Ein Blick nicht nur fürs Weltwunder

Eva Miller fotografierte die Flora an der Chinesischen Mauer

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Eva Miller.

Langen - Ein farbenfroher Klecks inmitten des brüchigen Mauerwerks – damit fing für Eva Miller alles an. Eigentlich kehrte sie nur noch mal auf die Chinesische Mauer zurück, um herauszufinden, ob sie dort oben wirklich eine Azalee in leuchtendem Lila gesehen hatte. Und dabei fand sie weitaus mehr: eine vielfältige Flora, die die Hobbyfotografin so faszinierte, dass sie sie einfach in Bildern festhalten musste. Von Sina Gebhardt

Nie hätte sich Eva Miller träumen lassen, dass sie mit ihren Bildern aus China eine eigene Ausstellung auf die Beine stellen würde. Und doch hat die Volkshochschule eine Schau im Kulturhaus Altes Amtsgericht organisiert, wo bis 25. Februar die unglaubliche Artenvielfalt der „Mauerblümchen – Fotografien der Flora an der Chinesischen Mauer“ zu bewundern sind. „Ich habe bereits als Kind gerne geknipst und fand Kunst schon immer toll“, erzählt Miller. Aber vor dem gewaltigen Sprung zu einer eigenen Vernissage gab es für die Langenerin einige Zwischenschritte: Pflanzen bestimmen, Postkarten drucken und Vorträge, beispielsweise am Konfuzius Institut Frankfurt, halten.

Wolliger Flieder (Syringa pubescens) an der Chinesischen Mauer: Das Bild ist eines der Fotos, die Eva Miller derzeit im Kulturhaus Altes Amtsgericht zeigt.

Die Fotostrecke ist von April bis November 2011 entstanden, während Miller mit ihrer Familie in Peking lebte. Ihr Mann ist Sinologe (Sinologie = Chinawissenschaften oder Chinakunde) und als er die Möglichkeit hatte, in das asiatische Land zu gehen, fackelte sie nicht lange – obwohl sich gerade ihr inzwischen viertes Kind angekündigt hatte. „Es stand nie zur Debatte, dass wir nur eine Jahresendbeziehung führen würden.“ So brachte sie die Jüngste noch in Deutschland zur Welt und reiste dann 2005 mit Kind und Kegel ihrem Mann nach. Ein Flug, an den sich Miller noch sehr gut erinnert: „Die Chinesen mögen Kinder und haben mich im Flugzeug ständig beglückwünscht“, erzählt sie schmunzelnd. Aus den ursprünglich geplanten zwei wurden am Ende sogar sieben Jahre. Schon während ihres Studiums der Rechtswissenschaften hatte Miller dank eines Stipendiums in Nanjing leben können. Dass die Familie mitten in Peking im 14. Stock wohnte, tat sein Übriges dazu, dass die Eingewöhnung schnell ging. „Der typische Entsandte hätte sich dort wahrscheinlich nicht wohlgefühlt“, lacht die gebürtige Ulmerin, die während des Aufenthalts in China an deutschen Kindergärten und Schulen sowie als freie Mitarbeiterin am Goethe Institut Peking arbeitete. „Peking ist schön, aber anstrengend. Es ist wie das Rhein-Main-Gebiet – nur zugebaut.“

Trotz Kulturschock für das eine oder andere Kind hat sich die Familie in der neuen Heimat wohlgefühlt. Auch wenn die Kinder an einer deutschen Schule waren, haben sie natürlich alle die Sprache gelernt – im Falle der Jüngsten war das erste Wort sogar auf Chinesisch. „Die Sprache gilt zwar als schwer, aber ist eigentlich leicht – wenn man sie nicht gerade schreiben muss.“ Heimatbesuche in Deutschland waren aber gerade in den Ferien eine willkommene Abwechslung, gerade für die seit Kurzem 50-Jährige, die das Pendeln zwischen den Kulturen genießt.

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Pendeln ist dann auch das Stichwort zu ihren Ausflügen zur Chinesischen Mauer: Vier Stunden dauerte die erste Anfahrt zum unrenovierten Mauerabschnitt Jiankou, etwa 70 Kilometer nördlich von Peking, wo Miller auf ihre „Freunde“ gestoßen ist. Denn nach regelmäßigen, später zeitlich perfekt auf das Umgehen der Rush Hour abgestimmten Besuchen hat sie die Pflanzen ins Herz geschlossen. Während sie ihre erste floristische Entdeckung noch im Vorbeigehen machte, das Kind im Tragetuch und keine Kamera zur Hand, nahm sie sich später viel Zeit. Vier Stunden verbrachte Miller dann immer auf der Mauer, um die vielfältige Vegetation festzuhalten – Hitze und strapaziöse Auf- und Abstiege inklusive: „Ich war hinterher immer fix und fertig.“ Genossen hat sie ihre Ausflüge aber natürlich auch immer, denn auf „ihrem“ Abschnitt der knapp 6 300 Kilometer langen Mauer war sie meist alleine und die Luft – weit weg von Peking – gut zum Durchatmen.

Enzian, Chinesischer Bergpfirsich, gelbe Chrysantheme, Glockenblume, Flieder und natürlich die besonders liebgewonnene Azalee sind jetzt montags bis freitags von 8 bis 20 Uhr auch im Kulturhaus beheimatet. Und zum Teil bei den Millers zu Hause. Denn als die Familie 2012 nach Langen zurückkehrte, war das Verlassen der einen Heimat für die Rückkehr in die andere Heimat schwer genug: „Also habe ich mir ein paar Freunde aus China in den Garten geholt.“

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