Messerstiche nach Raserduell

Nach Stichen fest mit dem Tod gerechnet

Langen/Egelsbach - Im Prozess um die Messerattacke auf einen Autofahrer in Egelsbach ist eine völlig neue Version der Vorgeschichte präsentiert worden – und zwar vom Opfer, das vor der Schwurgerichtskammer des Landgerichts Darmstadt als Nebenkläger auftritt. Von Silke Gelhausen-Schüßler 

Der 52-jährige selbstständige Unternehmensberater war am 17. Juni vergangenen Jahres an der Ampel am Ende der A661 vom Angeklagten mit fünf Messerstichen lebensgefährlich verletzt worden, so dass er notoperiert werden musste. Ohne sofortige ärztliche Hilfe hätte der an Hämophilie A (Bluterkrankheit) leidende Rödermarker den Angriff mit Sicherheit nicht überlebt. Die Folgen der Tat hat er bis heute nicht überstanden.

Der große Unterschied zu den Aussagen des angeklagten 45-jährigen Sizilianers aus Langen und der zwei Zeugen besteht in der Beschreibung der Fahrmanöver. Die Zeugen stellen diese als „gegenseitige Überholmanöver mit hoher Geschwindigkeit in Form einer Doppel-Helix“ bildlich dar, bei denen „einer dem anderen nichts gegeben habe“. Ähnlich schildert der geständige Angeklagte die Fahrt kurz vor 22 Uhr – der Auslöser seines Wutausbruchs sei eine gefährliche Überholaktion des Skoda-Fahrers gewesen, der sich weit vor der Ausfahrt Langen vor ihn gesetzt und ihn ausgebremst habe.

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Da behauptet der Geschädigte nun das genaue Gegenteil. Der Rödermarker: „Weil ich ein Fußball-WM-Spiel sehen wollte und ab 22 Uhr auf der 661 das nächtliche Tempolimit vorgeschrieben ist, hatte ich an die 200 auf dem Tacho. Zwischen Langen und Autobahnende war plötzlich ein Alfa Romeo mit Lichthupe und Blinker hinter mir. Er fuhr so dicht auf, dass ich das Kennzeichen nicht mehr lesen konnte!“

Keine Veranlassung, auf die rechte Spur zu fahren

Er habe zunächst keine Veranlassung gesehen, auf die rechte Spur zu fahren, weil sowieso das Autobahnende nahte. Kurz vor der langen Kurve habe er dies aber doch getan. Worauf hin sich der Alfa-Fahrer vor ihn gesetzt habe und ohne Grund voll in die Eisen gestiegen sei: „Ich geriet ins Schleudern und brauchte mehrere hundert Meter, um zum Stehen zu kommen. Ich bekam das Fahrzeug kaum noch unter Kontrolle“, so der Skoda-Pilot. „Auf dem einspurigen Zubringer überholte ich den Alfa dann noch einmal [hier decken sich erstmals die Aussagen, Anm. d. Red.] und kam vor der roten Ampel zum Stehen.“ Dort habe sich der Sizilianer hinter ihn gestellt, sei ausgestiegen und mit einem leichten Grinsen langsam auf ihn zugekommen. Er habe die Scheibe heruntergelassen, da habe ihn der Angeklagte sofort mit den Worten „Was hast du gemacht, du Hurensohn?“ an der Gurgel gepackt. „Ich bekam Angst, griff mein eigenes Messer im Türfach und hab’ ihm gedroht: ,Lass los, ich steche, hau ab!‘“

Zwei Millionen Fahrkilometer schreibt sich der Nebenkläger auf die Fahnen, 34 Jahre Führerschein – „aber so ein aggressives Fahrverhalten habe ich noch nie erlebt!“ entrüstet er sich. Der Angeklagte habe ihn beim Anblick des Messers losgelassen und sei zu seinem Auto zurück, um seine eigene Stichwaffe zu holen. Was danach kommt, ist bekannt, bekommt jedoch im Gerichtssaal durch die Sicht des Opfers eine stark emotional aufwühlende Wirkung. Sichtlich nach Fassung ringend schildert der Mann die Minuten nach der Tat, als er die Schnitte realisiert, das Blut sieht, Panik wegen seiner fehlenden Gerinnungsfähigkeit bekommt, versucht, den Sohn anzurufen, weil er fest mit dem Tod rechnet.

Psychotherapie für das Opfer

Der Vorfall ist für den 52-Jährigen noch lange nicht abgeschlossen. „Ich gehe ein bis zweimal in der Woche zur Psychotherapie, kann ohne Medikamente nicht schlafen, habe starke Konzentrationsstörungen. In der linken Brusthälfte und am rechten Oberschenkel sind Taubheitsgefühle geblieben, ich habe starke Narbenschmerzen.“ Seine Erwerbstätigkeit als Selbstständiger sei eingeschränkt, an geliebte Hobbys wie Mountainbiken und Bergsteigen sei gar nicht zu denken. Kurzum: Es ist nichts mehr wie vorher.

Noch nicht sicher ist, wem die Kammer mehr Glauben schenkt. Für den Angeklagten kann sich die Bewertung in der Länge einer möglichen Haftstrafe durchaus bemerkbar machen. Das Urteil wird am 6. Februar erwartet.

Messerattacke: Streit unter Autofahrern eskaliert

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Rubriklistenbild: © Symbolbild: dpa

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