Vater ermordet, da flüchtete die Familie aus Afghanistan

Immer noch Angst vorm Taliban-Terror

Langen - Sahar Akram lacht. Es ist ein verlegenes Lachen. Für einen kurzen Augenblick ist die so selbstsicher wirkende junge Frau ein kleines bisschen überfordert. Mit der Situation, mit ihren Gefühlen. Sie schüttelt den Kopf. Von Manuel Schubert 

Die Angst bleibt: Auch wenn sich die junge Afghanin in Deutschland in Sicherheit fühlt, möchte sie ihr Gesicht nicht in der Zeitung sehen.  

„Wenn ich das jetzt erzähle, kann ich nicht weiterreden“, sagt die in Langen lebende Afghanin mit leiser Stimme. „Tut mir leid. “ Als Akram, 17 Jahre alt, ihre Geschichte erzählt, sind viele Blicke auf sie gerichtet. Die junge Afghanin besucht eine Flüchtlingsklasse an der Dreieicher Max-Eyth-Schule. Die Anfrage unserer Zeitung, ob einige der Schüler nicht ihre Geschichten erzählen wollen, bringt Lehrer Peter Seib auf eine Idee. Das Interview könne doch Teil des Unterrichts werden, schlägt er vor. Und so kleben die Augen von rund 15 Jugendlichen aus aller Herren Länder an Akrams Lippen, als sie in der Mitte des Raums auf einem grauen Plastikstuhl sitzt und in sehr gutem Deutsch von ihrer Flucht aus Afghanistan berichtet. Man könnte eine Stecknadel fallen hören in diesem großen Klassenraum. Auch Seib sitzt in einer Ecke und lauscht gespannt. Hinterher wird er das Gehörte mit der Klasse im Unterricht analysieren.

Sahar Akram heißt eigentlich gar nicht Sahar Akram. Sie möchte ihren richtigen Namen nicht in der Zeitung lesen, und sie will auch ihr Gesicht dort nicht sehen. Zu groß ist immer noch die Angst, vor allem vor denjenigen, die ihre Familie zur Flucht gezwungen haben. Ihr Vater habe mit Deutschen zusammengearbeitet, erzählt sie schmallippig. Das allein habe gereicht, um den Zorn der Taliban auf sich zu ziehen. „Und dann haben sie ihn ...“, sagt Akram und spricht den Satz nicht zu Ende. Umgebracht, etwa? Akram reißt die Augen auf. Sie nickt. Als die junge Frau an diesem grauen Morgen vom schrecklichen Schicksal ihrer Familie berichtet, liegt der Vorfall schon eine Weile zurück. Seit über drei Jahren lebt die Familie mittlerweile in Deutschland. Deswegen beherrscht Akram die Sprache schon ziemlich sicher, deswegen kann sie relativ gefasst von allem, was nach dem Tod ihres Vaters passierte, erzählen.

„Wir sind sofort geflüchtet“, sagt sie. Gemeinsam mit der Mutter, zwei Schwestern und zwei Brüdern ging es Richtung Europa – trotz des gerade anbrechenden Winters. Mal mit dem Auto, mal zu Fuß. „Das war sehr schwierig“, erinnert sich Akram. „Es war sehr kalt, wir hatten kein Essen, kein Trinken.“ Die Familie hatte sich einer Gruppe von gut 30 Personen angeschlossen, die alle das gleiche Ziel verfolgten: weg von Krieg und Terror. Welche Länder sie genau durchquerte, bekam Akram gar nicht mit. Einfach immer weiter.

Bei hereinbrechender Dunkelheit hätten einige der Männer Äste von Bäumen abgebrochen, erzählt Akram, um Feuer zu machen. „Aber wer kann da schon schlafen?“, fragt sie. Es war eine strapaziöse Reise. Nach einigen Wochen wurde die Mutter krank. „Ich kann nicht mehr laufen“, habe sie gesagt, berichtet Akram. Sie habe die Kinder aufgefordert, weiterzugehen, sie zurückzulassen. Doch die Gruppe hielt zusammen. „Alle haben gewartet und ihr geholfen“, betont Akram. Nach etwa einem Monat landete die Familie schließlich in Gießen. Seit zweieinhalb Jahren wohnt sie in einer Dreizimmerwohnung in Langen, seit zwei Jahren besucht Akram die Max-Eyth-Schule. Mittlerweile hat sich die Familie mit der neuen Lebenssituation arrangiert, auch wenn nicht immer alles einfach ist. „Eigentlich wollten wir nicht weg aus Afghanistan“, sagt Akram. Doch es ging nicht anders. Ein Zurück – das steht für die Familie jedoch fest – wird es, kann es nicht geben.

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In Deutschland könne man „ohne Angst leben“, sagt Akram, wenngleich sie sich hin und wieder noch ein paar Gedanken macht. Im Sommer wird die junge Frau aller Voraussicht nach ihren Hauptschulabschluss in der Tasche haben, danach möchte sie eine Ausbildung zur Zahnarzthelferin anfangen. Die Chancen stehen gut, mehrere Praxen haben sie bereits zu Bewerbungsgesprächen eingeladen. Bald steht das erste an. „Die Leute hier sind sehr gut zu uns“, sagt Akram. Und plötzlich huscht wieder ein Lächeln über ihr Gesicht. Eins, das weder Verlegenheit noch Überforderung signalisiert – ein Lächeln der Dankbarkeit.

Rubriklistenbild: © Schubert

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