Nacht der Nicht-Unabhängigkeit Schottlands

Eine ganze Nation mit Gänsehaut

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Michael Schmidt schlug sich in der Auszähl-Zentrale am Edinburgher Flughafens die Nacht der Nächte um die Ohren. Am Ende freuten sich die „Better-Together“-Anhänger

Langen/Edinburgh - Schottland-Liebhaber Michael Schmidt aus Langen erlebt die Nacht der Nicht-Unabhängigkeit in der Auszähl-Zentrale live mit.

Die Nacht, in der ganz Schottland die Luft anhält, verbringe ich in einer klammen Messehalle im Nirgendwo des Edinburgher Flughafens. Genau dort, wo im Sommer die Kühe für die Royal Highland Show stehen. Zusammen mit Journalisten aus aller Welt erlebe ich bei der offiziellen Auszählung, wie die schottischen Unabhängigkeitsträume an nackten Zahlen zerschellen. Aber ich hatte es ja selbst so gewollt.

Als die Abstimmung zur schottische Unabhängigkeit näher rückte, war mir klar: „Das ist ein historisches Datum und Schottland deine zweite Heimat, da musst du hin.“ Und so verfolgte ich live, ob die Schotten nach 307 Jahren mit der Abspaltung Ernst machen würden.

Dieses Land jenseits des Flusses Tweed ist anders als das „englische“ Great Britain. Das wurde mir erstmals bewusst, als ich mit 17 Jahren per Interrail-Tour nach Schottland kam. Ich erinnere mich, wie ein mitreisender Freund in einer Telefonzelle stand und seinem Gegenüber am anderen Ende der Leitung bat, etwas langsamer Englisch zu reden. Die barsche Antwort folgte auf den Fuß: „Ich rede kein Englisch, ich rede Schottisch.“

Nicht England, sondern Schottland

Sieben Jahre später kehrte ich zurück, um in Glasgow zu studieren. Unter dem Schlagwort „Devolution“ erhielten die Schotten in diesen Jahren erstmals mehr Macht von der Zentralregierung. Der Bau des ersten eigenen Parlaments verschlang unendlich viel Geld, was aber nicht verhinderte, dass eines Tages ein mächtiger Balken von der Decke fiel. In Deutschland nahm man von dieser Panne kaum Notiz.

Der schottische Parlamentsabgeordnete Cameron Buchanan bejubelt den „No“-Vorsprung.  

„Wie war dein Studium in England?“, hieß es später immer. Ich: „Nein, Schottland.“ Ist doch dasselbe, oder? Nein, ist es nicht! Es gibt Unterschiede im Rechtssystem, ein eigenes Schulsystem, eigene religiöse Traditionen – und, und, und… Schotten errichten riesige Monumente für mittelalterliche Freiheitskämpfer wie William Wallace oder Robert the Bruce – und die Nachfahren dieser Helden lieben die alten Geschichten. Die 700-Jahr-Feier zur Schlacht von Bannockburn war dieses Jahr ein großes Ereignis. Kurz gefasst, wagte es der König des großen Englands im Jahr 1314, die kleinen Schotten zu verdreschen, die kleinen Schotten hauten zurück – und gewannen ihre Unabhängigkeit. Leider ist die Sache heute viel komplexer.

Als ich 2008 als Korrespondent nach Glasgow ging, konnte ich in den deutschen Redaktionen mit Whisky, Dudelsack und erneuerbaren Energien punkten. Aber schottische Politik? Der Kollege eines großen Wochenmagazins tönte sogar, dass er nicht nach Edinburgh reise. Die provinzielle Politik interessiere ihn nicht. Damit teilt er die Einstellung vieler deutscher Kollegen, die uns vom fernen London aus weismachen wollen, sie wüssten über Schottland Bescheid.

Was besonders in Glasgow auffällt, sind die krassen sozialen Gegensätze. In manchen Gegenden ist die Lebenserwartung mit 53 Jahren die niedrigste in Europa. Die Schwerindustrie, die Glasgow einst zur „zweiten Stadt im Empire“ machte, ist verschwunden. Im Zuge der Wirtschaftkrise verloren auch viele meiner Freunde und Studienkollegen ihre Arbeit und lebten in prekären Verhältnissen. Hinzu kommt eine politische Sinnkrise. Es herrscht das Gefühl, in der britischen Regierung nicht repräsentiert zu sein. Denn dort sind die Konservativen am Drücker – und die sind in Schottland quasi unwählbar.

Die Welle der Begeisterung für die „Yes“-Kampagne hat trotzdem auch mich überrascht. Kaum ein Wahlexperte hätte vermutet, dass es kurz vor Torschluss ein Kopf-an-Kopf-Rennen geben würde – was den Kampf um die öffentliche Meinung natürlich befeuerte. In vielen Fenstern von Edinburghs hingen „Yes“ oder „Yo“-Schilder, beziehungsweise „Aye“ oder „Naw“, wie der Schotte sagt. Promis stellten sich hinter die Kampagnen, Businessleute, Zeitungen druckten Statements ab und schlugen sich auf die eine oder andere Seite. Hunde liefen mit Referendums-Stickern herum, es gab Törtchen mit „Yes“ und „No“- Zuckerguss zu kaufen. Vor dem Parlament versammelten sich Menschen mit schottischen, baskischen und katalanischen Fahnen – nebenan skandierten Anhänger der „Better Together“-Kampagne. Wer einmal die Auseinandersetzungen zwischen den Fußball-Erzrivalen Rangers und Celtics in Glasgow erlebt hat, für den ist die Kampagne relativ zivilisiert abgelaufen.

Was deutlich war: die Begeisterung der „Yes“-Aktivisten war echt. Bei einer Veranstaltung der schottischen Grünen etwa tanzten Frauen mit „Yes“-Plakaten – zur Bestätigung hupten vorbeifahrende Autos. Einige Meter weiter warnten mich „Labour Says No“-Leute vor den Abgründen, die mit einer Unabhängigkeit kommen würden. Hupen wollte da keiner. Letztlich hat dennoch die stille Mehrheit gesiegt. Es hat sich gezeigt, dass die große Unabhängigkeits-Party ebenso ausgeblieben ist wie das prophezeite Desaster. Doch viele Fragen sind auch durch ein „No“ noch nicht gelöst.

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