Bergpredigt mit Atemmaske

Wiederaufnahme der Gottesdienste mit Reglementierungen

+
Auf den ersten Blick sieht es gar nicht so leer aus: Da die Besucher des Gottesdienstes in der Stadtkirche entweder ganz innen oder ganz außen in den Bänken sitzen müssen, fällt von außen nicht auf, dass es nur ein gutes Dutzend Besucher sind, die Pfarrer Christian Mulia gestern begrüßen kann.

In Langen wird wieder Gottesdienst gefeiert. Allerdings nur unter Auflagen.

Langen – Eine volle Stadtkirche, gut gelaunte Gläubige, freudig erregte Jugendliche – so wäre es normalerweise gestern gewesen: Pfarrer Christian Mulia hätte junge Christen aus der Evangelischen Kirchengemeinde Langen konfirmiert – in einem festlichen und stimmungsvollen Gottesdienst.

Stattdessen: Ein gutes Dutzend Gläubige sitzt quer durch den Innenraum verteilt auf den Kirchenbänken; jede zweite ist nummeriert, nur dort ist es erlaubt. Alle tragen Mund-Nasen-Schutz und halten Sicherheitsabstand. Nur in einer Reihe sitzen eine Frau und ein Mann eng nebeneinander – ein Ehepaar. Ansonsten sind es Einzelpersonen, die sich angemeldet haben, um am Sonntag Rogate dabei zu sein, wenn das erste Mal nach acht Wochen wieder ein Gottesdienst im „Dom der Dreieich“ gefeiert wird.

Unter strengen Sicherheitsmaßnahmen hat die Evangelische Kirchengemeinde in ihren vier Langener Gotteshäusern gestern erstmals wieder Gläubige empfangen; in den vergangenen Wochen waren dort allenfalls Gottesdienste auf Video aufgezeichnet worden. Pfarrer Steffen Held (Petrusbezirk) findet: „Das ist alles schon sehr schräg.“

Die Regeln sind klar definiert: Eine vorherige Reservierung (jeweils bis Freitag, 12 Uhr, unter z 22820) wird dringend empfohlen, da die Zahl der Sitzplätze begrenzt ist. Alle müssen einen Mund-Nasen-Schutz tragen. Auch die Pfarrer, wenn sie durch den Gang laufen. Nur wenn sie dann am Altar stehen, dürfen sie ihn abnehmen. Voraussetzung: vier Meter Abstand zur ersten Sitzreihe. Die Organisten dürfen ohne spielen.

Der Abstand zwischen den Besuchern muss mindestens 1,50 Meter betragen. „Wir haben auch wie im Kino sogenannte Love-Seats, also Plätze, wo Familienangehörige zusammensitzen können“, sagt Held. Somit richtet sich die Kapazität der Kirchen auch danach, ob die Besucher alleine oder als Familie kommen. In der Stadtkirche und der Martin-Luther-Kirche sind zwischen 40 und 60 Gläubige erlaubt, im Petrus-Gemeindehaus zwischen 30 und 40 und in der Johanneskirche zwischen 11 und 19.

Christen mit Sicherheitsabstand: Nur auf jeder zweiten Bank darf gesessen werden. So fühlt man sich im Gotteshaus ziemlich allein.

In der Stadtkirche könnten also deutlich mehr als die knapp 15 Protestanten, die Pfarrer Mulia nach dem Geläut um 10 Uhr begrüßt, Platz finden. Im Mittelpunkt des Gottesdienstes steht die Bergpredigt – die kurzfristig ausgefallene Pfarrerin Dorothea Gauland, deren Text Mulia verliest, hatte den Teil des Matthäus-Evangeliums, der unter anderem das „Vaterunser“ beinhaltet, auch mit den aktuellen Ereignissen in Verbindung gebracht. Im Fürbittegebet richtet Mulia seinen Blick auf die Patienten, die derzeit in Kliniken liegen, und ihre Angehörigen, auf Ärzte und alle anderen, die sich aktuell in ihren Berufen extremen Anforderungen gegenüber sehen, auf Forscher, die am Impfstoff arbeiten, sowie auf alle, die nun in Existenznot geraten sind. Aber ebenso dürften die Flüchtlinge, die Kinder im Grenzgebiet zwischen der Türkei und der EU sowie alle, die noch in Kriegsgebieten ausharren müssten, nicht vergessen werden. Es gibt eben auch noch andere Probleme als COVID-19.

Und dennoch ist das Thema allgegenwärtig. Im verkürzten Gottesdienst wird nicht gesungen (weil dadurch unter Umständen die Luft beim Ausatmen weiter verbreitet wird), es erklingt einzig die Orgelmusik von Kantorin Elvira Schwarz. Die Sammelbehältnisse für die Kollekte werden nicht von Gemeindemitgliedern am Ausgang bereitgehalten, stattdessen wurde ein Korb aufgestellt. Und Mulia verabschiedet die Gläubigen nicht wie sonst am Ausgang. Dafür bittet er per Telefon oder E-Mail um Rückmeldung, denn: „Wir gehen davon aus, dass sich diese Form des Gottesdienstes in den nächsten Wochen fortsetzt.“

„Es war etwas ungewohnt, aber den aktuellen Verhältnissen entsprechend“, meint Annemarie Schmidt hinterher. Dass nicht gemeinsam gesungen werden dürfe, sei schade, trotzdem könne man mit dieser veränderten Form eine Zeit lang leben.

„Ich hatte nicht das Gefühl, dass das eine Gemeinschaft ist, wenn man so getrennt ist“, beschreibt Martina Benkert ihre Wahrnehmung. „Und den Gesang habe ich schon ziemlich vermisst.“

Ähnlich empfindet es Martina Hoffmann-Becker: „Ohne gemeinsames Singen und Beten fehlt schon viel vom Gemeinschaftsgefühl.“ Ob Atemschutzmasken angesichts der Abstände, die eingehalten werden müssen, beim bloßen Zuhören wirklich sein müssen, könne aber durchaus hinterfragt werden: „Es erschließt sich mir nicht ganz, warum man uns Bürgern in der Kirche nicht genauso viel Mündigkeit zutraut wie den Menschen draußen auf der Straße oder im Biergarten.“

Aber es sei immerhin ein Anfang und „eine Alternative zu ,kein Gottesdienst‘“. Die Hoffnung des ehrenamtlich stark engagierten Gemeindemitglieds: „Vielleicht lernen die Menschen später, ,normale‘ Gottesdienste wieder mehr zu schätzen.“

VON MARKUS SCHAIBLE

Auch das Mehrgenerationenhaus ZenJA in Langen darf nach längerer Pause wieder öffnen. Vieles findet trotzdem noch nicht statt - und einiges nur online.

DAS KÖNNTE SIE AUCH INTERESSIEREN

Kommentare