Maru Belete Alemu verlor Mädchen auf dem Mittelmeer

Flüchtling sucht in Europa seit zwei Jahren nach Tochter

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Über dem Mittelmeer hat sich die Spur von Maru Belete Alemus Tochter verloren. Sollte die Kleine noch leben, und das hofft ihr Vater inständig, dann ist sie jetzt sechs Jahre alt.

Langen - Drei zerknitterte Fotos sind Erinnerung und Auftrag für Maru Belete Alemu. Sie zeigen ein kleines Mädchen beim Eis essen, eine Frau inmitten grüner Pflanzen. Die Bilder leiten den Äthiopier auf seiner Mission. Von Manuel Schubert

Seit zwei Jahren durchkämmt er halb Europa auf der Suche nach seiner verschollenen Tochter. Mitten im Gespräch kramt Maru Belete Alemu eine schwarze Laptop-Tasche unter dem Tisch hervor. Kein Computer steckt darin, nicht mal ein Kabel, und doch hat sie unschätzbaren Wert für ihren Besitzer. Er greift hinein und zieht die drei Fotos heraus. Schon arg lädiert, sind sie dennoch sein Ein und Alles.

Es ist ein Tag irgendwann im Jahr 2013, der das Leben des Äthiopiers für immer verändert. Seine Ehefrau Merkeb und die gemeinsame Tochter Mkdes konnten irgendwie einen Platz auf einem Boot ergattern, das des Nachts von Libyen nach Italien übersiedeln soll. Es ist ein Selbstmordkommando, doch die beiden gehen das Risiko ein. Raus aus dem ewigen Bürgerkrieg, raus aus der Ungewissheit. Der Traum vom besseren Leben in Europa treibt sie an. Zwischen 70 und 80 Leute sind auf dem Boot, so genau kann das niemand überblicken. Es herrscht das blanke Chaos, der Kutter ist völlig überladen. Und es kommt, was kommen muss: Er kentert. Nur vier Leute überleben.

Maru Belete Alemu spricht mit den Überlebenden, mit Leuten, die das Schiff geborgen haben, mit einem Freund, der beim italienischen Roten Kreuz arbeitet. Und dann die unglaubliche Nachricht: Die Tochter Mkdes, damals gerade einmal vier Jahre alt, soll überlebt haben. Seine Frau, das hört Belete Alemu aus vielen Mündern, ist wohl unter den Opfern. Finale Gewissheit gibt es darüber nicht, aber Belete Alemu ist sich sicher: „Sie hätte einen Weg gefunden, sich bei mir zu melden.“ Doch die Hoffnung, zumindest seine Tochter eines Tages wiederzufinden, treibt ihn an.

Der Himmel über Langen ist grau, als der Äthiopier zwei Jahre später in einem kleinen Konferenzraum im dritten Stock des Rathauses seine Geschichte erzählt. Eine braune Cord-Kappe wirft einen Schatten auf sein Gesicht, auf die fleckigen Wangen, auf die eingerissenen Lippen. Seine Hände sehen abgenutzt aus, die Nägel schwarz und kaputt, die Haut ledrig. Dieser Mann, das fällt schnell ins Auge, hat einiges hinter sich. Und doch lacht er oft, dieser kleine, schmächtige 49-Jährige in der schwarzen Fleecejacke. Es ist ein Wunder, dass er das noch kann.

Nach Rettungseinsätzen: Tausende Migranten erreichen Italien

Im Sommer 2014 ist Belete Alemu selbst in ein Boot gestiegen und nach Europa gekommen. Unglaubliche 103 Leute reisten mit ihm, und wieder gab es Probleme. Das Benzin war plötzlich alle, die Menschenmasse überforderte den kleinen Motor. Und die Truppe verbrachte 23 Stunden auf dem Mittelmeer, bevor sie von der italienischen Polizei gerettet wurde. Um ein Haar hätte Belete Alemu seine Laptop-Tasche, die Fotos, die Erinnerungsstücke zu Hause lassen müssen. Auf dem Flüchtlingsboot wurde jeder Zentimeter gebraucht. Doch er brauchte die Bilder. Vielleicht würde ja irgendwer die Tochter wiedererkennen? Er erzählte seine herzzerreißende Geschichte, und sie berührte sogar die Schleuser. Er durfte die Tasche mitnehmen.

Belete Alemu wollte unbedingt nach Deutschland. „Die Deutschen wollen mir helfen“, sagt er in gebrochenem Englisch. „Nicht so, wie die Italiener.“ Im September kam er in München an, im Oktober wurde er nach Gießen gebracht und von dort aus nach Langen geschickt. Nun wohnt er mit 14 anderen Flüchtlingen in einer Gemeinschaftsunterkunft, sie kommen wie er aus Äthiopien oder aus Eritrea, Afghanistan und dem Kosovo. „Wir verstehen uns gut“, sagt der Neu-Langener.

UN: Wir leben in einer Ära der Vertreibung

Warum hat die kleine Familie all das auf sich genommen? Maru Belete Alemu hatte im äthiopischen Bürgerkrieg als Soldat für die kommunistische Regierung gekämpft. Nach dem Sturz der Machthaber verwiesen ihn die Rebellen des Landes, weshalb die Familie 1992 in den Sudan flüchtete, wo jedoch ebenfalls Gewalt und Leid auf der Tagesordnung stehen. „Da war es auch nicht besser“, sagt Belete Alemu. Denn insbesondere Christen – er ist orthodox – müssen ständig um ihr Leben bangen, über allem steht die Scharia. Er habe immer nur für den Frieden kämpfen wollen, klagt Belete Alemu. „Äthiopien braucht eine demokratische Regierung“, urteilt er. „Wenn es die gibt, bin ich der Erste, der zurückkommt.“

Doch nicht bevor er seine Tochter endlich gefunden hat. Ab und zu gibt es einen neuen Hinweis, einen neuen Hoffnungsschimmer. Dass die Tochter in Italien oder Malta gesichtet worden sei, hat der Familienvater schon oft gehört. Eine heiße Spur war noch nicht dabei. Einst soll sie gar in Deutschland gesehen worden sein. Ein weiterer Grund für Belete Alemu, in die Bundesrepublik zu kommen. Aber: Fehlalarm. Einmal ist er selbst nach Italien gereist und hat auf eigene Faust gesucht. Genutzt hat es alles bislang nicht. Es sind viele schreckliche Szenarien denkbar. Wurde die heute Sechsjährige verhaftet oder gar entführt? Ist sie überhaupt noch am Leben? Maru Belete Alemu wird weitersuchen. „Nur Gott weiß, ob sie noch lebt“, sagt er. „Ich hoffe es.“

Bilder: So helfen Sie Flüchtlingen in der Region

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