Scharfe Kritik an der Gesundheitspolitik

„Mehr Patienten, aber weniger Ärzte“

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Symbolbild

Langen/Dreieich -  Einen Ärztemangel gibt es nicht nur auf dem Land, sondern mittlerweile sogar mitten im Rhein-Main-Gebiet. Von Markus Schaible 

Das sagt Dr. Matthias Scholz, Vorsitzender des Medizinischen Qualitätsnetzes Langen Dreieich (MQLD) – und verweist darauf, dass in beiden Städten sowie in Egelsbach die Zahl der Allgemeinmediziner trotz Bevölkerungswachstums schon bald abnehmen dürfte. „Wir hatten ein sehr gutes Gesundheitssystem, wir haben noch ein gutes, aber ich habe Angst vor der Zukunft.“ Dr. Matthias Scholz, Vorsitzender des MQLD, in dem sich die niedergelassenen Ärzte aus Langen, Egelsbach und Dreieich zusammengeschlossen haben, ist bekannt als Mann, der Klartext redet. Und so nutzt der im Fachärztezentrum an der Asklepios Klinik praktizierende Internist den Frühjahrsempfang des Netzwerks dazu, die Ziele des neuen Bundesgesundheitsministers Jens Spahn („ein Banker und Politikwissenschaftler“ – diese süffisante Bemerkung kann sich Scholz nicht verkneifen) der Realität im Westkreis gegenüberzustellen.

Mit gerade mal 8000 neuen Stellen bundesweit und besserer Bezahlung (während gleichzeitig die gesetzlichen Kassenbeiträge sinken sollen) wolle Spahn den Pflegenotstand bekämpfen. Dabei seien, wie die aktuelle Grippewelle gezeigt habe, die Kapazitäten der Krankenhäuser im Rhein-Main-Gebiet „gnadenlos erschöpft“. In der Notaufnahme hätten beispielsweise Ober- und Chefärzte aushelfen müssen, um dem Patientenansturm Herr zu werden; bis nach Gelnhausen und Gießen hätten Kranke verlegt werden müssen. „Die Politik wünscht eine 100-prozentige Auslastung der Kliniken im Alltagsbetrieb – also vergleichbar mit Opel am Fließband“, kritisiert Scholz. „Medizinische Ausnahmesituationen lassen sich so nicht mehr bewältigen.“

Das Eingreifen der Politik („bei fehlender Fachkenntnis“) verschlimmere die Situation mit jeder neuen Verordnung. Während Spahn noch von einem Ärztemangel auf dem Land rede, sei dieser längst in der Stadt angekommen. So sei in Dreieich bereits eine allgemeinmedizinische Doppelpraxis mangels Nachfolgern geschlossen worden; die Verteilung der Patienten auf andere Praxen habe dort teilweise zum Aufnahmestopp geführt. In Langen sehe es derzeit so aus, als könne die Schließung einer Doppelpraxis gerade noch verhindert werden, da nach intensiver Netzwerkarbeit doch noch ein potenzieller Nachfolger gefunden worden sei. Aber ein Blick auf die Altersstruktur der Allgemeinmediziner im MQLD-Bereich und die überaus schwierige Suche nach Nachfolgern lasse befürchten, dass Egelsbach in fünf Jahren nur noch ein oder zwei Hausärzte haben werde und auch in Langen sowie Dreieich jeweils fünf Stellen wegfallen werden. „Auch der Ansatz einer Videosprechstunde erscheint mir bei immer älter werdender Gesellschaft keine echte Alternative“, kommentiert Scholz entsprechende Vorschläge. Und der Wunsch aus Egelsbach, angesichts des Bevölkerungswachstums einen eigenen Kinderarzt zu erhalten, werde sich mit großer Wahrscheinlichkeit auch 2023 noch nicht erfüllt haben.

Medizin kurios: Bei diesen Patienten staunt sogar der Arzt

Wenn Minister Spahn nun eine Verkürzung der Wartezeiten für gesetzlich Versicherte erreichen wolle, müsse aber klar gesagt werden, warum es diese gebe. Denn gesetzliche Vorgaben führen nach Scholz’ Worten dazu, dass ein Arzt nur eine bestimmte Anzahl von Patienten pro Tag behandeln dürfe, ansonsten werde eine Strafe fällig. Dies betreffe aber nur „nicht dringliche Routine-Untersuchungen“ – im Notfall sei durch das Ärzte-Netzwerk eine Untersuchung am gleichen Tag oder zeitnah möglich. „Aber das kann ein Minister, der Gesundheitspolitik vom Schreibtisch beziehungsweise vom Computer aus macht, natürlich nicht wissen.“

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