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Stadtgeschichte: Neues Buch „Vergessene Nachbarn“ folgt Spuren jüdischen Lebens

Das Foto der ehemaligen Synagoge ziert das Cover der Buchneuerscheinung. Rechts oben das Warenhaus Fahrgasse 23 (heute Kiosk Heimrich), das Moritz Kahn 1934 unter dem Druck der Nazis aufgeben musste. Foto/REPROS: BORCHARD
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Das Foto der ehemaligen Synagoge ziert das Cover der Buchneuerscheinung. Rechts oben das Warenhaus Fahrgasse 23 (heute Kiosk Heimrich), das Moritz Kahn 1934 unter dem Druck der Nazis aufgeben musste.

Die Geschichte jüdischen Lebens in Langen lässt sich bis zum Beginn des 18. Jahrhunderts zurückverfolgen.

Langen –  Ein Trio hat sich auf Spurensuche begeben – die Ergebnisse von zum Teil jahrzehntelanger Forschungsaktivität liegen nun in Buchform vor: „Vergessene Nachbarn – Juden in Langen von ca. 1704 bis 1938“ heißt das von Gabriele Klein, Gerda Werner und Herbert Walter verfasste Werk. Öffentlich vorstellen werden die Autoren das 420 Seiten starke Kompendium im Zuge der städtischen Gedenkveranstaltungsreihe Anfang November.

Langen: "Ihr Schicksal wird nie vergessen"

„In Langen lebten seit dem 17. Jahrhundert jüdische Einwohner. Im Jahre 1933 zählte die jüdische Gemeinde 77 Mitglieder. Während der Nazi-Gewaltherrschaft von 1933 bis 1945 wurden diese Menschen gedemütigt, entrechtet, vertrieben, misshandelt und ermordet. Ihr Schicksal wird nicht vergessen.“ So steht es an der Mahn- und Gedenkstätte in der Dieburger Straße 25 geschrieben, wo einst die Synagoge stand. Die Inschrift ist Programm für die drei Heimatforscher. Sie haben das besondere Kapitel Stadtgeschichte aufgearbeitet – „die Spur einer verlorenen Welt“ nennt es Bürgermeister Frieder Gebhardt in seinem Geleitwort. Ebenso gut könnte man sagen: Ein Langen, wie es kaum noch einer kennt – und manch einer nicht mehr kennen will.

„Vergessene Nachbarn“ besteht im Prinzip aus zwei Teilen. „Der erste schildert die Geschichte der Langener Juden von 1933 bis 1938“, erläutert Verfasser Herbert Walter. „Damit sind wir genau bei dem Zeitraum und dem Personenkreis, dem die Stolperstein-Initiative ihr Engagement gewidmet hat – insofern bildet dieses Kapitel auch die Langener Stolperstein-Geschichte ab.“

Der zweite Teil ist ganz im Stile eines Familienbuchs aufgebaut. „Es sind alle jüdischen Personen erfasst, die jemals in Langen gelebt haben und registriert wurden“, erläutert Gerda Werner. „Jede Person und jede Familie hat ihre eigene Nummer“, fügt Gabi Klein hinzu. „Sie suchen kann man entweder alphabetisch nach dem Familiennamen des Vaters oder über die Zeitschiene, ausgehend vom Heiratsdatum. Auch Querverbindungen lassen sich auf diese Weise leicht nachvollziehbar darstellen.“

Langen: Es geht um historisches Bewusstsein

Leicht nachvollziehbar war für die Heimatkundler zu Beginn ihrer Nachforschungen freilich nicht allzu viel. „Oft hieß es ,Weiteres Schicksal unbekannt‘“, erzählt Walter. Weiße Flecken zwischen Geburts- und Todesdatum vielfach mit Leben erfüllt und ihnen einen Platz gegeben zu haben, das ist das Verdienst der Neuerscheinung. Über „Books on Demand“ (BoD) in Eigenregie publiziert, stand von vornherein nie zur Debatte, dass hier ein „Bestseller“ heranreift, schon gar nicht in kommerziellem Sinne. Es gehe um historisches Bewusstsein, um Erinnerung und ehrendes Gedenken, um ein reichlich verspätetes Stückchen Gerechtigkeit, ist sich das Autoren-Trio einig. Und mit Blick auf erschreckende Tagesaktualität wie in Halle seien Toleranz und Mitmenschlichkeit mehr denn je angesagt. „Sie gilt es hervorzuheben und Antisemitismus und brauner Ekelhaftigkeit entgegenzusetzen“, betont Gerda Werner.

