, was mit dem überbordenden Schlagwort „Frieden“ in Verbindung zu bringen ist.

Während viele Menschen häufig erst mit Konflikten in Berührung kommen, nachdem diese eskaliert sind, interessiert er sich auch für deren Vorgeschichte. In der alltäglichen Arbeit bedeutet das: aufzeigen, dass es auch gewaltfreie Methoden der Konfliktbearbeitung gibt, und sich für Alternativen zum Ruf nach militärischem Eingreifen stark machen, der noch immer schnell laut werde. Den Zuständigkeitsbereich beschreibt er als umfangreich und mitunter diffus: „Man ist mit einem breiten Feld von Akteuren konfrontiert, auch dadurch ist das Thema der Öffentlichkeit nicht so leicht zu vermitteln.“ Wichtig sei es daher, von konkreten Beispielen ziviler Konfliktbearbeitung berichten zu können. Als Referent für Friedensbildung macht er genau das. Er ist Ansprechpartner für alle, die in den beiden hessischen Landeskirchen am Thema Frieden interessiert sind. „Wenn sich etwa der Kirchenpräsident zum Thema Rüstungsexportkontrollgesetz äußern möchte, fragt er erst bei uns nach, um sich auf den neusten Stand der Diskussion bringen zu lassen“, beschreibt er einen Aspekt seiner Tätigkeit.

Ein weiteres wichtiges Standbein stellt die Arbeit an der Kirchenbasis dar. Der Austausch mit den Gemeinden, das Organisieren von Workshops, Vorträgen und Aktionen rund um das Thema „Frieden“. Ein gelungenes Beispiel sei etwa die Aktion „Wanderfriedenskerze“ zum Gedenken an die Opfer von Krieg, Terror und Gewalt gewesen, die im vergangenen Winter ebenfalls Station im Petrus-Gemeindehaus machte. Begleitend zum Gottesdienst war nicht nur die Ausstellung „Grenzerfahrungen – Wie Europa gegen Schutzsuchende aufrüstet“ zu sehen. Untch stand danach auch Rede und Antwort, um über die Hintergründe des Gezeigten zu informieren: über die EU-Abschottungspolitik gegenüber Geflüchteten genauso wie über die Profiteure des Grenzgeschäftes.

Kein Frieden ohne globale Gerechtigkeit

Sicherlich, man hätte auch einfach kommentarlos die Ausstellung zeigen können. Ihm sei es aber wichtig, „solche Themen nicht einfach bei den Leuten abzuladen und sie dann mit ihrer Ohnmacht alleine zu lassen“, sagt er. Stattdessen sieht er es als seine Aufgabe „Handlungsmöglichkeiten und Hoffnungsperspektiven anzubieten, um zu zeigen, dass man auch selber etwas tun kann“. Das Spektrum reiche dabei vom klassischen Spendensammeln bis hin zum Brief an den Bundestagsabgeordneten des eigenen Wahlkreises, um sich für die eigenen Anliegen Gehör zu verschaffen. Mit Letzterem habe er selber schon gute Erfahrungen gemacht – „und ich kann jeden nur dazu ermuntern, das ebenfalls zu tun“.

Es kann nicht darum gehen, Probleme zu individualisieren und immer nur selbst Verzicht zu üben. Man muss auch die zugrunde liegenden Strukturen verändern.

Daniel Untch

Hört man Daniel Untch über seine Arbeit reden, fallen Begriffe wie „Waffenexporte“, „globale Gerechtigkeit“ oder „Migration“ genauso häufig wie das Wort „Frieden“. Zu einem Teil geht das auf das Studium der Politikwissenschaften und der Friedens- und Konfliktforschung sowie die frühere Tätigkeit bei der Friedensorganisation „Pax Christi“ zurück. Noch viel prägender sei jedoch die Zeit in Bolivien gewesen, wo der in Egelsbach aufgewachsene Untch nach dem Abitur an der Dreieichschule Langen ein Freiwilliges Soziales Jahr absolvierte. Dort habe er mit eigenen Augen gesehen, „dass dieses rohstoffreiche Land nicht so arm ist, weil die Menschen es nicht gebacken bekommen, wie aus der Ferne oftmals geurteilt wird. Es gibt strukturelle ökonomische Abhängigkeiten, die für diese Armut verantwortlich sind.“ Eine Erkenntnis, die sich während des Aufenthalts in dem südamerikanischen Land verfestigte, und die auch in seiner gegenwärtigen Tätigkeit als Referent für Friedensbildung weiterhin eine zentrale Rolle spielt.

„Es kann nicht darum gehen, Probleme zu individualisieren und immer nur selbst Verzicht zu üben“, sagt Untch. „Man muss auch die zugrunde liegenden Strukturen verändern“. Veranschaulichen lässt sich das derzeit wohl kaum besser als an seinem neuen Themenschwerpunkt: dem Einfluss des Klimawandels auf Konflikte in der Welt und der Frage danach, was das mit unserer Wirtschaftsweise zu tun hat. (Joel Schmidt)

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