Langener schreibt Kinderbuch einer lispelnder Stoffmaus

Liebenswerter Angeber mit Sprachfehler

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Das Vorbild für den Buchprotagonisten Fidel: Diese kleine Kuschelmaus trägt Alex Reinert schon seit 15 Jahren mit sich herum.

Langen - Er war beim englischen Postraub dabei, hat Moby Dick getroffen und ganz allein Krokodile gefangen – Kuscheltier Fidel kam schon viel herum. Der Mäuserich ist der Protagonist im ersten Kinderbuch des Langeners Alex Reinert. Von Julia Radgen

Das wartet mit einer Besonderheit für Leser und Vorleser auf. Woher die Kuschelmaus stammt, kann Alex Reinert gar nicht mehr so genau sagen. Irgendwann war er halt da, der Fidel. Fast vergessen lag er in der Spielzeugkiste, die immer hervorgeholt wird, wenn Besuch da ist. Aus diesem tristen Dasein hat ihn Reinert befreit und die kleine Stoffmaus seit gut 15 Jahren fast überall dabei. Ob Amerika, Italien oder der Odenwald – das Stofftier ist schon auf Motorradtouren mitgereist und war sogar beim Besuch in der Gedenkstätte Auschwitz in der Jackentasche des 48-Jährigen.

„Auch immer, wenn es mir schlecht ging, habe ich den Fidel gegriffen“, erzählt Reinert. Zusammen mit seiner Frau hat er über die Jahre spaßeshalber einen Charakter für den kuschligen Begleiter entwickelt. Neben dem Namen – „der ist einfach ein Fidel“ – trat dabei der Sprachfehler der kleinen Maus zutage: Fidel lispelt nämlich. Beim Nachrichtengucken entstand dann die aberwitzige Idee, dass der Mäuserich bei wichtigen Ereignissen auf der ganzen Welt stets seine Pfoten im Spiel hatte.

Die Ideen haben Alex Reinert zu seinem ersten Kinderbuch inspiriert. „Vor vier Jahren habe ich dann einfach mal zu tippen angefangen“, sagt der Vater zweier erwachsener Kinder, der seit 2016 in Langen wohnt, aber bereits seit fast 20 Jahren bei der hiesigen Flugsicherung arbeitet. Dann dichtete Reinert, der aus dem rheinland-pfälzischen Idar-Oberstein stammt, den Jungen Paul dazu, in dessen Kapuze Fidel zufällig hüpft. „Nach einem Monat stand die Geschichte“, erzählt Reinert, der sich zum Schreiben am liebsten immer für ein paar Tage zurückzieht. Als er dann 2015 die Illustratorin Bärbel Busch kennenlernte, hat diese den Mäuserich noch optisch geformt und in den haarsträubenden und geschichtsträchtigen Momenten verewigt.

Denn der kleine Fidel will an so ziemlich jedem großen zeitgeschichtlichen Ereignis beteiligt gewesen sein – und ist zudem (natürlich unerwähnter) Teil der Romanhandlung einiger Literaturklassiker. Seinem menschlichen Freund erzählt der angeberische, aber liebenswerte Mäuserich mit Sprachfehler fortan in Käpt’n-Blaubär-Manier von seinen Abenteuern, die für Paul nur schwer zu glauben sind. Großspurig behauptet Fidel unter anderem, dass er eine tragende Rolle beim legendären englischen Postraub von 1963 gespielt hat. Auch, wie Fidel als Teil der Schiffsbesatzung mit dem wohl berühmtesten Wal der Literaturgeschichte – Moby Dick aus Herman Melvilles Romanklassiker – Bekanntschaft machte, erzählt er.

Nicht zuletzt will der abenteuerlustige Mäuserich „Gesäfdsführa“ bei einer Krokodilfangfirma gewesen sein – ja, richtig gelesen. Denn Reinert schreibt die Lispelsprache genau so auf, wie sie klingt. Diese Besonderheit des Buches ist für Leser mitunter anstrengend. Manche der gut 30 Verlage, bei denen Reinert sein Manuskript eingereicht hat, lehnten das Buch deshalb ab. Schließlich kamen aber Zusagen und der Autor entschied sich für den kleinen Medu-Verlag im benachbarten Dreieich, der den Erstling herausbrachte.

OP unterwegs auf der Frankfurter Buchmesse 2017

Die Lispelsprache sorgt aber gerade beim Vorlesen für viel Spaß. Das hat Reinert auch bei Lesungen an mehreren Grundschulen in seiner Heimat gemerkt. „Das sorgte bei den Kindern für Lacher – aber auch für Diskussion“, erzählt er. Irgendwann hätten sich die Viertklässler darüber unterhalten, dass das Lispeln ja auch der Normalzustand sein könnte. Denn der selbstbewusste Fidel ist überzeugt, dass die Worte so ausgesprochen werden, wie er es tut. „Ich will kein Moralist sein“, erklärt Reinert. Aber wenn der „Sprachfehler“ der Maus Kindern die Botschaft vermittele, dass Anderssein in Ordnung ist, finde er das klasse. „Ich will mit den Büchern vor allem Kinder für Geschichte und klassische Literatur interessieren“, erklärt der Autor, der Moby Dick zu seinen eigenen Lieblingsbüchern zählt. Die historischen Ereignisse und Vorlagen rollt Reinert dabei kindgerecht auf. Er schmücke natürlich aus, aber halte sich an die Fakten. Auch Erwachsene animiert die Erzählung dazu, Details noch mal nachzuschlagen. So geschehen bei einer Bekannten, die zunächst nicht glaubte, dass einer der Posträuber mit der Band Die Toten Hosen ein Lied aufgenommen hat. „Das Prinzip funktioniert auch bei den Großen“, freut sich Reinert. Die Ideen und die Sprache sind zwar eigenwillig – aber kleine und große Leser, die Spaß an verrückten Geschichten haben und sich auf Fidels Ausdrucksweise einlassen, sind bei der kleinen Maus mit großem Selbstbewusstsein allemal richtig.

Wie die Sprache beim Vorlesen wirkt, können die Langener bald aus erster Hand erleben: Lesungen in der Stadtbücherei sowie im ZenJA sind in Planung. Derweil schreibt Reinert schon an seinem zweiten Buch. Er hat vor, jedes Jahr ein neues über Fidel zu veröffentlichen. Thema des nächstes Bands soll Fidels Rolle während der kubanischen Revolution und in einer Hemingway-Novelle sein. Zudem verrät Reinert schon mal, dass die Maus auch mit der Mondlandung zu tun hatte. „Es ist ja klar, dass er dabei gewesen ist“, sagt Reinert schmunzelnd. Dass ihm so schnell Ideen für neue Bücher ausgehen, bezweifelt er.

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