Wenn der Blick zurück in die Vergangenheit, lange vor die Zeit des „Tausendjährigen Reichs“, eines lehrt, dann dies: Jüdisches Leben war ein so fest integrierter wie bereichernder Teil des Lebens in Langen. „Die meisten jüdischen Familien lebten schon seit Generationen in Langen, die Menschen sind hier geboren und aufgewachsen“, schildert Herbert Walter. „Sie waren gut angesehen und in Vereinen aktiv – der Gründer des 1. Fußballklubs Langen zum Beispiel ist der Jude Bernhard Kahn.“

Mit dem Aufziehen der dunklen Zeit seien es vor allem die jungen Juden gewesen, die der Langener Heimat den Rücken kehrten. „Die Älteren setzten darauf, hier zu bleiben – wenn man nur zusammenhalte, werde man die bösen Zeiten schon überstehen, so die weit verbreitete und von den jüdischen Verbänden ebenfalls getragene Denkweise“, skizziert Walter. Eine verhängnisvolle Fehleinschätzung. Da viele Junge in die Fremde zogen, als es noch ging („Ab 1935 fanden sich praktisch keine Aufnehmerländer mehr“, so Walter), und so das Fundament für Nachzug der Verwandten legten, habe etwa die Hälfte der Langener Juden dank Flucht die NS-Herrschaft überlebt.

Langen: Annonce führte zu massiven Ausschreitungen

Wie jüdische Geschäftsleute, aber auch deren „Sympathisanten“ drangsaliert wurden, spiegelt eine Annonce im Langener Wochenblatt vom 26. Juli 1935 wider. Darin verabschiedete sich die Familie Kahn – nicht die des FC-Gründers Bernhard, sondern die des bekannten Textilhändlers und Warenhaus-Inhabers Moritz Kahn – wie folgt von Freunden, Bekannten und Kunden:

„Bei unserem Wegzuge von hier rufen wir allen lieben Freunden und Bekannten sowie unseren verehrlichen früheren Kunden herzliches Lebewohl zu, gleichzeitig mit dem Wunsche für eine glückliche Zukunft.“

Diese Annonce führte zu massiven Ausschreitungen gegen den Verleger beziehungsweise dessen Wohn- und Verlagshaus in der Frankfurter Straße 11; unter anderem wurden Scheiben und das Firmenschild zertrümmert. Im Sommer 1935 folgten Kahn und seine Frau Bella Paula dem bereits 1933 emigrierten Sohn Berthold nach Palästina.

Vergessene Nachbarn heißt der stadtgeschichtliche Band aus der Feder von Gerda Werner (links), Herbert Walter und Gabriele Klein, der jüdische Familienhistorie von Beginn des 18. Jahrhunderts bis 1938 festhält.

Etliche Geschichten dieser Art machen betroffen und öffnen Augen – „auch und gerade, weil so mancher heute noch lieber weggucken würde, was im Übrigen Nachkriegs-Geschichtsschreibung à la Betzendörfers ,Geschichte der Stadt Langen‘ unfassbar verdrängend vorexerziert hat“, nimmt Walter kein Blatt vor den Mund.

Als Quellen dienten dem Trio die Aufzeichnungen des Stadtarchivs, der Landes- und Staatsarchive, exotischere Materialien wie Schiffslisten oder US-Volkszählungsakten und vor allem die von Gerda Werner gesammelten historischen Ausgaben des Langener Wochenblatts. Gabi Klein nutzte zur Recherche auch ausgiebig das Internet, speziell die englischsprachige Genealogie-Plattform Ancestry. Obendrein machte sie die Erfahrung, dass Informationsfluss keine Einbahnstraße ist: „Ich habe mehr als einmal mit Nachfahren gesprochen, die ungemein interessiert und froh waren, wenn ich ihnen etwas über ihre Familien erzählen konnte.“

VON HOLGER BORCHARD

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