Intimer Moment

Taufe im Waldsee: Zeremonie vor fast 1000 Zuschauern - In der Natur dem Schöpfer nahe

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Pfarrerin Christiane Musch tauft die einjährige Elin Vieweber, deren drei Brüder die Zeremonie vor vier beziehungsweise acht Jahren mitgemacht haben.

Sich Taufen lassen „wie einst Jesus am Jordan“: Das ging am Sonntag im Rahmen des Taufgottesdiensts des Evangelischen Dekanats Dreieich nun zum dritten Mal.

Langen –  Trotz nass-kalter Witterung sind 45 Täuflinge und deren Familien der Einladung zur Taufe unter freiem Himmel gefolgt, die sechs Pfarrerinnen und Pfarrer aus Langen, Egelsbach und Neu-Isenburg vornahmen. Die Zeremonie am Langener Waldsee verfolgten annähernd 1 000 Besucher.

„Wasser von oben, Wasser von unten – das ist praktisch egal“, leitet Dekan Reinhard Zincke scherzend den Gottesdienst im voll besetzten Festzelt ein. An der Seite von Präses Frauke Grundmann-Kleiner stellt der Dekan die Predigt unter das Motto „Gott nimmt mich so, wie ich bin“; die Liturgie schildert die Geschichte der Taufe Jesu am Fluss Jordan. Es wird viel gesungen und der Regen, der auf das Zeltdach prasselt, trägt zusammen mit Arrangements aus Saxofon und Klavier nur zur feierlichen Stimmung bei.

Nach diesem Auftakt ziehen die Familien ans Seeufer, wo die Geistlichen an farbigen Stationen die Taufhandlungen vollziehen. Sie taufen zum einen auf traditionelle Weise mit einer Taufschale am See, die Mehrzahl der Täuflinge hat sich freilich trotz der eher niedrigen Temperaturen für das Eintauchen im Wasser entschieden.

Langen: Menschen fühlen sich angesprochen

„Viele Menschen, die sich zuvor nicht zur Taufe entschließen konnten oder die nicht gern alleine vorne in einer Kirche stehen, fühlen sich durch so eine Aktion angesprochen“, kommentiert Frauke Grundmann-Kleiner. Die weniger starr-formale Zeremonie spricht auch Familie Vieweber aus Dreieich an. Nachdem Davin (9) und Kian (11) bereits 2011 und Lion (5) 2015 von Pfarrerin Christiane Musch auf diese Weise im Waldsee getauft worden sind, wohnen alle drei der Taufe des jüngsten Familienmitglieds Elin (1) bei und sagen gemeinsam deren Taufspruch auf. Obwohl der Papa Atheist sei, habe er kein Problem damit, dass die Kinder getauft werden – „trotzdem ist es schöner, wenn der ganze Ablauf etwas aufgebrochen wird“, sagt Mutter Tina Vieweber. „Uns war es wichtig, für die Kinder etwas Besonderes zu schaffen, an das sie sich immer wieder gerne erinnern.“

Ein gewisser Spaßfaktor liegt auch den Pfarrern nicht fern. „Heute durfte ich viele kleine und große Kinder untertauchen“, freut sich Martin Diehl aus Egelsbach. Dominik Grande (11) befördert seinen Vater nach der Taufe kurzerhand ebenfalls in den 22 Grad kühlen See.

Langen: Alte Taufpraktiken neu entdeckt

Niklas Würtz aus Götzenhain schätzt besonders die Verbindung zur alten Taufpraktik am Jordan. „Ich fand die Idee schön, auf diese traditionelle Weise getauft werden.“ Der 13-Jährige steht in Jogginghose und T-Shirt am improvisierten Altar. Was in einer Kirche zu Irritation führen würde, ist für das Seebad bei 14 Grad Lufttemperatur die geeignete Kleiderwahl.

So modern die Zeremonie dem Ort geschuldet auch ausfällt – eine neue Idee ist die Taufe in Gewässern nicht. Für die Evangelische Kirche sei es im Übrigen egal, wo und mit welchem Wasser die Taufe vollzogen werde, verrät Pfarrer Steffen Held. „Entscheidend ist nur, dass Wasser im Spiel ist und das Wort der Bibel gesprochen wird.“ Ohnehin bleibt der Taufakt dank der limitierten Zahl der Anwärter ein separierter, intimer Moment, für den die Pfarrer sich alle gebotene Zeit nehmen.

Voll besetzt ist das Zelt beim Gottesdienst, der das Tauffest einläutet.

Auch in den eigenen Reihen sei anfangs nicht jeder von der Idee begeistert gewesen, räumt die Dekanats-Präses ein. Das Blatt habe sich jedoch mit der ersten gelungenen Tauffeier 2011 im Sinne des neu-alten Pfads gewendet. „Das war mir erst zu amerikanisch“, bekennt Martin Diehl. Am Sonntag taufte er mit sichtlicher Begeisterung nicht nur die älteste Anwärterin – eine 60-Jährige aus Egelsbach –, sondern auch eine Gruppe von Jugendlichen, die nächstes Jahr konfirmiert wird, sowie die jüngste Tochter von Nadine Havran, die sich beim Tauffest 2015 taufen ließ. „Viele Menschen fühlen sich in Gottes freier Natur ihrem Schöpfer besonders nah“, sagt Diehl. Havran ergänzt: „Hier herrscht eine ganz andere Atmosphäre. Für uns als große Familie mit drei Kindern passt das einfach.“

Auch Pfarrer Held ist überzeugt – trotz aller Unwägbarkeiten der Witterung: „Wir sind hier in der freien Natur und damit ihren Launen ausgesetzt. Das passt ja irgendwie zur Taufe – und zum Leben“, findet er. „Und wann steht man als Pfarrer schon barfuß im Talar am Strand?“

Aller Begeisterung zum Trotz: Die Zeitspanne zwischen den Tauffesten verringern möchte niemand im Dekanat. „Es soll etwas Besonderes bleiben, darin sind wir uns alle einig“, betont Grundmann-Kleiner. „Außerdem ist es eine Heidenarbeit, das auf die Beine zu stellen.“ Die Atmosphäre entschädigt dafür umso mehr; im Anschluss wird bei Speis und Trank gefeiert. Und: Pünktlich zur Verlagerung der Feierlichkeiten ins Freie macht diesmal sogar der Regen Pause.

VON PAUL DIELER

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