Keine verminderte Schuldfähigkeit

Mord an Lehrerin: Gutachter sieht psychische Störung bei Ehemann

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Der Angeklagte soll zum Tatzeitpunkt schuldfähig gewesen sein.

Langen/Darmstadt -  Mit Spannung ist im Prozess um den Mord an einer Langener Grundschullehrerin das Gutachten des psychiatrischen Sachverständigen erwartet worden. Von Silke Gelhausen 

Ein handfestes Motiv für die unbegreifliche Tat des 47-jährigen Langeners an seiner Ehefrau konnte aber auch Professor Hartmut Berger aus Frankfurt nicht erkennen. Trotzdem präsentierte der Mediziner der Schwurgerichtskammer des Landgerichts Darmstadt aufschlussreiche Gesichtspunkte aus der Biografie des ehemaligen Krankenpflegers.

Der vorher nie mit dem Gesetz in Konflikt geratene Angeklagte hatte am frühen Morgen des 5. April 2018 ohne Vorwarnung seiner schlafenden 39-jährigen Ehefrau ein Sofakissen aufs Gesicht gedrückt und sie mit einer Hand gewürgt, bis sie starb. In der Vorgeschichte des Paares, das zwei Kinder im Teenageralterhat, deutet nichts auf das brutale Geschehen hin. Die von dem Deutsch-Bosnier ständig betonten finanziellen Sorgen scheiden als Grund eher aus. Das sieht zumindest der Vorsitzende Richter Volker Wagner so: „So katastrophal sahen die Konten doch gar nicht aus und es gab Licht am Ende des Tunnels. Ihre Gattin hatte eine feste Stelle, Sie eine von der Arbeitsagentur finanzierte Umschulung und der Hauskredit stand vor besseren Konditionen. Da bringt man doch nicht die Ehefrau um!“

Nein – das bestätigt auch Professor Berger. Er sieht beim Angeklagten in den zahlreichen Kindheitstraumatisierungen die Grundlage für eine schwelende psychische Störung beziehungsweise Depression. „Da gibt es genug Störfelder für die Persönlichkeitsentwicklung. Die dauerhafte emotionale Vernachlässigung als Kind und Jugendlicher hat eine Bindungsstörung hervorgebracht, die sich über die Jahre kanalisierte.“ Als dann seine Frau die Karriereleiter mühelos höher gestiegen sei und seine eigene Position als Ernährer immer schwächer wurde, seien die alten unverarbeiteten Konflikte wieder hochgekommen.

„Nicht nur die Selbstfindung der Frau muss er als extrem bedrohlich empfunden haben. Die ganze Familienexistenz war für ihn auf tönernen Füßen gebaut: Das Haus gehörte der Frau, die ihm immer mehr entglitt, die Kinder wurden langsam flügge und drohten irgendwann das Nest zu verlassen. Er befand sich in einer massiven Selbstwertkrise“, konstatiert Berger. Ihm seien regelrecht „die Felle weggeschwommen“. Für eine Schuldminderung oder gar Schuldunfähigkeit wegen seelischer Störungen nach Paragraf 20 des Strafgesetzbuchs reiche diese Diagnose allerdings nicht aus.

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Auch die Frankfurter Rechtsmedizinerin Constanze Niess ist am dritten Verhandlungstag mit ihrem Gutachten an der Reihe. Wie erwartet bestätigt Niess den Tod durch Ersticken: „Zwischen drei und fünf Minuten dauert es bei permanentem Luftabdrücken, bis der Hirntod eintritt. Solange muss die Tat also mindestens gedauert haben. Schafft es das Opfer dagegen, zwischendurch mal Luft zu schnappen, kann sich dieser Prozess endlos fortsetzen.“

Neben den in diesem Fall typischen inneren und äußeren Einblutungen habe die Lehrerin zwei gebrochenen Rippen und weitere Hinweise auf stumpfe Gewalt aufgewiesen. Und man fand eine Bissverletzung, die nicht vom Familienhund stammte. „Da waren frische menschliche Zahnabdrücke auf dem linken Oberarm. Hier muss sich das Opfer gewehrt haben und der Täter hat zugebissen. Es ist ihre einzige Abwehrverletzung“, erklärt die Medizinerin.

Bereits am nächsten Sitzungstag sollen die Plädoyers gehalten werden, möglicherweise wird dann sogar bereits das Urteil verkündet.

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