Corona hat starke Auswirkungen

Langener Tafel: Auch in der Krise für die Menschen da

Die Lebensmittelausgabe der Langener Tafel.
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Eine große Auswahl an Lebensmitteln kann die derzeit wachsende Kundschaft jede Woche bei der Langener Tafel abholen. Die Scham ist bei vielen groß – auch unsere Gesprächspartner wollten lieber anonym bleiben.

Corona trifft gerade jene hart, die schon vorher nicht viel hatten. Die Langener Tafel verzeichnet gerade starken Zulauf. Ihre Stammkunden sorgen sich – und viele, die lange nicht mehr da waren, holen sich wieder Lebensmittel. Tafelkunden, die lieber anonym bleiben möchten, haben uns ihre Geschichten erzählt.

Langen – Vor dem Eingang der Langener Tafel bildet sich schon eine kleine Warteschlange. „Halten Sie bitte Abstand und tragen Sie ihre Maske“, rufen Tafel-Mitarbeiter den Wartenden im Akkord zu. Nur vier Personen dürfen gleichzeitig in den Verteilraum, in dem sich kistenweise gerettetes Obst und Gemüse stapelt, an der Kühltheke gibt es Joghurt oder Käse. Eine 63-jährige Langenerin hat ihren Trolley schon gefüllt und ist sichtbar froh, wieder versorgt zu sein. Wie lange sie schon zur Tafel kommt, weiß die Frau gar nicht mehr genau. 15 Jahre mindestens. „Wenn es die Tafel nicht gäbe, wäre das ganz schlecht. Ich wüsste nicht, was ich täte“, sagt sie mit nachdenklichem Lächeln.

Sie war schon dabei, als die Tafel noch im Pfarrsaal von Sankt Albertus Magnus beheimatet war. „Ich bin quasi immer mit umgezogen“, sagt die Frau. Ihr hatte damals jemand von der Stadt geraten, zur Tafel zu gehen, erzählt die Langenerin, die sich erinnert, dass sie ziemlich nervös vor dem ersten Besuch war. „Und dann habe ich da all die Lebensmittel gesehen, die man mitnehmen kann“, sagt sie mit Tränen in den Augen.

Während des Lockdowns, als auch die Tafel zu war, war es schwer. „Aber dann hatten wir Gutscheine im Briefkasten“, erzählt die 63-Jährige, die nur eine kleine Rente bezieht. Mit Gutscheinen unterstützte die Tafel ihre Kunden während der Schließung. 50 Euro, von denen man einkaufen gehen konnte. „Da dachte ich nur, wow, das ist gut.“ Heute gibt es sogar Sportschuhe eines namhaften Herstellers, die das Unternehmen an den Tafel-Dachverband gespendet hat – und die dieser weiterverteilt. Das geschenkte Paar Schuhe ist die Kirsche auf der Torte. Früher hat sie auch selbst bei der Ausgabe mitgeholfen. „Das hat großen Spaß gemacht.“ Und über die Jahre habe sie sogar Freunde gewonnen. Auch wenn die Gründe nicht erfreulich sind: „Ich komme gern hierher“, sagt die Frau.

Die gut 70 ehrenamtlichen Helfer holen die geretteten Waren wiederum von Supermärkten und Händlern ab.

So lange wie sie sind die wenigsten dabei, aber Corona hat starke Auswirkungen auf den Kundenstamm der Langener Tafel. „Langjährige Tafelkunden kommen jetzt wieder, weil sie Unterstützung brauchen“, weiß Katja Bernhard vom Vorstand. „Und wir haben viele Neuanmeldungen.“ Die Langener Tafel versorge seit Beginn der Pandemie bis zu 25 Prozent mehr Menschen, schätzt Bernhard. Zuvor waren es größtenteils Rentner, Hartz-IV-Empfänger und Asylbewerber. Jetzt ist es durchmischter: Es kommen auch Menschen, die einen ganz guten Job hatten, aber nun arbeitslos oder in Kurzarbeit sind und nicht über die Runden kommen. Wenn ohnehin wenig Geld da ist, bleibt nach Abzug der Fixkosten nicht mehr viel übrig. Dann hilft die Tafel, die ihre Kunden gegen einen Obolus mit Lebensmitteln versorgt. Natürlich müssten Tafelkunden Nachweise vorlegen, die Bedürftigkeit werde eingangs geprüft. „Aber wir schicken hier keinen weg“, sagt Bernhard.

