Von halben Mauern und Mauerblümchen

Langener Stadtgeschichte: Eine Führung mit durchaus gewagten Thesen

Langen anno 1750 – ein beschaulicher Ort mit halb fertiger Stadtmauer auf dem Weg zum Marktflecken. Das Modell gibt es im Museum Altes Rathaus zu bestaunen. Ebenso finden dort regelmäßig historische Führungen statt.
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Langen anno 1750 – ein beschaulicher Ort mit halb fertiger Stadtmauer auf dem Weg zum Marktflecken. Das Modell gibt es im Museum Altes Rathaus zu bestaunen. Ebenso finden dort regelmäßig historische Führungen statt.

Dass die Langener Stadtmauer vor Jahrhunderten nur zur Hälfte fertig geworden ist, weil den Auftraggebern das Geld ausging, ist eine kühne These, doch sie lässt sich wissenschaftlich belegen.

Langen – Der Mann, der das behauptet, führt regelmäßig durch das Museum Altes Rathaus und die Langener Geschichte. So auch an diesem Wochenende: Unter dem Motto „Handel und Wandel“ liegt das Augenmerk auf dem Wirtschaften in Langen im Laufe der Jahrhunderte – und Dr. Jörg Füllgrabe hält durchaus diskutable Schlussfolgerungen parat.

Den Exkurs zur wirtschaftlichen Entwicklung der Stadt startet Füllgrabe im Alten Rathaus an dem Modell, das Langen um 1750 zeigt. Die – leider recht überschaubare – Zuhörerschar erkennt: eine Mauer umgab das halbe Dorf. „Es ist gut möglich, dass den Herrschaften das Geld ausgegangen ist“, erläutert der promovierte Germanist Füllgrabe. „Jedenfalls ist es unwahrscheinlich, dass weitere Mauerreste gefunden werden, denn die Stellen sind mittlerweile zugebaut.“

Erstmals erwähnt wird Langen im Jahr 834. Ludwig der Deutsche schenkt den Ort an das Kloster Lorsch. „Allerdings ist anzunehmen, dass die Siedlung deutlich älter ist“, sagt Füllgrabe. Langen entwickelt sich schnell: Aus dem Agrardorf wird 1813 ein Marktflecken. „Das ist ein Wochenmarkt mit größerer Bedeutung“, so Füllgrabe, „ein Amazon der analogen Welt“. 1821 wird Langen zur Kreisstadt – behält diesen Status aber nur für elf Jahre. 1883 erhält es schließlich die Stadtrechte.

Wegen des günstigen Standorts zwischen Frankfurt und Darmstadt sei Langen eine wichtige Station gewesen, um Pferde zu wechseln, berichtet Füllgrabe. „Die letzte Schmiede ist in den 1950er Jahren geschlossen worden.“ Auch die Gastronomie boomte: „Früher gab es 46 Wirtschaften in Langen. Die meisten waren aber Nebenerwerbsgaststätten.“

Zwischen dem Langen-Modell und einer großformatigen Luftaufnahme der Stadt beleuchtet Dr. Jörg Füllgrabe (rechts) lokales Wirtschaften über die Jahrhunderte. Passende Exponate wie Werkzeug, Ziegel, Brennformen und Dachreiter finden sich in den Museumsvitrinen.

Als weitere bedeutende Unternehmen des Ortes zählt Füllgrabe die Scherer’sche Likörfabrik, die Ziegelei oder die Schuhmacherei auf – in den Vitrinen gibt es zugehörige Exponate zu sehen. „Heute leben wir in einer Wegwerfgesellschaft“, kritisiert Füllgrabe. „Statt Schuhe zu reparieren, kauft man lieber neue – einerseits, weil es günstiger ist, andererseits weil es kaum noch Schuster gibt und die Schuhe von heute oft gar nicht mehr reparabel sind.“ Früher sei es selbstverständlich gewesen, Dinge zu reparieren.

Eine Attraktion im 20. Jahrhundert ist das Freizeit- und Familienbad. „Vor allem der zehn Meter hohe Sprungturm war eine Besonderheit in der Region“, berichtet Füllgrabe. „Sogar das deutsche Olympia-Schwimmteam hat 1936 in dem Bad trainiert.“

Nach dem Zweiten Weltkrieg siedelt sich die Firma Pittler in Langen an. „Das Unternehmen war eine Größe auf dem internationalen Markt“, weiß Füllgrabe. Doch nach der Jahrtausendwende wird Pittler liquidiert, die Gebäude auf dem Firmengelände verfallen und werden schließlich abgerissen.

„Langen war in den 1970er Jahren weltweit bekannter als jetzt“, meint Füllgrabe. „Was die Produktion angeht, gibt es hier nichts mehr. Langen wird vornehmlich Schlafstadt werden“, prognostiziert er ein Mauerblümchen-Dasein. Dem Wunsch nach mehr Gewerbeansiedlungen stehe die Erschließung von Wohngebieten gegenüber. „Letzter vernünftig geplanter Stadtteil“ sei Oberlinden. „Da sind sowohl hochpreisiges Wohnen als auch Reihenhäuser und Blockbebauungen zu finden.“ Füllgrabes Fazit zu Handel und Wandel: „Langen wird als Wirtschaftsstandort nicht sterben, aber nie mehr die Größe erreichen wie in den 1980er Jahren.“

VON VANESSA KOKOSCHKA

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