Familiärer TVL gab den Ausschlag

Langener Themenabend: Jochen Kühl erzählt von Flucht aus der DDR und dem Ankommen

+
Für die Basketball-Fans des TV Langen ist Jochen Kühl ein bekanntes Gesicht. Schon in den 1970er Jahren war er als Trainer, Abteilungsleiter und Manager in Personalunion maßgeblich für den Erfolg der Abteilung mitverantwortlich.

Für die Basketball-Fans des TV Langen ist Jochen Kühl ein bekanntes Gesicht. Schon in den 1970er Jahren war er als Trainer, Abteilungsleiter und Manager in Personalunion maßgeblich für den Erfolg der Abteilung mitverantwortlich.

Langen –  Seinen sportlich größten Erfolg als Trainer der Jugendmannschaft des TVL konnte er 1977 feiern, als er im Finale gegen den ASC Göttingen völlig überraschend die Juniorenmeisterschaft gewann.

In der Reihe der „Langener Themenabende“ stellt Kühl den Zuhörern im Gemeinschaftsraum des Ginkgo-Hauses 2 unbekanntere Aspekte seines Lebenswegs vor. Er wurde am 5. März 1943 in Magdeburg geboren und erlebte den Bombenangriff am 16. Januar 1945, bei dem seine Familie wie 180 000 weitere Bürger ihr Zuhause verlor, als kleines Kind mit. „Es war nicht steuerbar, ob wir überlebten oder nicht“, erzählt er. Nachdem der Krieg vorbei war, wurde er von seinen Eltern zu seiner Tante nach Annaberg im Erzgebirge geschickt. Sein Vater, der in den 1940er Jahren als Bezirksdirektor in Magdeburg arbeitete, blieb vorerst in der vom Krieg zerstörten Stadt, bis er aus beruflichen Gründen mit seiner Familie nach Erfurt ging. Da sein Vater „keine Bereitschaft“ zeigte, in die SED einzutreten, bedeutete das den beruflichen Abstieg.

Das Leben unter dem SED-Regime war für Kühl nicht nur von schlechten Erfahrungen geprägt. „Wir hatten – trotz Sozialismus – eine schöne Zeit“, sagt er. Dennoch wollte er nicht in der DDR bleiben. „Der Lebensstil im Westen war besser“, wusste er. Das wurde ihm auch bei einem Freundschaftsspiel des BSC Lokomotive Erfurt in der Pfalz bewusst. Danach war Kühl „fest entschlossen, in den Westen abzuhauen.“ 1960, im Alter von 17 Jahren, trampte er von Erfurt nach Babelsberg. Für Kühl war diese Art zu reisen nicht ungewohnt: „Das Trampen war eine wunderbare Gelegenheit, die DDR kennenzulernen.“

Mit der S-Bahn ging es von Babelsberg nach West-Berlin. Die S-Bahn, die eigentlich in Ost-Berlin ihre Endstation hatte, hielt auch im Westen der Stadt: für Kühl die Gelegenheit, um in den Westen zu flüchten. Er musste bei seinem Vorhaben sehr genau auch die Menge seines Reisegepäcks achten, denn „die mit den großen Koffern wurden rausgezogen“, erinnert er sich.

Nachdem er bei seinen Verwandten in Braunschweig unterkam, begann er Anfang der 1960er Jahre ein Jurastudium in Göttingen und Freiburg. In der badischen Stadt im Schwarzwald lernte er 1964 seine heutige Frau kennen, die wie er bei einem Winzer arbeitete. Nach Abschluss seines Studiums und einiger Zeit als Mitglied im „Verein für Resozialisierungshilfe“ kamen Jochen Kühl und seine Frau Anne 1972 des Jobs wegen nach Frankfurt – und suchten eine Wohnung in der Nähe. Dass die Wahl auf Langen fiel, hatte auch mit dem TVL zu tun. „In Langen war es ein sehr familiärer Verein“, schildert Kühl seine ersten Begegnungen in der Stadt. Maßgeblich verantwortlich für sein späteres Engagement im Verein war Gisela Jahn. „Sie hat mich nach Langen geholt“, betont Kühl.

Seit dieser Zeit ist er im Verein aktiv. Sein größter Erfolg als Trainer war der Aufstieg in die zweite Jugend-Bundesliga. Und auch wenn die Mannschaft das entscheidende Spiel um den Aufstieg in die erste Bundesliga verlor, blickt Kühl mit Stolz auf diesen Tag zurück. Er trainierte jedoch nicht nur den TVL, er gründete auch das „Basketball-Teilzeit-Internat“, in dem die Spieler an ihren individuellen Fähigkeiten feilen können. So gelang es dem TVL, im Laufe der Jahre einige Jugendnationalspieler auszubilden – bei den Frauen wie den Herren. Ein weiteres Highlight war für Kühl das Treffen mit der deutschen Nationalmannschaft bei der Weltmeisterschaft in Tokio 2006, unter anderem lernten er und die Jugendlichen dort Dirk Nowitzki kennen.

Doch nicht nur das Sportliche hat Jochen Kühl in seiner Zeit beim TVL begeistert. Er habe viele Freunde gefunden und durch seine Tätigkeit als Trainer und Abteilungsleiter des TVL die „Führung von Gruppen und Kommunikation gelernt.“ Heute ist Kühl ehrenamtlicher Stadtverordneter in Langen. Um dieses Amt gewissenhaft auszuüben, helfen ihm seine Erfahrungen weiter. Dem Sport sind er und seine Frau Anne immer verbunden geblieben. „Sport ist ein Teil unseres gemeinsamen Lebens.“

VON JOSHUA BÄR

DAS KÖNNTE SIE AUCH INTERESSIEREN

Kommentare