Seit etwa einem Jahr kommt ein 50-Jähriger, der mit seiner Familie in Dreieich lebt, zur Tafel. „Mein Freund hat gesagt, die Tafel hätte ihm gut geholfen“, erzählt der Mann. „Die Leute hier sind sehr nett und freundlich“, sagt der Vater von fünf Kindern. Geduldig und höflich hätten die Tafelmitarbeiter ihm erklärt, wie das Prinzip funktioniere, welche Papiere nötig seien. „Es gibt so viele Sachen, Obst und Gemüse, auch Schulsachen für meine Kinder“, sagt der Mann, der fünf Sprachen spricht und auch mal für andere Tafelkunden dolmetscht – etwa auf Türkisch, Rumänisch oder in arabischer Sprache. Er fühle sich gut aufgehoben bei der Langener Tafel, die Gutscheine hätten der Familie sehr geholfen. „Damit konnten wir in den Supermarkt gehen. Was wollen wir mehr?“, sagt er dankbar.

Drei große Zelte gegen Nässe und Kälte

Die Langener Tafel wurde 2003 vom Kinderarzt Dr. Julius Pietsch und seiner Frau Friedelgaard gegründet. Seit Mai 2017 ist sie in der Carl-Schurz-Straße im Neurott beheimatet. An vier Ausgabetagen die Woche versorgt die Tafel Menschen aus Langen, Dreieich, Egelsbach und Erzhausen mit Lebensmitteln. Dafür ist eine Anmeldung erforderlich, die Tafel erhebt einen geringen symbolischen Beitrag. Zur Kernidee gehört, dass die Lebensmittel gerettet sind. Sie werden von Super- und Großmärkten, Einzelhändlern und Bäckereien gespendet. 70 aktive Helfer zwischen 25 und 84 Jahren holen die Lebensmittel ab, sortieren und verteilen sie.

Seit Anfang Mai ist die Lebensmittelausgabe nach kurzzeitiger Schließung wieder geöffnet. Danach gab man nicht – wie viele andere Tafeln – vorgepackte Tüten aus, sondern stemmte für die Kunden die gewohnte Ausgabe unter Hygiene- und Abstandsauflagen. Die kalte Jahreszeit stellt den Trägerverein vor Herausforderungen. Da das Warten drinnen zu gefährlich wäre, baut die Tafel nun bei Schlechtwetter drei große Zelte vor ihren Räumen auf, in denen die Menschen warten können. Drinnen werden Fenster und Türen zum Lüften aufgelassen. Der Verein hat aber auch ein neues Klimagerät angeschafft, das Frischluft einschleust. (jrd)

Ruck, zuck sei die Anmeldung gegangen, sagt eine 34-Jährige aus Langen, die seit Dezember zur Tafel kommt. „Wir hatten das vorher gar nicht mitbekommen, dass es die Tafel hier gibt, bevor wir daran vorbeigefahren sind. Dann haben wir im internet nachgeschaut“, erzählt die Mutter von fünf Kindern. Dabei hätte sie vorher nicht gedacht, dass sie mal auf die Tafel angewiesen sein würde: Ihr Mann habe sich selbstständig gemacht, um das Geschäft des Vaters weiterzuführen. Doch dann kamen die Schulden – und er rutschte in die Arbeitslosigkeit. Die Familie lebt nun von Arbeitslosengeld und Kindergeld – knapp 2500 Euro habe sie pro Monat zur Verfügung, sagt die Mutter. Da sei die Tafel eine große Hilfe.

Ansonsten, sagt die Langenerin, hätte die Familie wohl zwischendurch Habseligkeiten, etwa ein Handy verkaufen müssen, um über die Runden zu kommen. Solche Kundenschicksale bekommt das Tafel-Team durch die Krise immer häufiger mit, bestätigt Katja Bernhard. „Bei vielen herrschen aber Angst und Scham vor, bevor sie zu uns kommen“, sagt sie. Im Fall der Frau lief der erste Kontakt übers Telefon, so konnte sie die Lage ihrer Familie schildern. „Seitdem wir hier sind, geht es uns besser“, betont sie. Nicht nur, weil sich die Familie gesünder ernährt – denn die Kinder essen mehr Obst und Gemüse, vorher gab es eben häufig Nudeln mit Tomatensoße. Sondern, weil sich die Familie aufgehoben fühlt – gerade in diesen turbulenten Zeiten der Pandemie. Für jedes Problem bemühe sich das engagierte Tafel-Team, eine Lösung zu finden. Dass die Kinder zur Ausgabe mitkommen, ist kein Thema, und während der Schließung schauten Mitarbeiter sogar zu Hause vorbei. „Wir haben hier sehr viel Unterstützung erfahren“, sagt die Frau. (Von Julia Radgen)

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