Skurrile Verhandlung vor Amtsgericht

Nicht im Sattel, ergo nicht schuldig

Langen - Wer betrunken Fahrrad fährt, begeht eine Straftat, sobald er mehr als 1,6 Promille im Blut hat. Mit stattlichen 2,1 soll sich ein Langener noch auf den Drahtesel gesetzt haben. Von Julia Radgen

Vor dem Amtsgericht Langen entpuppt sich der Fall als nebulöse Mischung aus zwielichtiger Kumpelschaft, unnötigen Wählens der 110 und schlechter polizeilicher Vorarbeit.
Auf der Anklagebank sitzt ein 66-jähriger Rentner, dem der Staatsanwalt vorwirft, im Oktober vergangenen Jahres „in Folge des Genusses alkoholischer Getränke“ mit einem Blutalkoholwert von 2,11 Promille unterwegs gewesen zu sein. Gegen 13 Uhr soll er das Fahrrad durch die Goethestraße unweit der viel befahrenen Südlichen Ringstraße gefahren und so fahrlässig andere Verkehrsteilnehmer gefährdet haben, so der Vorwurf der Staatsanwaltschaft. Eine „erhebliche verminderte Schuldfähigkeit“ des Betrunkenen könne nicht ausgeschlossen werden.

Richter Volker Horn fragt den Mann, ob er sich zu der Beschuldigung äußern möchte, doch dieser lässt seinen Anwalt eine Erklärung verlesen. „Die Alkoholisierung bestreiten wir gar nicht“, erklärt der Rechtsbeistand. Aber sein Mandant sei nicht mit dem Fahrrad gefahren, habe es lediglich in einen Unterstand in der Südlichen Ringstraße geschoben. Der Besitzer des Drahtesels, zur Verhandlung als Zeuge geladen, habe zwar behauptet, er habe den Angeklagten Fahrradfahren sehen. „So steht das in der Akte, im Januar hat es der Zeuge aber anders dargestellt“, erklärt der Anwalt.

„Ich wollte Spaß machen“

Auch der Senior meldet sich nun zu Wort, obwohl ihm sein Anwalt warnend zuraunt: „Sie müssen nichts sagen.“ Er sei nicht gefahren, stammelt er, wollte das Rad nur von der „Kneipe“ zum Unterstand schieben. Denn der 66-Jährige und auch die Zeugen waren zum fraglichen Zeitpunkt in einem Kiosk in der Goethestraße. „Ich wollte Spaß machen“, sagt der Angeklagte noch, kann das aber auf Nachfrage von Richter Horn nicht weiter erklären.

Licht ins Dunkel soll der Besitzer des Drahtesels bringen. Der 44-Jährige, ein selbst ernannter „Kumpel“ des Angeklagten, erzählt, eine Bekannte habe ihm gesteckt, dass sein Fahrrad weg sei. Als er es nicht finden konnte, gab er es als gestohlen an. „Ich habe ihn aber nicht fahren sehen“, betont der Mann. Er halte den Angeklagten ohnehin für zu klein dafür. „Das ist nicht möglich“, sagt der Mann. Ein Argument, das das Gericht nicht überzeugt, nachdem es ein Handyfoto des fraglichen Gefährts in Augenschein genommen hat.

Die Bekannte, die auf den mutmaßlichen Diebstahl hingewiesen hat, sowie ihr Mann sind ebenfalls als Zeugen geladen. Die 50-Jährige erzählt, dass der Angeklagte ankündigte, er wolle das Fahrrad mitnehmen. Daraufhin habe sie beim Besitzer des Rads – man kennt sich aus dem Lokal – Alarm geschlagen. „Er nimmt dein Fahrrad mit“. „Lass mal“, habe der erwidert, sei dann aber selbst vor die Tür nachsehen gegangen und habe die Polizei gerufen. Ob das nicht komisch wäre, fragt der Richter: „Die zwei kennen sich doch?“ Das bejaht die Zeugin.

Auch ihr 52-jähriger Mann sagt: „Ich konnte nicht verstehen, dass er gleich die Polizei ruft“. Er bestätigt die Version des Angeklagten: Dieser habe das nicht abgeschlossene Rad mitgenommen, um es zuhause „sicher abzustellen“. Über den Angeklagten sagt er zudem: „Manchmal macht der Sachen eben unüberlegt.“ Wie dessen Rechtsbeistand mittels Skizze nachweist, beträgt der Weg nur rund 90 Meter. Die spannende, strafrechtlich entscheidende Frage: Ist der Angeklagte gefahren oder hat er das Rad geschoben. Auch die zwei Zeugen sagen: „Er hat das Rad auf dem Gehweg geschoben.“

Archivbilder

Bilder: Prozess gegen Hells Angel

Richter Horn entscheidet, dass er den vierten geladenen Zeugen nicht mehr anhören muss. „Das ist ziemlich blöde, dass hier ein Riesenverfahren daraus gemacht wurde“, kritisiert der Vorsitzende noch vor der Urteilsverkündung. Er entscheidet – wenig überraschend – auf Freispruch. Nicht nur der Anwalt, sondern auch der Staatsanwalt hatte dies gefordert, weil der Angeklagte das Rad nicht gefahren habe. „Das bloße Schieben ist kein Führen eines Fahrzeugs, dafür muss man sich die Technik zunutze machen“, erläutert Richter Horn. Bei der Urteilsverkündigung lässt er es sich nicht nehmen, Kritik an den Ermittlungen zu üben. Hätte man die Zeugen zeitnah und „ordentlich“ vernommen, hätte man sich das Verfahren schenken können, so Horn. Dieser Seitenhieb bleibt aber ungehört: Der ermittelnde Beamte konnte der Verhandlung nicht beiwohnen, er weilte im Urlaub.

Rubriklistenbild: © Symbolfoto: dpa

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