Baugenossenschaft

Vorfreude, aber auch Angst: Pläne fürs Nordend nicht unumstritten

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Interessiert: Die Mieter schauen sich die aushängenden Grundrisse der geplanten Neubauten der Baugenossenschaft Langen im Infozelt in der Sofienstraße an.

Für die Mieter der Baugenossenschaft in der Sofienstraße kam die Ankündigung sehr überraschend: Mit einem Brief wurde ihnen die Nachricht der Wohnungskündigung zum 31. Dezember 2019 übermittelt.

Langen – Gut die Hälfte der etwas mehr als 70 Mieter muss also schon in einem halben Jahr ausziehen, die anderen haben bis zum 31. Dezember 2020 eineinhalb Jahre Frist bis zum Umzug in eine andere – von der Genossenschaft angebotene – Wohnung. Plan der Baugenossenschaft: Neun Blocks sollen durch Neubauten mit „bezahlbarem Wohnraum“ ersetzt werden (unsere Zeitung berichtete).

Vorstandsvorsitzender Wolf-Bodo Friers geht transparent mit seinen Plänen um, und hat für die Mieter zwischen den sichtlich in die Jahre gekommen Wohnblocks ein großes Zelt für eine Informationsveranstaltung gestellt. Die Sitzgarnituren vor Friers, seinem Vorstandskollegen Stephan Langner und dem Darmstädter Architekten Helmut Dörfer sind dann auch eng besetzt. Rund 80 Mieter und Mitglieder lassen sich die Pläne zu den Neubauten erklären. In den kommenden zwei Jahren sollen rund 160 neue Wohnungen entstehen.

Die Menschen in der Inforunde sind erstaunlich ruhig und sachlich und nutzen gerne die Chance, Fragen zu stellen. Es sind ganz pragmatische Anliegen: Wo wird die Ausfahrt für die Tiefgarage für die 100 Stellplätze sein? In der Annastraße. Ist auch, anders als auf den im Zelt aushängenden Grundrissen, eine geschlossene Küche möglich? Ja, die Architekten sind noch für die individuellen Anregungen offen. Und wird der Neubau in der Sofienstraße wegen der Neubaupläne der Genossenschaft am Steinberg unter Zeitverzögerungen leiden? Nein, Abriss und Neubau im Langener Nordend haben Priorität.

Helmut Dörfer betont wiederholt, dass die Planungen für die Gestaltung der Wohnungen noch flexibel seien – was die Struktur und auch die Größe betrifft. „Wir können Sie nur dazu auffordern, möglichst früh das Gespräch mit uns zu suchen“, sagt Friers. Wenn deutlich werde, dass vermehrt Zwei-Zimmer-Wohnungen benötigt werden, sei das möglich. Auch große Wohnungen können noch in die Neubauten integriert werden.

Deutlich wird aber auch, dass die Baugenossenschaft ein großes Interesse daran hat, möglichst schnell die Abriss- und Neubaupläne umzusetzen. Wolf-Bodo Friers erläutert im Infozelt die Zeitschiene: Bis Ende September soll der Bauantrag stehen, Ende des Jahres rechnet er mit einer Baugenehmigung und dann können auch schon die Abrissarbeiten beginnen. Das hat eine durchaus kritische Anmerkung zur Folge. Ein Anwohner fühlt sich „überfahren“ von der Geschwindigkeit des Projekts und will wissen, seit wann diese Pläne in der Schublade liegen. Friers erklärt, dass er aufgrund der explodierenden Baukosten und der mangelnden Wirtschaftlichkeit einer Sanierung erst seit Beginn des Jahres über den Neubau nachdenke.

Für die Bewohner gibt es jetzt drei Möglichkeiten, mit der Kündigung umzugehen: Ziehen sie vor dem 30. September 2019 aus den Wohnungen aus und wollen keine der neuen Wohnungen beziehen, bekommen sie eine Abfindung von 15 000 Euro von der Baugenossenschaft. Entscheiden sich die Mieter dafür, eine Übergangswohnung der Baugenossenschaft zu nehmen und dann in eine neu gebaute Wohnung zurückzukehren, bezahlen sie in der Übergangszeit die gleiche Miete wie bisher. Für die Wohnung im Neubau wird dann ein Preis von acht Euro für den Quadratmeter fällig – derzeit sind sieben Euro der Durchschnitt. Neumieter zahlen einen höheren Preis. Menschen, die eine andere Wohnung der Baugenossenschaft auswählen und dann darin wohnen bleiben, bekommen 5 000 Euro Abfindung.

Die Reaktionen nach der Inforunde sind gespalten: Elisabeth Tietze freut sich auf eine neue Wohnung. „Wenn alles so läuft, wie gesagt, ist das eine schöne Sache.“ Auch Tamara Tschunt ist gefasst: „Anders wäre es, wenn ich nach der Kündigung auf der Straße sitzen würde. Vermutlich wird es langfristig etwas teurer, aber wir haben dann künftig einen Balkon“, ist die junge Frau zufrieden. Bärbel Breisch ist sehr betroffen, sie fürchtet die Kosten eines zweifachen Umzugs. „Eine neue Wohnung bedeutet außerdem, dass meine Küche nicht hineinpasst. Ich wohne erst seit zwei Jahren hier – ich habe nach der Nachricht im Briefkasten einen halben Nervenzusammenbruch gehabt“, erhofft sie sich Unterstützung von der Baugenossenschaft. Sie möchte das Langener Nordend keinesfalls verlassen.

VON NICOLE JOST

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